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Fiktion statt Fakten

Attestiert der Presse einen problematischen Umgang mit den Realitäten: Matti Friedman Foto: Mary Anderson

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Fiktion statt Fakten

Matti Friedman hat viele Jahre für die Nachrichtenagentur AP berichtet. Der Journalist kennt die Probleme der Gaza-Berichterstattung aus erster Hand

von Gunda Trepp  22.08.2025 11:20 Uhr

Ende Juli erschien auf dem unabhängigen Nachrichtenportal »The Free Press« ein Bericht, in dem der israelische Journalist und Autor Matti Friedman versucht, der Frage auf den Grund zu gehen, ob es in Gaza eine Hungerkatastrophe gibt oder nicht.

Das Ergebnis ist etwas, was man in den Medien oft verzweifelt sucht: eine ernsthafte Suche nach der Wirklichkeit. Und damit eine Analyse nicht nur der Zustände in dem Kriegsgebiet, sondern auch der israelischen Gesellschaft, die von der Weltpresse nach den Massakern der Hamas am 7. Oktober 2023 der furchtbarsten Verbrechen bezichtigt worden ist, von der ethnischen Säuberung bis zum Genozid an den Palästinensern. Neuerdings heißt es, Israel würde die Menschen im Gazastreifen gezielt aushungern.

Vor allem aber setzt sich Friedman in seinem Text mit den immensen Schwierigkeiten auseinander, mit denen jeder konfrontiert ist, der in diesem Krieg dem, was man Wahrheit nennen kann, zumindest nahekommen will. Wem könne man noch glauben, fragt er unmittelbar am Anfang. Und hakt offizielle Quellen aus dem Gazastreifen wie das Palästinensische Gesundheitsministerium oder das Flüchtlingshilfswerk UNRWA, die auf die eine oder andere Weise den Zielen der Hamas verpflichtet seien, sofort ab.

Doch auch die Regierung in Jerusalem habe das Vertrauen der Mehrheit der Israelis verspielt. Zu oft habe Premierminister Benjamin Netanjahu Fortschritte im Krieg vorgegaukelt oder Bemühungen um die Befreiung der Geiseln, die es in der beschriebenen Form nie gab.

»Ideologische Megafone«

Und selbst das israelische Militär sei manchmal wenig glaubwürdig, so Friedman. Wenn es beispielsweise Fotos, auf denen gut genährte Hamas-Terroristen zu sehen sind, die ihr Essen genießen, als aktuelle Aufnahmen präsentiert, obwohl diese in Wahrheit aus dem vergangenen Jahr stammten und einige der abgebildeten Personen schon nicht mehr am Leben sind.

Wirklich tragisch aber ist für den Journalisten, dass man den herkömmlichen Medien nicht mehr vertrauen könne, seitdem diese sich, wie Friedman es nennt, von »wahrheitsverpflichteten Institutionen in ideologische Megafone« verwandelt hätten. Denn dafür zahlten nicht nur die Medien selbst einen hohen Preis. Wenn die Trump-Regierung öffentlich-rechtlichen Sendern wie dem National Public Radio (NPR) nun die Mittel streiche, leiden ebenfalls liberale Gesellschaften. Immer öfter würden ihre Bürger deshalb »durch ein bewegtes Meer von Lügen und Propaganda« segeln, völlig losgelöst von jeder objektiven Realität.

Als Friedman nach dem Gaza-Krieg 2014 zum ersten Mal im »Tablet Magazine« über diese Scheinwelt reflektierte, schlug sein Beitrag so hohe Wellen, dass die Redaktion des renommierten liberalen »The Atlantic« ihn beauftragte, eine Fortsetzung zu schreiben.

Bei AP konnte er die Folgen des Wandels vom Redakteur zum politischen Aktivisten miterleben.

Er konnte dabei aus dem Vollen schöpfen. Denn der 1977 im kanadischen Toronto geborene Friedman lebt seit 1995 dauerhaft in Israel, war als Soldat im Libanon stationiert und spricht, ganz im Gegensatz zu den meisten Korrespondenten, fließend Hebräisch. Das hatte ihm in seiner journalistischen Arbeit von vornherein tiefere Einblicke in die israelische Gesellschaft sowie den Konflikt im Gazastreifen ermöglicht.

