Streetwise Hebrew

»Fehler zu machen, hilft«

Herr Sharett, welches Graffito in Tel Aviv mögen Sie besonders?
Ich habe nicht das eine Bild, das mir gefällt, weil sich alles so schnell wandelt. Aber ich mag die Momente, in denen ich an bestimmten Graffiti vorbeigehe und sehe, dass jemand den Text oder nur einen Buchstaben geändert hat. Dadurch bleibe ich aufmerksam für die kleinen Dinge und schalte nicht auf Autopilot. Manchmal sind es Wörter, die ich vielleicht nachsehen muss und über die ich nachdenke – auch für meine Touren durch die Stadt.

Die Sie schon seit einigen Jahren machen. Wie hat denn alles angefangen?
Von Kindesbeinen an habe ich immer Sprachen gelernt und war fasziniert von Dingen wie Lotterielose auf Niederländisch oder solchen Sachen. 2011, als die Sozialproteste in Tel Aviv waren, hatte fast jedes Zelt auf dem Rothschild-Boulevard ein eigenes Schild. Diese Plakate waren sehr kreativ, ich habe sie fotografiert und bei Facebook gepostet. Also habe ich eine Tour auf Hebräisch organisiert, und es kamen tatsächlich 20 Leute. Da merkte ich, dass es diese Subkultur von »Ulpan-Refugees« gab.

»Ulpan-Refugees«?

Junge Leute, die zum Beispiel in New Jersey, London oder Rio de Janeiro zur Sonntagsschule mussten, um Hebräisch zu lernen. Meistens werden sie von ihren Eltern dorthin geschickt, um die Sprache zu erwerben, aber irgendwie sind alle, um es einmal so auszudrücken, wenig begeistert davon. Viele haben ein Sprachlern-Trauma. Und diesen Leuten biete ich eine Sprach-Reha.

Wie sieht die aus?
Nun, wir stehen zum Beispiel neben einem Graffito und sehen uns die Verben, die Substantive et cetera an. Wir analysieren alles und lernen auf diese Weise Hebräisch – oder auch Arabisch. Es ist nie einfach nur Sprache. Es ist Sprache und Politik, Sprache und Religion, Sprache und Gesellschaft.

Wer, außer den ehemaligen Sonntagsschülern, kommt zu Ihnen?
Es sind Menschen, die nicht in einem Klassenraum sitzen möchten und lernen wollen. Außerdem: Wenn man Israelis und ihre Gewohnheiten verstehen will, geht das größtenteils über die Sprache.

Sie haben regelmäßig Podcasts, die sich mit ganz alltäglichen Wörtern wie »bitte« und »danke« befassen.
Weil es meistens nicht diese Eins-zu-eins-Übersetzung von »bitte« gibt. Dieses Wort wird im Deutschen, im Französischen oder Englischen anders verwendet als im Hebräischen. Im Hebräischen wird vieles über die Intonation geregelt. Wie bestellt man also einen Cappuccino in Israel? »Ani rozeh cappuccino, bewakascha?« Nein. Es hängt alles von der Umgebung ab. Sind wir in einem Café, ist die Kellnerin jung oder alt, ist es ein Hipster-Café und so weiter. Wann spricht man wie mit einem Professor und wann wie mit einem Typen mit Bart? Und genau um diese Feinheiten geht es in meinen Podcasts.

Einer Ihrer letzten Podcasts nahm das Wort Freund »Chawer« etwas genauer unter die Lupe.
Chawer hatte einmal die Bedeutung von Kamerad oder Genosse. Chawer Histradut, zum Beispiel, Gewerkschaftsgenosse. Dann wurde die israelische Gesellschaft immer kapitalistischer, und wir haben uns von diesen Dingen entfernt. Ende der 90er-, Anfang der 2000er-Jahre haben viele Leute wieder angefangen, Wörter wie Chawerim oder Chawer – im Sinne von Leute – zu nutzen. Heute im Café zum Beispiel wird man mit »Chawerim« begrüßt – das wäre in den 80er-Jahren noch nicht möglich gewesen.

Was gefällt Ihnen an Sprachen?
Sie verändern sich ständig, und man lernt nie aus.

