Interview

»Es tut mir weh, so viel Antisemitismus zu sehen«

Zuzi Hamori mit ihrem Hund Tschepi Foto: Privat

Interview

»Es tut mir weh, so viel Antisemitismus zu sehen«

Die Schoa-Überlebende Zuzi Hamori spricht über die mutige Aktion, mit der ihre Mutter ihr das Leben rettete, den schweren Neuanfang in Israel und den Judenhass in der alten Heimat

von Sabine Brandes  27.01.2026 14:16 Uhr

Frau Hamori, Sie wurden in der Slowakei geboren, haben den Holocaust in Europa überlebt und sind dann nach Israel gekommen. Wie genau?
Ich wurde am 23. Dezember 1933 in Košice geboren. Im Juni 1948 kam ich nach Israel. Das Land war gerade erst als neuer Staat gegründet worden, David Ben-Gurion hatte einen Monat zuvor die Unabhängigkeit ausgerufen. Ich war 15 Jahre alt, als ich hier im Hafen von Haifa im Norden an Land ging, meine kleinere Schwester Vera war elf. Wir sind ganz allein nach Israel gekommen.

Sie waren also sogenannte »verschickte Kinder«. Wissen Sie, wieso Ihre Eltern wollten, dass Sie in ein für Sie fremdes Land ziehen?
Mein Vater war tot, es gab nur noch meine Mutter. Aber ich habe wirklich keine Ahnung, was die Gründe waren. Wir haben niemals darüber gesprochen. Ich kann nur spekulieren, dass das Leben für meine Mutter in der Nachkriegszeit allein mit zwei Kindern zu schwer war.

Wie war Ihr Leben vorher in Europa?
Es war zum Teil sehr schwierig. Meine Heimatstadt lag damals an der Grenze zwischen der Slowakei und Ungarn. Die Grenze hat sich mehrfach verschoben, aber damals gehörte sie zur Slowakei. Mit fünf Jahren schickte mich meine Mutter zu meiner Tante, die jenseits der Grenze lebte. Einige Zeit später begannen die Nazis, die Juden in der Slowakei abzuholen. Also flüchtete auch meine Mutter nach Ungarn. Vorher habe ich sie jahrelang nicht gesehen. Dann kam sie eines Tages ins Ghetto, wo ich mit meinen Tanten wohnte, nahm mich an die Hand und spazierte einfach mit mir heraus.

Aber das Ghetto war doch von Nazis bewacht. Wie ist ihr das gelungen?
Meine Mutter Elsa war Zahnärztin und eine ungewöhnlich starke und kluge Frau. Doch vor allem war sie mutig. Sie schaffte Dinge, die für andere unmöglich schienen. Meine Tanten wollten nicht mitkommen, sie hatten Angst, das Ghetto zu verlassen. Doch meine Mutter wusste, dass Todesgefahr lauerte. Meine Tanten kamen schließlich nach Auschwitz. Glücklicherweise überlebten sie alle, denn das Ende des Krieges stand kurz bevor.

Wie ging es anschließend für Sie weiter?
Nachdem mich meine Mutter aus dem Ghetto gerettet hatte, brachte sie mich und meine Schwester bei einer Bäuerin unter, die auch andere Kinder aufgenommen hatte, um die sich niemand kümmern konnte. Dort versteckten wir uns. Wie lange, weiß ich nicht mehr genau, aber mindestens ein halbes Jahr. Oder vielleicht auch länger.

Später haben Sie Europa verlassen. Auf welchem Weg?
Das war schon nach dem Ende des Krieges. Wir fuhren allein mit dem Zug bis nach Breslau und von dort aus bis in den Hafen von Constanta am Schwarzen Meer in Rumänien. Da gingen wir auf ein Schiff, das uns in den Hafen von Haifa brachte. Die ganze Reise dauerte, wenn ich mich recht erinnere, einige Wochen.

Und wie ging es Ihnen, als Sie in Israel ankamen?
Wir wurden in ein Auffanglager gebracht, das nur aus Zelten bestand. Es gab keine Schule, und auch sonst so gut wie nichts. Einige Zeit später wurde ich in einen Kibbuz im Norden geschickt, um zur Schule zu gehen. Meine Schwester blieb allein zurück. Das war schrecklich. Ich war voller Sorge, ich musste mich doch um sie kümmern. Später kam auch sie in einen Kibbuz, allerdings in einen anderen. Wir sprachen die Sprache nicht und kannten uns nicht aus. Es war sehr schwer für uns.  

Hatten Sie Angst als junges Mädchen allein in einem fremden Land, mit der großen Verantwortung für eine jüngere Schwester?
Aber ja. Ehrlich gesagt weiß ich nicht mehr, wie ich überhaupt damit klargekommen bin. Allerdings war es eine Zeit, in der man keine Fragen stellte, besonders nicht als Kind oder junger Mensch. Man folgte den Anweisungen und machte einfach, was einem gesagt wurde.  

Wann änderte sich Ihre Situation?
Ungefähr ein Jahr später erreichte auch meine Mutter Israel. Ich denke, sie musste einfach noch viele Dinge in Europa erledigen, bevor sie zu uns kommen konnte. Doch als sie da war, wurde alles anders. Sicherer und klarer. Meine Schwester blieb zwar noch fünf Jahre in dem Kibbuz, bevor sie zu uns kam, aber mir gefiel es gar nicht in meinem Kibbuz, also holte mich meine Mutter heraus. Danach ließen wir uns in der Stadt Naharija im Norden Israels nieder, wo viele Menschen lebten, die aus unserer Heimatgegend kamen. Ich begann langsam, mich wieder wohlzufühlen. Ich lebe noch heute hier.

Wie sehen Sie die heutige Situation in der Welt – und besonders in Europa, Ihrer alten Heimat?
Es tut mir weh zu sehen, dass es wieder so viel Antisemitismus in Europa gibt. Manchmal frage ich mich, ob die Menschen nichts aus der Geschichte gelernt haben. Ich denke, die antisemitische Stimmung hängt zum großen Teil damit zusammen, dass es vielen Extremisten aus muslimischen Ländern erlaubt wird, nach Europa einzuwandern. Auch der Hass gegen Israel stimmt mich sehr traurig. Es ist ein Problem, das mich belastet. Ich wünsche mir von Herzen, dass sich das ändert. Ich habe noch etwas Hoffnung – aber nicht mehr sehr viel.

Mit der Schoa-Überlebenden sprach Sabine Brandes

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