Corona-Pandemie

Feiertage im Lockdown

Hinter Plexiglas: Beter in einer Synagoge im Jerusalemer Viertel Mea Schearim Foto: Flash 90

Apfelspalten in Honig tauchen, den Schofar blasen, die Sukka mit Selbstgebasteltem schmücken und vor allem endlich Zeit mit der Familie verbringen.

Das alles und noch viel mehr bestimmen die Hohen Feiertage in Israel normalerweise. Doch wenige Tage vor Rosch Haschana herrscht wenig feierliche Stimmung im Land. Stattdessen bereiten sich die Menschen auf einen zweiten nationalen Lockdown vor – widerwillig und verwirrt.

FALLZAHLEN Am Sonntagabend hatte die Regierung in Jerusalem angesichts steigender Corona-Zahlen die Verhängung eines Lockdowns beschlossen. Er soll ab Freitag 13 Uhr (MESZ) zunächst für drei Wochen gelten. Am Mittwoch teilte das Gesundheitsministerium mit, am Vortag seien 5523 neue Fälle registriert worden. Auch die Zahl der Schwerkranken lag mit 535 auf Rekordhöhe. Die Zahl der Corona-Tests war am Dienstag mit 55.734 so hoch wie nie zuvor. Jeder zehnte Test war positiv. Bislang sind in Israel 1147 Menschen an den Folgen von Covid-19 gestorben.

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte am Sonntag, Krankenhäuser hätten »die rote Fahne« gezeigt. Am Montag erklärte der erste Krankenhauschef, Professor Masad Barhoum vom Western Galilee Hospital in Nahariya, er habe angeordnet, keine Covid-19-Patienten mehr anzunehmen. Seine Einrichtung sei ausgelastet.

Während des Lockdowns werden alle nicht essenziellen Geschäfte, Schulen sowie Kindergärten geschlossen.

Während des Lockdowns werden alle nicht essenziellen Geschäfte, Schulen sowie Kindergärten geschlossen, die Anzahl der Beschäftigten in Unternehmen wird auf 30 Prozent reduziert. Die Israelis dürfen sich außer in Ausnahmefällen nur bis zu 500 Meter von ihrem Zuhause entfernen. Lebensmitteleinkäufe und Arztbesuche sind weiter erlaubt. Hotels, Restaurants und Einkaufszentren sowie Freizeiteinrichtungen bleiben dicht.

VERSAMMLUNGEN Außerdem gelten Versammlungsbeschränkungen: Bis zu 20 Menschen dürfen sich im Freien und bis zu zehn in Innenräumen zusammen aufhalten. Der Premier kündigte an, die Maßnahmen könnten verlängert werden, sollten die Zahlen nicht entsprechend sinken. Er wisse, dass die Maßnahmen einen hohen Preis verlangen. »Das sind natürlich nicht die Feiertage, an die wir gewöhnt sind. Wir werden nicht mit unseren Verwandten gemeinsam feiern können.«

Viele Israelis sind wütend, fühlen sich unfair behandelt und haben Angst vor der Einsamkeit. »Die Experten sagen doch, dass wir bald bei der Herdenimmunität angelangt sind. Wieso müssen sie uns dann wieder einsperren?«, wettert Taxifahrer Schmulik Zur aus Ramat Gan. »Heute sagen die Politiker dies, morgen das. Und dann erwarten sie, dass wir ihnen glauben und uns in unsere Häuser verkriechen? Aber da werden wir alle depressiv.«

Auch die letzte komplette Abriegelung hatte in Israel während eines Feiertages stattgefunden. Es war das Pessachfest im April. Der wochenlange extreme Lockdown hatte die Wirtschaft des Landes stark geschädigt. Teilweise lag die Arbeitslosigkeit bei 27 Prozent. Seit einigen Wochen hat sie sich auf 20 Prozent eingependelt, doch Wirtschaftsexperten gehen davon aus, dass sie mit einem zweiten Lockdown wieder ansteigen wird.

Viele haben Angst vor der Einsamkeit. Geschäftsinhaber fürchten um ihre Existenz.

Vor allem Geschäftseigentümer haben Angst vor einer weiteren Schließung. Viele drohen, sich nicht an die Restriktionen halten zu wollen. Nachdem sie bereits volle sechs Monate lang einen Rückgang bis zum kompletten Verlust ihrer Einnahmen hinnehmen mussten, sind viele am Ende ihrer Möglichkeiten angelangt. Das Finanzministerium will ein »Sicherheitsnetz« für Geschäftsinhaber erlassen, die durch den Lockdown noch weiter geschädigt werden, heißt es aus Jerusalem.

