Studie

»Es ist ein Tabu«

Jugendliche in einer Schule in Bnei Brak Foto: Flash 90

Jene, die es vor einigen Jahren wagten, in eine andere Welt einzutauchen, mussten sich verstecken, moderne Kleidung anziehen, an einen völlig
anderen Ort reisen. Immer die Angst im Nacken, entdeckt zu werden. Heute reicht ein Klick oder der Wisch mit dem Finger auf dem Smartphone unter dem Tisch, um im Internet Verbotenes zu erleben. Das macht es vor allem für junge charedische Juden in Israel so verführerisch. Die Folgen sind oft gravierend.

Denn die Abbrecherrate von ultraorthodoxen Oberschülern in Israel ist mit 4,6 Prozent offiziell mehr als dreimal so hoch wie die ihrer säkularen Landsleute. Hier schaffen es 1,4 Prozent der Schüler nicht bis zum Abschluss. »Doch die Dunkelziffer bei den Charedim liegt bei 15 bis 20 Prozent«, weiß Asaf Malchi, Forscher am Israelischen Demokratieinstitut und Berater des Ministeriums in Fragen der Ultraorthodoxie. Er untersuchte das Phänomen und sprach dafür ausführlich mit 40 charedischen Rabbinern, Schulleitern und Sozialarbeitern.

PARADOX Anschließend war er überzeugt: »Es ist eine noch nie da gewesene Krise.« Der Corona-Ausbruch habe das Phänomen zwar nicht ausgelöst, aber doch verstärkt. Diese Tatsache könnte den Umgang innerhalb großer Teile der ultraorthodoxen Gemeinde mit der Pandemie erklären. Viele religiöse Anführer ließen sogar während Zeiten und in Gegenden mit extrem hohen Positivraten die Schulen öffnen und riefen dazu auf, in Massen in die Synagogen zu gehen.

Das Phänomen hat sich in der Corona-Krise noch verstärkt.

Die Angst vor dem Verlust der Jugend zieht sich durch die Gemeinde. »Das stimmt«, bestätigt Malchi, »und es hat mehrere Gründe.« Zum einen würden die Jeschiwot für jeden einzelnen Schüler von der Regierung Geld erhalten, zum anderen sei der Grundsatz, »nicht einen einzigen Menschen verlieren zu dürfen«, wie in Stein gemeißelt.

Das allerdings sei wenig hilfreich und zudem ein Paradox, erläutert der Politologe. Denn jene, die diesen Lebensstil verlassen wollen, ziehen, wenn man sie nicht gehen lässt, oft andere mit. Denn mit dem Abbruch der Schule geht nicht selten ein komplettes Verlassen der Gemeinde einher.

BILDUNG »Einer der Hauptgründe sind die extrem strikten Rahmenbedingungen. Entweder ist man vollständig Teil davon, oder man ist raus. Es gibt kein Abweichen von den Regeln, keine Flexibilität an den Schulen. Gepaart mit dem leichten Zugang zum Internet ist es das Rezept für ein Desaster.« Malchi findet das traurig, denn so würden mehr junge Charedim aus den Schulen und anschließend an den Rand der Gesellschaft gedrängt. »Die Ultraorthodoxen fallen einfach durch die Ritzen.«

Denn säkulare Bildung sei bei ihnen praktisch nicht existent. »Das Lernen besteht ausschließlich aus den ›Limudei Kodesch‹, den heiligen Studien. Eine Basis für ein Leben außerhalb der Gemeinde wird damit nicht geschaffen.« Verstärkt würden die Schwierigkeiten für viele Kinder und Jugendliche durch die nicht selten extreme Armut und Dysfunktionalität von streng religiösen Familien und daraus resultierenden Lernschwierigkeiten.

Generell würde die charedische Gesellschaft Probleme innerhalb ihrer Gruppe nicht nach außen tragen, weiß Malchi. »Wandel wird fast ausschließlich feindselig betrachtet.« Warum sich viele für seine Studie dennoch äußerten, liege an der Schwere des Problems, ist er sich sicher. »Mehr und mehr Autoritäten erkennen, dass es ein Trend ist, der immer schlimmer wird.«

Darüber hinaus würden sie alles tun, um zu verhindern, dass andere religiöse Bildungsinstitutionen Legitimität erhalten – natürlich auch, um ihre Macht zu bewahren. Ob das auf diese Weise funktioniert, daran hat Malchi allerdings große Zweifel. Zwar gebe es auch liberale Stimmen innerhalb der Gemeinde, doch die seien eindeutig in der Unterzahl. »Die verstehen ganz genau, dass es so nicht weitergehen kann.« Es brauche eine starke Führung innerhalb der streng religiösen Gesellschaft, um das Problem anzugehen. »Aber die ist nirgends zu sehen.«

ÖFFNUNG Seiner Meinung nach könne lediglich eine gewisse Öffnung oder Anpassung an die moderne Welt Abhilfe schaffen. »Es ist nun einmal nicht jeder ultraorthodoxe Schüler dafür geschaffen, jeden Tag lange Stunden ausschließlich die heiligen Bücher zu studieren. Das ist sehr, sehr hart.« Eine Mischung aus Limudei Kodesch und modernen Studien, beispielsweise im technologischen Bereich, ermögliche es indes vielen, ihren Abschluss zu schaffen.

Die Zahl der streng religiösen Teilnehmer an Programmen des Arbeits- und Bildungsministeriums verzehnfachte sich innerhalb kurzer Zeit und ist in diesem Jahr auf 2200 angestiegen.

Die Zahl der streng religiösen Teilnehmer an derartigen Programmen, die vom Arbeits- und Bildungsministerium gestartet wurden, verzehnfachte sich innerhalb kurzer Zeit und ist in diesem Jahr auf 2200 angestiegen. »Doch das ist leider immer noch eine geringe Zahl. Denn weder sind die Programme in der Gemeinde anerkannt, noch gibt es ausreichend Plätze.«

Auf die Frage, ob die Regierung jungen Charedim genügend Hilfe biete, antwortet Malchi mit einem klaren Nein. Zwar gebe es viele Vorschläge und gut gemeinte Ideen, doch niemand wolle die Verantwortung für das Problem übernehmen oder wage es, echte Reformen einzuführen. Das liege einerseits daran, dass die Ultraorthodoxen ihre Bildung mit allen Mitteln schützen wollen und niemanden intervenieren lassen, zum anderen an politischen Beweggründen. »Es ist ein Tabu.«

alternativen Zudem wüssten weder die meisten Schüler noch deren Eltern, dass Alternativen existieren. Malchis Vorschlag ist eine überwachende Einheit im Bildungsministerium speziell für die Ausbildung junger Charedim, gepaart mit pädagogischer Beratung. Ziel sei es, streng religiöse Mädchen und Jungen entsprechend ihrer Fähigkeiten auf Schulen schicken zu können, an denen auch andere Fächer gelehrt werden, sodass sie später einen Beruf ausüben können.

»Denn wie in allen anderen Bevölkerungsgruppen, so sind auch die Mitglieder der Charedim ganz unterschiedlich, haben diverse Fähigkeiten und Interessen. Auf die muss man eingehen. Dass das nicht geschieht, ist ein riesiges Problem.«

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