Cinema Jenin

Film ab für den Frieden

Zum alten Kino? Immer geradeaus«, sagt ein graubärtiger Mann, der am Straßenrand frisch ge‐pressten Orangensaft verkauft. Es ist heiß in Jenin, im nördlichen Westjordanland, 90 Kilometer von Jerusalem entfernt. Wie ein Kino wirkt er nicht, der viereckige bunkerartige Betonklotz, der an der Hauptstraße, nahe des Marktplatzes, steht, wie verwaist. Das Coca‐Cola‐Reklameschild an der Fassade hängt schief, aber dennoch soll es hier auferstehen, das ehemals schönste Kino der Westbank. Marcus Vetter, der deutsche Regisseur, sitzt oben im Rang und telefoniert, er wirkt nervös. Vorne auf der Bühne ein junger Palästinenser vor seinem aufgeklappten Laptop, er bastelt an einem Trailer, der rasch fertig werden muss. Noch fehlen Stuhlreihen und die Leinwand, das meiste Equipment ist gerade in Containern unterwegs. Anfang August muss alles stehen, dann ist Eröffnung.

Pink Floyd Salam Fayad, der palästinensische Ministerpräsident, hat zugesagt, der Pink‐Floyd‐Musiker Roger Waters hat einen Song komponiert. Marcus Vetter wird Das Herz von Jenin aufführen, seinen Dokumentarfilm, an dem Ort, an dem der Film entstanden ist. Er erzählt die Geschichte eines Mannes, dessen 11‐jähriger Sohn von der israelischen Armee erschossen wird. Trotzdem entscheidet sich der Vater, die Organe seines Sohnes an israelische Kinder zu spenden, um deren Leben zu retten. Der Tübinger Regisseur hat dafür gerade den Deutschen Filmpreis gewonnen, aber für ihn war das nur der Anfang eines Lebensprojektes. Während der Drehzeit ist Marcus Vetter eines Abends spazieren gegangen und hat die Ruine im Zentrum der Stadt entdeckt. Ihm kam sofort in den Sinn, das Kino zu renovieren, hier palästinensische und israelische Filme zu zeigen, ein Symbol für den Frieden zu schaffen. Also ging er mit seiner Idee zum Besitzer des Kinos.

sponsoren Doktor Lamya sitzt auf einer weiträumigen Terrasse, sein Blick schweift über den Olivenhain, der sich vor ihm erstreckt. Das Öl, das er gewinne, sei köstlich, schwärmt er, so wie schon beim Großvater. Seine Frau serviert selbst gemachte Minzlimonade, sie trägt blondierte Strähnen und Dekolleté, gleich ist sie zum Shopping verabredet. Gut situierte Mittelschicht von Jenin. Lamyas Vater war der erste Mediziner des Ortes, er hat das Kino Anfang der 60er‐Jahre bauen lassen. Man konnte für ganz wenig Geld) indische und ägyptische Actionfilme oder amerikanische B‐Movies sehen, bis zum Ausbruch der ersten Intifada 1987. Da machte das Kino zu. Dann, 2008, kam Marcus Vetter, der friedliebende Deutsche, er wollte hier etwas schaffen.

»Aber mein Bruder machte ihm das Leben schwer«, sagt Lamya. Der stellte harte Bedingungen, pochte auf lebenslange Vorrechte und wollte Geld von der internationalen Organisation Cinema Jenin. Er glaubt, das Kino könne niemals profitabel sein. »Dabei ist es viel mehr als nur ein Kino«, ruft Lamya. Es soll eine kleine Industrie um das hochmoderne 3‐D‐Filmtheater entstehen, eine Filmschule, ein Synchronstudio, Schnitt‐ und Video‐Workshops, eine Kinobibliothek und Videothek, ein Open‐Air‐Kino, ein blühender Garten. Die ehemalige arabische Villa, die nur ein paar Schritte entfernt ist, wurde zu einem hellen Gästehaus umgebaut. Dort arbeiten derzeit Marcus und sein Team, später sollen Touristen in den Zwei – und Vierbettzimmern wohnen. »Nun schenken uns die Unternehmer sogar Sonne.«

Charme Al Jalbouni ist einer von ihnen. Er empfängt in seinem palastähnlichen Haus im großbürgerlichen Viertel von Jenin. Die Hecke ist gestutzt, ein fliederfarbener Rhododendron blüht im Garten, davor parkt ein Mercedes. Al Jalbounis Frau serviert mehrere Gänge. In der oberen Etage gibt es ein Fitnessstudio und einen Whirlpool im Bad. Al Jalbouni besitzt eine Stahl‐ und eine Metallfabrik, er ist mit 160 Mitarbeitern der größte Mittelständler des Ortes. Er schwärmt von »Marcus’ Charme«, der ihn für sich eingenommen habe, als er ihn das erste Mal in seinem Betrieb besucht hat, auf der Suche nach Mitstreitern für das Kino, nach einem Sponsor für das Dach. Nun soll dort ein Solarpanel installiert werden, das die Brandenburger Firma B 5 Solar dem Kino im April übergeben hat. Das Kino soll mit Sonnenenergie betrieben werden, ein ausbaufähiges Pilotprojekt. »In der Sonnenenergie sehe ich die Zukunft für die gesamte Westbank«, erklärt Al Jalbouni, der expandieren möchte. Sollten die Deutschen hier eine regionale Zweigstelle eröffnen, würde er sie gerne leiten. Von den Israelis redet er fast nie, er darf keine Geschäfte mit ihnen machen. Aber trotz der politischen Lage, sagt er, kann Jenin eine produzierende Stadt werden: »ein Ort, an dem man leben kann«. Als könne man sich einfach so neu erfinden.

