Sozialstaat

Freiwillig bis siebzig

Immerhin ist der öffentliche Nahverkehr preiswert: Alte Leute in Israel warten auf den Bus. Foto: Flash 90

Mira B. ist gut aufgelegt. Seit ein paar Monaten ist die 70‐jährige Buchhalterin pensioniert – und die Rente ist hoch genug zur Bestreitung ihres Lebensabends. Weil sie acht Jahre über das Pensionierungsalter hinaus gearbeitet hat, erhält sie jetzt von der Bituach Leumi, dem staatlichen Versicherungsinstitut Israels, knapp 2.000 Schekel, umgerechnet 400 Euro. Da sie zudem seit dem Ende ihres Studiums mit regelmäßigen Einzahlungen die Pensionskasse alimentiert hat, erhält sie weitere 3.000 Schekel (600 Euro).

Zudem lebt Mira in ihrer eigenen Wohnung; die Hypotheken sind seit einiger Zeit zurückbezahlt, so dass sie keine Miete zahlen muss. Insgesamt hat sie also 5.000 Schekel zur Verfügung, um den täglichen Unterhalt zu bestreiten – dazu gehört auch das Futter für ihre Katze »Mieze«. Im Jerusalemer Winter kommen dann nochmals 536 Schekel hinzu, als »Kältezulage«, ein Beitrag zu den Energiekosten.

Altersarmut Die Witwe Mira gehört zu den 6,5 Prozent Frauen, die nach dem Rentenalter weiter arbeiten. Die meisten hören mit 62 auf. Das offizielle Rentenalter für Frauen könnte aber bald schon auf 67 Jahre heraufgesetzt werden. Männer müssen derzeit schon bis zur Altersgrenze von 67 Jahren arbeiten. 18 Prozent nutzen aber die Möglichkeit, bis zum 70. Geburtstag angestellt zu bleiben – nicht zuletzt aus der Überlegung heraus, sich dadurch die staatliche Rente um 25 Prozent aufzubessern.

Die Basisrente ist, im Vergleich zu Westeuropa, zwar relativ niedrig. Ein Vergleich der Rentensysteme müsse aber weitere wichtige Faktoren berücksichtigen, sagt die Soziologin Barbara Swirski vom Sozialforschungsinstitut Adva Center. Dazu gehören die hohe Wohneigentumsquote von 70 Prozent sowie die im Vergleich mit Berlin oder London oft geringeren Lebenshaltungskosten.

Und doch: 22 Prozent der Alten gelten als arm, heißt es in einem Bericht der israelischen Zentralbank. Im Durchschnitt der OECD‐Länder sind es lediglich 13 Prozent. Die relativ hohe Armutsquote in Israel zieht sich über den ganzen Lebenszyklus, beginnt also nicht erst mit dem Rentenalter.

Arbeitsmarkt Zurückführen lässt sich das auf die zahlenmäßig starken Segmente der Orthodoxen und der Araber. Unter den Haredim gelten 60 Prozent als arm, unter den Arabern 50 Prozent. Sowohl die Orthodoxen als auch die israelischen Araber sind auf dem Arbeitsmarkt unterrepräsentiert.

Wenn sie einen Job haben, handelt es sich dabei in der Regel um schlecht bezahlte Stellen. »Orthodoxe und Araber verfügen nicht einmal über Qualifikationen, die in der Dritten Welt Standard sind«, sagt der Sozialwissenschaftler Dan Ben‐David von der Universität Tel Aviv. Entsprechend bescheiden sind denn auch die Renten und Bezüge im dritten Lebensabschnitt.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurde das System der israelischen Altersvorsorge dem OECD‐Standard angepasst. Das Rentenalter wurde heraufgesetzt, Pensionskassen wurden privatisiert. Bereits jetzt verfügen zwei Drittel der arbeitenden Bevölkerung über eine Pensionskasse. Seit 2008 sind Einzahlungen in die Pensionskasse obligatorisch.

Bis die Anpassungen greifen und die soziale Lage der Alten sich verbessert haben wird, dürften aber noch Jahre vergehen, sagen Sozialversicherungsexperten. Wer beim Ausscheiden aus dem Arbeitsleben nicht auf Pensionskassenbezüge zählen darf, kann sich immerhin auf Ergänzungszahlungen des Staates verlassen. Sie sollen die Minimalrente aufbessern, damit die Rentner auf umgerechnet 500 Euro kommen.

Besonders stark betroffen von der Altersarmut sind Schoa‐Überlebende – Schätzungen sprechen von 70.000, die mit weniger als dem statistisch festgelegten Minimalbetrag auskommen müssen, ab dem einer als bedürftig gilt. Weil die staatlichen Sozialzuschüsse in diesen Fällen nicht ausreichen, ziehen es Holocaust‐Überlebende mitunter vor, im siebten Lebensjahrzehnt nach Deutschland auszuwandern, wo sie mit etwas attraktiveren Bedingungen rechnen können.

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