Doch das Marktforschungsunternehmen Czamanski und Ben Shahar geht davon aus, dass durch den neuen Lockdown 5000 weitere Geschäfte Konkurs anmelden müssen. Restaurants, Cafés und Bars würden rund 200 Millionen Euro Verluste erleiden. Insgesamt kann die Maßnahme die Wirtschaft bis zu fünf Milliarden Euro kosten, warnte Finanzminister Israel Katz.

PROTESTE Einige schließen sich den Protesten gegen Netanjahu an, die seit drei Monaten jeden Samstagabend vor der Residenz des Premiers stattfinden. Sie fordern den Rücktritt des Ministerpräsidenten, der in drei Fällen wegen Korruption angeklagt ist. Zudem beschuldigen sie ihn, bei der Corona-Krise versagt zu haben. »Ich habe alles zusammengekratzt, was ich hatte, bei Eltern und Freunden gebettelt«, erzählt der Eigentümer eines Live-Musik-Klubs aus Tel Aviv. »Nur, um den Laden zu retten.«

Seit Monaten sei es ein Auf und Ab. »Mal darf ich für Veranstaltungen öffnen, dann wieder nicht. Einige Wochen darauf sind Festivals erlaubt, also veranstalte ich die. Für September war ich ausgebucht. Ich hatte sogar wieder etwas Zuversicht. Die geplanten Veranstaltungen hätten nicht nur mich und meine Familie über Wasser gehalten, ich hatte sogar zwei Leute angestellt, die seit März arbeitslos waren.« Mit dem Lockdown wird er wieder die Türen zusperren müssen. »Woran soll ich noch glauben, worauf noch hoffen? Die Hilfe von der Regierung ist lächerlich gering. Dieses zweite Mal überstehen wir nicht.«

Auf Kanal zwölf des israelischen Fernsehens hatte ein Kabinettsminister den Lockdown anonym als »Wahnsinn« bezeichnet. Auch viele Hotelbesitzer sind erschüttert. Nicht nur, dass sie seit einem halben Jahr keine Gäste aus dem Ausland beherbergen können, jetzt wird das Geschäft mit inländischen Besuchern während der Feiertage zunichtegemacht. Besonders die Badestadt Eilat am südlichen Zipfel Israels ist hart getroffen. Hier liegt die Arbeitslosigkeit noch immer bei 40 Prozent. Doch Gesundheitsminister Yuli Edelstein betonte trotz harscher Kritik aus großen Teilen der Bevölkerung, es gehe »hier um Leben und Tod«.

GOTTESDIENSTE Der ultraorthodoxe Haus- und Bauminister Yaakov Litzman von der Partei Vereinigtes Tora-Judentum war zuvor wegen des Lockdowns zurückgetreten. Er beklagt, dass so »Hunderttausende Juden davon abgehalten werden, in Synagogen zu beten«. Gottesdienste sollen aber auch während der Restriktionen in begrenzter Form erlaubt sein.

Kurz vor dem Kabinettsbeschluss hatte der Corona-Beauftragte Ronni Gamzu vorgeschlagen, lediglich in Orten mit hoher Infektionsrate einen teilweisen Lockdown zu implementieren.

Kurz vor dem Kabinettsbeschluss hatte der Corona-Beauftragte Ronni Gamzu vorgeschlagen, lediglich in Orten mit hoher Infektionsrate einen teilweisen Lockdown zu implementieren – fast ausschließlich arabische und ultraorthodoxe Gemeinden. Der Vorschlag wurde angenommen, doch vor allem die streng religiösen Kreise widersetzten sich mit dem Argument, sie würden »diskriminiert«. Die frommen Parteien drohten Netanjahu, aus der Koalition auszusteigen – und der änderte prompt den Kurs.

Für viele Israelis kommen zu den wirtschaftlichen Sorgen immer größere emo­tionale Probleme hinzu. An den Feiertagen, an denen traditionell Großfamilien zusammenkommen, um gemeinsam zu essen, zu singen und zu beten, werden in diesem Jahr viele Menschen einsam sein – und den Beginn von 5781 allein verbringen.

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