Bildung

Ferien, die keine waren

Drei Dinge gehören zu den Sommerferien in Israel unbedingt dazu: Ausflüge mit der ganzen Familie, im Meer oder Schwimmbad herumtollen und mit guten Freunden durch die Gegend ziehen. Am 1. September geht die Schule wieder los. Doch Tausende israelischer Kinder waren nicht ein einziges Mal am Strand, durften nicht auf der Straße herumlaufen oder durchs Einkaufszentrum schlendern.

Stattdessen mussten sie vor Raketen aus dem Gazastreifen in Schutzräume fliehen oder saßen im Bunker – fast die gesamten großen Ferien lang herrschte Krieg. Und wie sich die Lage nach der am Dienstagabend in Kraft getretenen unbefristeten Waffenruhe entwickelt, weiß niemand.

Raketen Viele Kinder freuen sich darauf, wieder mit ihren Freunden herumzualbern und einen normalen Alltag erleben zu dürfen. Doch ob alle Schüler am Montag die Schulbank drücken können, ist noch nicht sicher. Premierminister Benjamin Netanjahu hatte während des Gaza-Krieges angeordnet, dass alle Bildungseinrichtungen, die über keinen Sicherheitsraum oder anderen ausreichenden Schutz vor Raketen verfügen, bis auf Weiteres geschlossen bleiben. »Die Sicherheit der Kinder steht an oberster Stelle«, erklärte er dazu.

Um den Mädchen und Jungen die Möglichkeit zu geben, die teils traumatischen Ereignisse besser zu verarbeiten, gibt das Bildungsministerium die ersten Tage nach Schulbeginn frei, um mit den Lehrern über den Krieg zu sprechen. Die Kinder und Jugendlichen sollen sich ihre Ängste von der Seele reden, Bilder malen und Fotos zeigen. Sieben Kinder und Jugendliche aus Israel haben unserer Zeitung erzählt, wie sie den Sommer erlebt haben.

Yali Shapira ist fast 15 und lebt mit seinen Geschwistern und Eltern in Tel Aviv. Er war die gesamten Ferien in Israel und erlebte den Raketenbeschuss seiner Heimat hautnah. »Anfangs war ich wie geschockt, ich wusste gar nicht richtig, was los war, und hatte große Angst, als die Sirenen plötzlich anfingen.« Sofort drehte sich alles nur noch um den Krieg, erinnert sich Yali. Sein fünftägiges Pfadfinderlager, auf das er sich seit Monaten unbändig gefreut hatte, wurde abgesagt. »Das war echt nicht cool.« Statt Spaß mit Freunden zu haben, musste er täglich in den Schutzraum rennen, »und draußen habe ich mich nirgendwo mehr sicher gefühlt«.

HaMazav »Einmal«, erinnert sich der Teenager, der in die neunte Klasse geht, »bin ich allein im Haus gewesen, als eine Rakete flog. Es war so schrecklich.« Ein anderes Mal seien nur die Geschwister da gewesen. »Meine Schwester und ich schliefen, als der Alarm losging. Unser Bruder musste uns wecken, damit wir uns in Sicherheit bringen konnten. Er ist erst sieben. Schon die kleinsten Kinder wissen, wie man sich verhalten muss.« Es macht Yali traurig, dass sogar die Jüngsten in Israel auf »HaMazav«, wie die Kriegssituation im Land genannt wird, eingestellt sind.

45 Sekunden Familie Ben-Ezri weiß mittlerweile ganz genau, wie man mit der Lage umgeht. Die Familie aus Aschdod lebte seit Beginn der Militäroperation »Protective Edge« am 8. Juli mit dem scheinbar nicht endenden Beschuss aus dem Gazastreifen. Und auch vorher bereits flogen immer wieder Granaten auf die Stadt. Die Kinder der Familie, Noy (12), Yuval (11), Omer (9) und Hadar (6), konnten zwei Monate lang nicht in ihren Betten schlafen. »Sondern im Schutzraum«, erklärt Noy, »damit wir im Ernstfall immer in Sicherheit sind und keine Sirene verschlafen.«