Zudem hatte Friedman in den Jahren zwischen 2006 und 2011 für die amerikanische Associated Press (AP) gearbeitet, eine der größten Nachrichtenagenturen der Welt. Dort konnte er an vorderster Front miterleben, welche Folgen der von ihm beobachtete Wandel von Redakteuren zu politischen Aktivisten hatte.

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Friedman begriff sehr schnell, warum es niemanden interessierte, dass Israel in allen großen Kriegen seiner Geschichte nicht gegen die Palästinenser gekämpft hatte, sondern sich in einer Auseinandersetzung mit den arabischen Staaten befand, die das kleine Land damals ebenso bedrohten wie heute der Iran. Die Tatsache, dass der jüdische Staat als »ein winziges Dorf am Rande des Vulkans« liegt, wie er es in einem späteren Podcast formulierte, dessen »Lava ein radikaler Islam« sei, schien gleichfalls irrelevant zu sein.

Denn all das hätte Israel eben nicht zu dem gemacht, was es in den Augen der internationalen Medien zu sein hatte: der starke Aggressor, der die Palästinenser in die Knie zwingen will. Um dieses Bild zu verfestigen, war es vor allem wichtig, den Lesern und Zuschauern nichts zu berichten, was Israel in irgendeiner Form hätte gut aussehen lassen.

Unerwähnt und ausgelassen

Dementsprechend habe Friedman nach Drohungen der Hamas gegen einen Mitarbeiter von AP in Gaza in den Berichten zum Krieg von Ende 2008, Anfang 2009 zahlreiche Fakten streichen müssen. Er habe die Leser explizit nicht darüber informieren dürfen, dass die Terroristen in Zivilkleidung kämpften, um im Falle ihres Todes in der Statistik als Zivilisten zu zählen.

Friedman hat die Leser explizit nicht darüber informieren dürfen, dass die Terroristen in Zivilkleidung kämpften, um im Falle ihres Todes in der Statistik als Zivilisten zu zählen.

Diese enorm wichtige Tatsache sollte ebenso unerwähnt bleiben wie die Exklusivnachricht eines Kollegen, dass Israels damaliger Premier Ehud Olmert Palästinenserchef Mahmud Abbas ein Friedensangebot gemacht hatte, wobei er in seinen Zugeständnissen über alles hinausging, was bis dahin verhandelt worden war. Eine Zeit lang sei es so weitergegangen, bis er 2011 frustriert kündigte, so der Autor.

Sich das alles jetzt noch einmal in Erinnerung zu rufen, ist auch deshalb so wichtig, weil sogar in Berichten zu den aktuellen landesweiten Protesten für ein Geiselabkommen, bei denen es einfach nur um die Befreiung der letzten Israelis geht, die immer noch in Hamas-Tunneln hungernd vor sich hin vegetieren, den Menschen in Israel mehr oder weniger offen unterstellt wird, sie würden das Leid der Palästinenser kaltherzig ignorieren.

Beispielhaft dafür war ein Text im britischen »Guardian« am vergangenen Wochenende. Das sei in diesem Fall, in dem es wirklich um hungernde Menschen geht, einer der furchtbarsten zu zahlenden Preise für die Aufrechterhaltung der medialen Dauerfiktion, schreibt Friedman in seinem Beitrag für »The Free Press«. Und zwar, dass Berichte auch wahr sein können und ihnen dennoch nicht geglaubt werde. Wie können durchschnittliche Medienkonsumenten in Israel angesichts der medialen Dauerfiktion überhaupt »noch wissen, was wahr ist«?

Doch diesmal war und ist der Hunger in Gaza real. Friedman, der sich selbst politisch als Mitte-links verortet, hat das ohne jede Ideologie verifizieren können. Durch Gespräche mit Experten, regierungsnahen Quellen und Kollegen, von denen er weiß, dass auch sie der Wahrheit verpflichtet sind. Durch guten Journalismus also.

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