Appell

»Es könnte mehr getan werden«

#BringBackOurBoys: verzweifelte Suche via Twitter-Hashtag Foto: dpa

Sie wollen nichts unversucht lassen. Die Mütter der entführten israelischen Jugendlichen Naftali Frenkel (16), Gilad Shaar (16) und Eyal Yifrach (19) sind nach Genf gereist, um vor dem Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen zu sprechen. »So viel mehr könnte getan werden, von so vielen«, sagte Racheli Frenkel in ihrer Rede. Seit zwei Wochen sind die Jeschiwaschüler verschwunden. Die Regierung in Jerusalem ist sich sicher, dass sie von der Hamas auf ihrem Heimweg verschleppt wurden.

»Ich bitte jeden, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um unsere Jungs wiederzubringen. Es ist falsch, Kinder als Instrument zu missbrauchen, für jeglichen Kampf. Ich bin heute als Mutter hier. Seit die drei entführt wurden, haben wir nichts von ihnen gehört.« Auch die beiden anderen Mütter, Bat-Galim Shaar und Iris Yifrach, sind mit nach Genf gekommen, um die internationale Gemeinschaft auf das Schicksal ihrer Söhne aufmerksam zu machen.

Zuvor hatte die US-stämmige Frenkel dem Fernsehsender CNN ein bewegendes Interview gegeben, in dem sie sagte, dass die Situation für sie surreal sei. Aus Sorge um Naftali würde sie kaum noch essen oder schlafen. Einzig ihre anderen Kinder würden sie vor dem Verrücktwerden bewahren. »Wir wollen sie einfach nur wieder zu Hause haben.« Nach einem Treffen mit Regierungschef Benjamin Netanjahu hatte Gilads Mutter erklärt, dass schwere Tage hinter ihnen liegen, »doch wir sind eine starke Nation, eine Nation, die gewinnt. Ich versuche, in dieser Zeit positiv zu denken.«

Die Crowdfunding-Seite headstart.co.il will derweil eine Belohnung aufbringen. Das Geld soll demjenigen zukommen, der Hinweise gibt, die zur Befreiung der Jungs führen. Etwa 100.000 Euro sollen so zusammenkommen. Initiator und Internetspezialist Matan Nachmani beriet sich vor der Aktion mit Freunden und Familie. »Und wir alle waren der Meinung, dass ein positiver Anreiz wie eine Belohnung dabei helfen kann, das Leben der drei zu retten.«

entführungs-app Damit das grausame Schicksal nicht noch mehr Familien trifft, bietet der Rettungsdienst »United Hatzalah« eine neue Applikation für Mobiltelefone an, die bei Entführungen helfen soll. Mit einem Wisch über das Display werden durch die App mit Namen »SOS« Rettungsdienst und Polizei informiert und die GPS-Daten des exakten Ortes geschickt, an dem sich das oder die Opfer befinden. Gründer Eli Beer erklärt den Sinn: »Unsere Mission bei United Hatzalah ist es, bei medizinischen Notfällen überall im Land innerhalb von zwei Minuten an Ort und Stelle zu sein. Nach der Enführung haben wir das Gefühl, dass wir unser Wissen und unsere Technologie mit der Bevölkerung teilen müssen, um einen weiteren Schutzwall für das israelische Volk zu bauen.«

Die Terrorgruppe Hamas hat bislang nicht bestätigt, dass sie hinter dem Kidnapping steckt. Hamas-Führer Khaled Meschal sagte am Montag, seine Organisation habe keine Informationen zum Verbleib der Teenager. »Aber ich lobe den oder die Entführer, denn unsere Gefangenen müssen aus den Gefängnissen der Besatzer befreit werden«, fügte er hinzu.

Für Netanjahu ist indes klar, dass die Hamas hinter allem steckt. Bei der Kabinettseröffnung am Wochenanfang sagte er, er habe definitive Beweise dafür. Nachdem Palästinenserpräsident Mahmud Abbas die Entführung der Israelis deutlich verurteilt hatte, sagte der Premier, er erkenne diese Aussage an. Die Regierungskooperation mit der Hamas müsse indes aufhören.

An seine Landsleute gerichtet, erklärte der Ministerpräsident, die entsprechenden Geheimdienst-Informationen müssten nun noch an verschiedene Länder übergeben werden und würden anschließend der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Derweil werden die Medien immer ungeduldiger. Die weiträumige Nachrichtensperre, die detaillierte Berichte über die Armeeoperation »Meines Bruders Hüter« verbietet, stößt auf immer größeren Unmut. Auf Facebook und Twitter werden Gerüchte verbreitet, die Regierung halte Informationen zurück, weil die Jungs bereits tot seien. Doch Kommentatoren schreiben verärgert, dies sei »bösartige Spekulation«, und man dürfe »so etwas nicht einmal denken«.

Nachrichtensperre Doch die seit zwei Wochen andauernde Militäroperation im Westjordanland wirft immer mehr Fragen auf. Die linksliberale Tageszeitung Haaretz schrieb am Montag: »Das oberste Ziel, die Jungs zu finden, sollte nicht aufgegeben werden. Doch so viele Tage nach der Entführung muss gefragt werden, was Israel tatsächlich mit dieser Aktion erreichen will.« Ob es die Zerschlagung der Einheitsregierung von Hamas und Fatah sei oder das Schwächen der Terrororganisation – der Staat müsse erklären, worum es geht. Armeechef Benny Gantz sagte noch vor wenigen Tagen: »Diese Operation dauert so lange, wie sie eben dauert.«

Am Wochenanfang vermeldete die Armee fünf tote Palästinenser im Zuge der Operation »Meines Bruders Hüter«. Obwohl Netanjahu beteuerte, dies sei in keiner Weise Absicht gewesen, schrieben Kommentatoren: »Israel könnte sich bald in einem völlig ungewollten Krieg wiederfinden, wenn es so weitergeht.« Angesichts des wachsenden Widerstands der Palästinenser und der Tatsache, dass so gut wie alles durchsucht worden ist, was durchsucht werden kann, beschloss das Kabinett am Dienstag, dass die laufende Militäraktion mit dem direkten Durchsuchen des Westjordanlandes und dem Abriegeln der Stadt Hebron beendet wird. Man wolle sich nun vollständig auf die Informationen der Geheimdienste verlassen.

Doch auch weiterhin gelangen wegen der Nachrichtensperre keine Details an die Öffentlichkeit, lediglich allgemeine Botschaften, wie die, dass das Militär davon ausgeht, die drei Teenager seien noch nicht in den Gazastreifen gebracht worden – und am Leben.

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