Intifada Jenin war während der zweiten Intifada eine Hochburg der Selbstmordattentäter und Widerstandskämpfer, von hier aus wurden Anschläge geplant, nirgends wurde erbitterter gegen die Besatzung gekämpft. Sakaria Zbeidy war das Gesicht dieser Schlachten, die hier stellvertretend für den gesamten Nahostkonflikt ausgefochten wurden. Man trifft ihn im Gästehaus des Kinos, er hockt auf der Eingangstreppe, raucht. Das Gesicht ist mit schwarzen Flecken übersät. »Die stammen von einer Bombe, die neben mir explodiert ist«, sagt er gelassen, seine Stimme klingt sanft. Er müsste eigentlich tot sein. Als Gründer und Anführer der Al‐Aksa‐Brigaden stand er ganz oben auf der Feindesliste der israelischen Armee, sein Profil wurde in der New York Times veröffentlicht.

Aber er konnte ihnen immer wieder entwischen und kam später in den Genuss einer Amnestie. Nun lebt er unter permanenter Aufsicht, seine Familie darf er nur tagsüber besuchen. Sakaria Zbeidy ist im Flüchtlingslager von Jenin groß geworden. Er war Zeuge, als seine Mutter bei einem israelischen Luftangriff getötet wurde, war dabei, als sein Bruder starb. Seinem Vater ist er im Gefängnis begegnet, militarisierte sich. Als 2002 das Flüchtlingslager von israelischen Panzern niedergewalzt wurde, war Zbeidy zwei Wochen lang unter Schutt begraben, danach hat er die Waffen gestreckt. Nun soll er das Gesicht des Friedens sein und einer der künftigen Manager des Kinos werden. Marcus Vetter kommt vorbei, er klopft ihm auf die Schulter. Zbeidy lächelt. »Sakaria ist mutig, mit ihm kann man die Hand nach Israel reichen«, träumt Vetter immer noch. Das kleine Kino und die große versöhnende Geste.

Sessel Juliano Mer Khamis möchte sie vermeiden. Er war jüdischer Elitesoldat, heute nennt er sich einen jüdischen Palästinenser. Um ihn im Freedom Theatre, dem Freiheitstheater, zu treffen, muss man ins Flüchtlingslager fahren. Der Chauffeur steuert durch verwinkelte Straßen in den Hügeln, an der Grenze der Stadt. Juliano Mer Khamis sitzt auf dem orientalischen Sessel in seinem schlichten Büro, trägt Dreitagebart, schwarzes T‐Shirt, Jeans, er bietet Espresso an. Wie ein palästinensischer André Heller, ein Impresario. In einem Regal stapeln sich DVDs mit Kinski‐Filmen von Werner Herzog, europäischen Theaterstücken, Hamlet oder Shoppen & Ficken, provozierende Inszenierungen. Seine Mutter, eine Jüdin, hat einst einen palästinensischen Kommunisten geheiratet und ging in das Camp. Sie hat ein Kinder‐ und Jugendtheater gegründet, bekam den Alternativen Nobelpreis dafür, dann wurde es zerstört. Juliano Mer Khamis hat es wieder aufgebaut und führt es nun weiter. Das Projekt seines deutschen Kollegen aber beurteilt er skeptisch.

Er hat Marcus Vetter anfangs einen offenen Brief geschrieben, er wolle ihn unterstützen, aber man könne nicht tolerieren, »dass unsere Partner mit der israelischen Propaganda kooperieren«. Er wollte keine Hände ausstrecken, sondern in der Wunde rühren, er redet von Apartheid, dem Elektrozaun, der Arbeitslosigkeit, den Checkpoints: »Wir haben die Krankheit der Besatzung in unseren Knochen: Wie soll man da von Normalität reden?« Kunst, sagt er, solle nicht versöhnen, sie sei ein Instrument des gewaltfreien Widerstandes. Es hat lange gedauert, bis er sich das Kino überhaupt angesehen hat.
visionär »Juliano sieht in mir bestimmt auch einen Konkurrenten«, erklärt Marcus Vetter, als es dämmert in Jenin. Er sitzt mit seinem palästinensischen und deutschen Team auf der Terrasse des Gästehauses, sie sehen alle müde aus. Die Debatte kreist um die Frage, wie es denn weitergehen soll, wenn der Vater des Projektes nicht mehr da ist. Das Kino eröffnet. Aber was dann? Wird sich das Projekt finanziell tragen können? Welche Strukturen werden gebraucht? Marcus Vetter weicht aus, es soll ein bisschen chaotisch bleiben, sagt er, verrückt, kreativ, spontan. Er ist der Visionär, aber seine Rolle müsse jeder alleine finden. Palästinensische Männer und Frauen, sie werden miteinander reden, sich zuhören, kritikfähig werden. Sie haben nun einen Ort dafür, können ihre Identität nach und nach neu defi‐ nieren, miteinander, sie können mit sich und ihrem zerrissenen Dasein Frieden schließen. Erst mal das.

Marcus’ Handy klingelt, er wirkt angespannt, legt auf, guckt triumphierend in die Runde. Juliano war dran, sagt er. Er fragt, ob er bei der Kinoeröffnung mit seiner Truppe ein Theaterstück aufführen kann. Wie wär’s mit Shakespeare?

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