Meinung

Frieden ist möglich!

Wandel durch Annäherung in Nahost: Ägyptens Präsident Sadat (l.), US-Präsident Carter (M.) und der israelische Regierungschef Begin (1979) Foto: dpa

Frieden ist möglich! Nicht gleich ein Weltfrieden, aber zumindest Frieden zwischen Israel und der arabischen Welt, zwischen Israel und den Palästinensern und Frieden zwischen Deutschland und den Juden.

Zwischen Deutschland und den Juden? Ja, das war kein Tippfehler. Wer mich kennt, der weiß, dass ich auch unangenehme Dinge anspreche, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, denn nur so kann man – ähnlich wie in einer Partnerschaft – über Krisen hinwegkommen und durch ehrliche und direkte Kommunikation einen Weg zueinander finden. Frieden kommt schließlich nicht von allein. Wir sollten ihm den Weg bahnen. Deshalb ist wirklich jeder gefragt, sich dafür einzusetzen.

KONTAKT Einsatz – jederzeit und überall! Daran glaube ich. Ja, selbst wenn es vielen hier ein wenig unrealistisch und naiv scheinen mag, bin ich der festen Überzeugung, dass ein positiver menschlicher Kontakt und der Aufbau von Vertrauen zwischen beiden Seiten letztendlich Wunder bewirken kann und wird.

Zwischen beiden Seiten Vertrauen aufzubauen, kann letztendlich Wunder bewirken.

Ich glaube, dass Anwar Sadat und Menachem Begin sich menschlich respektiert und gemocht haben. Ich glaube, dass König Hussein und Yitzhak Rabin wirklich eine freundschaftliche Beziehung zueinander aufgebaut haben. Und ich glaube, dass Konrad Adenauer die richtigen Signale ausgesendet hat, nur 20 Jahre nach Ende des Holocaust, was schließlich zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Israel im Jahr 1965 führte. Es war ihr persönlicher Einsatz. Wir schulden ihnen viel.

Hier handelte es sich um das Engagement von Staatsoberhäuptern. Nicht weniger wichtig jedoch ist der Einsatz eines jeden von uns, meine Person inbegriffen, ja auch Sie, die diese Zeilen lesen. Es geht darum, Vertrauen aufzubauen und sich unvoreingenommen in die Augen zu blicken. Ohne Frust. Ohne Vorurteile. Ohne Hass.

SPRACHE Letztendlich ist die persönliche Ebene die entscheidende. Wenn wir die hohe Politik und die teilweise schwer verständliche Sprache von Philosophen und Akademikern ein wenig beiseite lassen, uns auf Augenhöhe begegnen und über menschliche Dinge sprechen, dann verstehen wir einander mit einem Mal.

Genauso erging es mir vergangene Woche, als ich auf Einladung der Deutsch‐Israelischen Gesellschaft und mit Unterstützung des Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, Felix Klein, durch Deutschland touren, aus meinem Buch lesen und mit Hunderten Deutschen in Kassel, Hannover, Celle, Hamburg, Oldenburg und Aurich über aktuellen Antisemitismus in den verschiedenen Bereichen der Gesellschaft diskutieren durfte.

Frieden ist schwierig. Auch zwischen den Nachkommen der deutschen Nazis und den Juden.

Es waren vollgepackte Tage mit Dutzenden von Eindrücken für mich. Eindrücke, die mir wieder einmal sehr viel über meinen Geburtsort Deutschland verrieten, das Land, in dem ich Abitur gemacht habe und in der Bundeswehr diente, das Land, in dem ich als Jugendlicher in einem Problembezirk keine Zukunft und keinen Frieden für mich sah.

ISRAEL Frieden ist schwierig. Auch zwischen den Nachkommen der deutschen Nazis und den Juden. Und dies vor allem, weil nicht wenige Deutsche die Vergangenheit schlecht bewältigt haben und sich, statt den positiven Weg den Juden und Israel gegenüber einzuschlagen, für den antisemitischen Weg entschieden haben.

Denn wenn sie radikal rechts sind, dann hissen sie mittlerweile Plakate mit der Aufschrift »Israel ist unser Unglück«. Nicht Finnland, nicht Mexiko, nicht Palästina und auch nicht Syrien, nein Israel! Wenn sie aus der radikal‐linken Ecke kommen, befürworten sie nicht selten den Boykott eines einzigen Staates auf der Welt, des einzigen Staates mit einer jüdischen Mehrheit. Oder sie verdrehen in bestimmten Leitmedien bewusst Täter und Opfer, wenn es um Israel und seine Nachbarn geht. Wenn sie radikal‐muslimisch sind, dann sehnen sie sich teilweise nach einem »Hitler 2.0.« oder nehmen das Gesetz in die eigenen Hände und verprügeln Juden mit dem Gürtel auf offener Straße.

Und die breite Mitte der Gesellschaft? Die hat es sich teilweise zum Hobby gemacht, Israel zu kritisieren. Im Duden existieren die Worte »Israelkritik« und »israelkritisch«, nicht jedoch »venezuelakritisch«, »Norwegenkritik«, »Türkeikritik«, »hollandkritisch«, »irankritisch« … Es gibt nur «Israelkritik« und »israelkritisch«. Das ist unerhört. Israel ist der einzige jüdische Staat auf der Welt – und er wird auf diese Weise »legal« und in antisemitischer Weise herausgestellt.

UMARMUNGEN Es liegt noch sehr viel Arbeit vor uns. Doch Einsatz ist gefragt. Viele Deutsche habe ich während meiner Reise getroffen und wurde von nicht wenigen in den Arm genommen. Umarmungen der wahren Freundschaft, mit der Botschaft, dass wir wirklich endlich in Freundschaft und Frieden miteinander leben sollten. Zu viel ist passiert, als dass wir uns heute nicht in den Armen liegen sollten.

Und so berührten mich insbesondere die Worte einer älteren Dame nach der Abendveranstaltung in den Räumen der »Nordwest‐Zeitung« in Oldenburg, die mir ein wenig verstört, aber mit einem tiefen, sehr warmen Blick sagte: »Vielen Dank, Herr Shalicar, für alles, was Sie tun … für uns Deutsche.«

Arye Sharuz Shalicar ist ein deutsch‐iranisch‐israelischer Politologe, Publizist und Autor (»Der Neu‐Deutsche Antisemit«).

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