Israel

Freiheit für Gilad!

Es gibt nur ein einziges Bild an diesem Morgen: Mit einer schwarzen Baseballkappe auf dem Kopf, in einem grauen, viel zu weiten Hemd steigt der junge Mann aus dem Auto, ägyptische Offizielle halten seine Arme. Strengt man sich an, erkennt man im Bruchteil einer Sekunde ein schüchternes Lächeln auf seinen Lippen. Dünn ist er, blass, doch er atmet, geht und steht. Er lebt. Gilad Schalit ist frei! Ganz Israel sitzt in diesem Moment vor den Fernsehern, ganz Israel hält in diesem Moment den Atem an. Er ist es wirklich. Nach 1.941 Tagen in Gefangenschaft der Hamas ist der israelische Soldat am Morgen des Dienstag endlich wieder auf heimischem Boden angekommen. Lebend und auf den ersten Blick in guter Gesundheit.

Zur selben Zeit warten in der Luftwaffenbasis Tel Nof Premierminister Benjamin Netanjahu, Verteidigungsminister Ehud Barak und Armeechef Benny Gantz darauf, den Befreiten in Empfang zu nehmen. In einem privaten Raum der Basis sitzt die Familie von Gilad – in fast unmenschlich großer Spannung, ihn nach fünf Jahren und vier Monaten in die Arme schließen zu können. Auf dem Weg zum Treffen hatte Gilads Vater, Noam, kurz beschrieben, dass sie alle natürlich äußerst aufgeregt seien. »Man kann sagen, dies ist der glücklichste Tag in unserem Leben.«

Fernsehen Seit den frühen Morgenstunden berichten die Fernsehstationen ohne Unterbrechung live aus verschiedenen Orten in Israel und den palästinensischen Gebieten: Aus dem Heimatort Mitzpe Hila, der Luftwaffenbasis Tel Nof, wohin Gilad zuerst gebracht werden wird, vom Grenzübergang zu Ägypten. Stundenlang hatten sich die Geschehnisse auf dem Bildschirm auf Konvois, Kommentatoren und Kamerateams beschränkt. Dann um 10.15 Uhr die erlösende offizielle Nachricht des Pressesprechers der israelischen Armee: »Gilad Schalit ist als der Entführte identifiziert worden, seine Stimmung ist gut, er befindet sich im Übergang nach Israel.«

Bis zu der Minute, in der mittlerweile 25‐Jährige tatsächlich frei ist – die Uhr zeigt 10.33 –, hatte es zahlreiche Irrungen und Wirrungen gegeben. Eine Fernsehstation aus Kairo berichtet schon um kurz nach sieben Uhr, Gilad Schalit hätte den Grenzübergang Rafah überquert und sei auf dem Sinai, CNN bestätigt, die Hamas dementiert, Israel schweigt. Die Spannung steigt ins fast Unerträgliche. Dann um 8.40 Uhr die offizielle Bestätigung aus Jerusalem: Gilad Schalit ist auf ägyptischer Seite angekommen. Von dort bringen Offizielle des Nachbarlandes ihn zum Übergang mit Israel, Keren Schalom.

Interview Angeblich hat Gilad ägyptischen Journalisten auf Nachfrage gesagt, die Hamas habe ihn gut behandelt. Dann strahlt Kanal 2 ein ägyptisches Interview mit Gilad von diesem Morgen aus: Er habe die Nachricht seiner Freilassung vor einer Woche bekommen. Doch im letzten Monat bereits habe er es gefühlt. »Aber ich habe keine Menschen gesehen. Und ich hatte solche Angst, dass noch etwas schiefgeht. Ich bin jetzt so aufgeregt.« Das Interview grenzt an Quälerei. Ob er weiß, dass 4.000 Palästinenser noch in israelischen Gefängnissen sitzen, fragt man ihn. Gilad atmet schwer. »Dass die Freigelassenen nicht zum Terror zurückkehren«, hofft er. Es wird nicht ins Arabische übersetzt. Er sagt, am meisten habe er natürlich seine Familie vermisst. »Es hat mir gefehlt, mit Menschen zu reden, sie zu treffen. Nicht immer nur zu sitzen, nicht immer nur dasselbe zu machen.«

Polly Mordechai, Sprecher der Armee, sagt in der ersten offiziellen Anpsrache: »Gilad babait be Israel – Gilad ist zu Hause in Israel.« Es ist elf Uhr und zwei Minuten.

Zur selben Zeit werden die ersten Häftlinge per Bus auf die ägyptische Seite überführt. Am frühen Morgen bereits sind sie vom Roten Kreuz identifiziert worden. Hamas‐Aktivist Ribchi Rantissi beschreibt die Feiern in Gaza: »Die Situation hier ist völlig anders als in Israel. Alle sind auf den Straßen, es ist ein Feiertag für die Menschen.« Auch in Bitunia, in der Nähe von Ramallah im Westjordanland, singen und tanzen die Menschen auf den Straßen mit grünen Hamas‐Flaggen in den Händen, um den »Sieg der Hamas« zu feiern.

Karnit Goldwasser, die Witwe von Udi Goldwasser, der im zweiten Libanonkrieg verschollen war und schließlich im Sarg nach Israel zurückkehrte, kämpft mit den Tränen. »Ich sehe die Bilder und muss an unser Schicksal denken«, sagt sie, »aber hier gibt es einen gravierenden Unterschied: Alles ist jetzt voller Optimismus.« Gilads Familie habe in der ganzen Zeit extrem unter Druck gestanden. »Ich kenne sie, es sind wundervolle Leute. Und ich freue mich, dass nach diesem Abschnitt der zweite beginnt – der bessere. Die Israelis würden sich über dieses Geschehen identifizieren, erklärt Goldwasser. »Wir sind ein besonderes Land, und ich bin stolz, Israelin zu sein.«

Freude Auch in Gilads Heimatort Mitzpe Hila explodiert die Stimmung, nachdem die Nachricht angekommen ist. Sektkorken knallen, die Menschen liegen sich mit tränenüberströmten Gesichtern in den Armen. Israelflaggen werden geschwenkt. Ein Nachbar der Schalits, Amir Gur Lavie, betont, dass Mitzpe Hila ein sehr kleiner und intimer Ort sei. »Wir alle warten auf Gilad, sind in großer Aufregung.« Die Bewohner hatten sich extra für diesen Tag neue T‐Shirts drucken lassen: »So schön, dass du wieder zu Hause bist«, steht in Blau darauf geschrieben. Es sei nicht leicht, sich zurückzuhalten, doch man müsse die Bedürfnisse der Familie und vor allem Gilads respektieren. »Wir müssen Geduld haben, doch in unseren Herzen würden wir am liebsten auf ihn zulaufen und ihn einfach nur festhalten.«

Dem Anführer der Kampagne zur Befreiung des israelischen Soldaten, Schimschon Liebman, fällt es schwer zu reden. »Mir kommen die Tränen«, bringt er heraus. »Es ist so aufregend. Es ist die wahre Freude. Wir haben fünfeinhalb Jahre versucht, das zu erreichen. Und jetzt ist es Wirklichkeit.«

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