In welchen Sprachen fühlen Sie sich zu Hause?
Ich beherrsche sieben Sprachen, aber ich habe nur eine Muttersprache, nämlich Hebräisch. Ich fühle mich im Englischen wohl, aber es ist und wird nie meine Muttersprache sein. Ich könnte Sie auf Thailändisch über Ihr Leben befragen, auf Arabisch könnte ich einen Vortrag halten, in Französisch könnte ich irgendwie mein Leben bewältigen – aber all diese Sprachen sind eben nicht wie diese eine.

Haben Sie Tipps, wie Menschen Sprachen besser lernen – insbesondere Hebräisch?

Man sollte einen guten Grundkurs besuchen, um die Grammatik und die Schrift zu erlernen, zu verstehen. Und wenn man jeden Tag ein bisschen lernt, durch YouTube-Clips, durch Galeil Zahal, durch hebräische Lieder, die man auf dem Fahrrad zwischen Kreuzberg und Neukölln vor sich hin summt – es bringt etwas.

Haben Sie kürzlich eine spannende Sprache gelernt?
Ja, Polnisch, um mit den sprachlichen Wurzeln meiner Familie in Kontakt zu kommen. Es ist eine so schwierige Sprache. Aber es war für mich eine so gute Erfahrung, in einer Klasse zu sitzen, nichts zu wissen, viele, viele Fehler zu machen. Ich erinnerte mich daran, wie es ist, eine Sprache zu lernen und sich etwas verloren zu fühlen. Meine Mitstudenten hatten polnische Eltern oder Großeltern und konnten schon die Grundzüge. Aber ich konnte gar nichts. Das allerdings macht nichts, denn aus Fehlern lernt man. Fehler helfen! Seit vier Jahren gebe ich bei mit zu Hause den »Arabic Salon«. Israelis, Palästinenser, Muslime, Christen, Juden sprechen zusammen Arabisch – nichts anderes.

Mit Guy Sharett sprach Katrin Richter.

www.streetwisehebrew.com
www.tlv1.fm/streetwise-hebrew

Türkei

Ehemalige israelische Soldatin in Istanbul festgenommen

Die Frau konnte erst nach diplomatischem Druck nach Hause zurückkehren

 27.02.2026

Spannungen in Nahost

USA raten Teil des Jerusalemer Botschaftspersonals und Angehörigen, Israel zu verlassen

Die amerikanische Botschaft empfiehlt US-Bürgern, die Möglichkeit einer Ausreise zu prüfen und warnt vor weiteren Maßnahmen

 27.02.2026 Aktualisiert

Kommentar

Die Kotel ist für alle da

Die Klagemauer könnte in Zukunft einzig vom orthodoxen Rabbinat verwaltet werden. Was als Schutz der Heiligkeit verkauft wird, wäre ein Angriff auf religiöse Vielfalt

von Sophie Goldblum  27.02.2026

Israel

Neue Pizza-Regeln für die Luftwaffe

Soldaten sollen künftig darauf verzichten, sich Speisen direkt ins Hauptquarter liefern zu lassen. Warum?

 27.02.2026

Verstrickungen

Geschäfte mit einem Mörderregime

Wie ein iranischer Banker ein europäisches Immobilienimperium aufbaute – inklusive Hilton-Hotels in Deutschland

von Philip Plickert  27.02.2026

Tel Aviv

Ex-Geisel Matan Angrest berichtet von Verhören und Folter durch die Hamas

Zum ersten Mal seit seiner Freilassung hat Angrest über seine Zeit in der Gewalt der Hamas gesprochen

 27.02.2026

Debatte

»Sie war mehr als froh, als alles zu Ende war«: Berlinale-Kreise: Tuttle überfordert und resigniert

Wie geht es nach Debatten um die Berlinale weiter? Eine Krisensitzung bringt nach Angaben des Kulturstaatsministers keine Entscheidung - zumindest vorerst

 26.02.2026

Politik

US-Konsulate erstmals in jüdischen Siedlungen

Die Angebote stehen im Kontext wachsender Spannungen und anhaltender Gewalt im Westjordanland

von Sabine Brandes  26.02.2026

Diplomatie

Israel und Indien vereinbaren »besondere strategische Partnerschaft«

Bislang galt für Israel: »Besondere strategische Partnerschaften« bestehen nur mit Deutschland und den USA. Jetzt wird auch die Zusammenarbeit mit Indien so eingestuft. Das hat Vorteile für beide

 26.02.2026