Wie die Ferien für die vier aus Aschdod waren? »Grauenhaft, schrecklich und enttäuschend«, fasst das Mädchen zusammen. »Wir waren fast nur im Haus, sind so gut wie nie rausgegangen. Es war einfach zu gefährlich.« Vier- bis fünfmal am Tag habe es Alarm gegeben, manchmal sogar öfter, weiß ihr Bruder Omer zu berichten. »Wenn er tagsüber plärrte, wusste ich, dass wir 45 Sekunden haben. Ich schrie dann ›Hasaka, Hasaka‹ zu meinen Geschwistern, weil man die Sirene bei uns nicht besonders laut hört. Dann rannten wir alle zusammen in den Bunker und warteten, bis es wieder vorbei war.«

Sommer »Meist haben wir dort ferngesehen oder gelesen«, erzählt Yuval. Das Mädchen aus der Hafenstadt wünscht sich inständig, dass die nächsten Ferien anders werden. »Das war kein richtiger Sommer, wir konnten nichts machen und hatten ständig Angst. Nicht einmal in den Park durften wir gehen. Sogar unser Hund fürchtet sich sehr und will gar nicht mehr raus.«

Hadar konnte gar nicht mehr mitzählen, wie oft sie dort gesessen hat. »Eigentlich die ganze Zeit.« Sie wünscht sich am meisten, dass es nun wirklich vorbei ist, damit sie ohne Sorge in die Schule gehen kann. In wenigen Tagen wird sie eingeschult und ist schon jetzt schrecklich aufgeregt. »Und wenn es da einen Alarm gibt, gehe ich eben wieder in den Sicherheitsraum. Ich weiß ja, wie das geht. Aber dann mit all meinen Freunden zusammen.«

Skateboard Der 14-jährige Ravid Fein hat die Ferien als nicht so bedrückend erlebt wie die Ben-Ezris. Die ersten Wochen des Beschusses war er mit seinem Eltern im Urlaub in den USA. Als er zurückkam, waren die schlimmsten Angriffe auf das Zentrum bereits vorbei. Trotzdem erinnert sich der Tel Aviver, dass er am Anfang Angst hatte. »Ich musste oft rennen, um Schutz zu suchen. Besonders gruselig war eine Situation, als ich mit einem Freund draußen auf dem Skateboard unterwegs war. Obwohl wir schnell fuhren, haben wir es nicht bis nach Hause geschafft, während der Alarm tönte. Wir mussten uns dann schnell in irgendeinem Hauseingang unterstellen. Das fühlte sich sehr seltsam an.«

Obwohl er die Situation für sich selbst als »nicht extrem schlimm« ansah, spürte er die Sorge seiner Eltern. »Sie wollten ständig wissen, wohin ich gehe und wo ich bin.« Außerdem fühlte Ravid mit den Menschen im Süden mit. »Das muss unerträglich sein. Es ist kein Leben da, glaube ich.«

Geburtstag Roni Kasantini hatte sich unbändig auf die Ferien gefreut. Mit ihrer Familie wollte die Schülerin aus Herzlija nördlich von Tel Aviv Ende Juli nach Wien und Slowenien fahren. Eine verdiente Auszeit nach drei Wochen des Raketenterrors. Doch dann der Schock: »Als wir ins Auto einsteigen wollten, um zum Flughafen zu fahren, bekam meine Mutter eine SMS von der Lufthansa, dass der Flug storniert wurde.« Obwohl die Eltern sofort versuchten, auf die heimische Linie EL AL umzubuchen, ging nichts mehr.

»Es war der Geburtstag meines fünfjährigen Bruders, die Koffer waren gepackt, und wir konnten nicht weg. Es war so furchtbar, ich habe nur noch geweint.« Zwei Tage später saßen die 14-Jährige und ihre Familie doch noch im Flugzeug. Genossen haben sie den Urlaub nicht wirklich. »Wir haben ja die Nachrichten mitbekommen. Es war unfassbar traurig, da konnten wir keinen großen Spaß haben.«

Auch nach ihrer Rückkehr flogen die Geschosse weiter und bohrten sich ins Gemüt der Kinder. Ronis Bruder Yair konnte nicht mehr allein schlafen, die kleine Schwester Noa wollte aus dem Schutzraum im Keller gar nicht mehr herauskommen. An den Strand zu gehen oder einfach draußen herumzulaufen, war tabu. »Wir mussten ständig in der Nähe eines Bunkers sein. Man weiß ja nie ...«

Roni wünscht sich für das neue Schuljahr nur eines: »Dass diese Ferien endlich zu Ende sind. Und der Krieg. Und dass endlich wirklich Frieden herrscht.«

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