Nahost

Es herrscht Ruhe

Seit einigen Stunden fliegen keine Raketen mehr, doch der Schock und die Angst bleiben nach dem anhaltenden Dauerbeschuss – wie hier in Aschkelon. Foto: Flash 90

Nach mehr als 700 Raketen aus dem Gazastreifen hat die in der Enklave regierende Terrororganisation Hamas angekündigt, dass es zwischen ihr und Israel zu einer Waffenstillstandsvereinbarung gekommen sei. Jerusalem äußerte sich bislang nicht, doch es scheint, als sei derzeit im Süden wieder Ruhe eingekehrt.

Das Heimatfrontkommando der israelischen Armee erklärte, »dass alle Restriktionen zum Schutz ab sieben Uhr aufgehoben sind«. Das Bildungsministerium ließ alle Schulen und Kindergärten im Süden wieder öffnen.

Wenn der Schutz des Landes es erfordert, werde Israel sich verteidigen, betonte Premier Netanjahu.

GEWALT Noch um 6.20 Uhr morgens hatte die IDF veröffentlicht, in der Nacht zum Montag Dutzende von Zielen der Infrastruktur von Hamas und Islamischem Dschihad angegriffen zu haben. Palästinensische Offizielle bestätigten der Nachrichtenagentur Reuters, dass ab 4.30 Uhr eine Feuerpause mit ägyptischer Hilfe ausgehandelt worden sei, um die jüngste blutige Auseinandersetzung zu beenden.

Es war seit dem Gaza-Krieg von 2014 der schwerste Beschuss aus dem Gazastreifen, der auf israelischer Seite vier Tote und mehr als 100 Verletzte forderte. Auf palästinensischer Seite starben nach Berichten des dortigen Gesundheitsministeriums 29 Menschen, die Zahl der Verwundeten wurde mit 150 angegeben. Die meisten von ihnen seien Terroristen, heißt es in israelischen Medienberichten.

In den vergangenen Monaten hatten terroristische Palästinenser aus dem Gazastreifen regelmäßig Raketen auf den Süden und das Zentrum Israels abgefeuert sowie gewalttätige Proteste an der Grenze zu Israel initiiert. Die IDF reagierte darauf ihrerseits mit Angriffen, um Israel und seine Bürger zu schützen.

VEREINTE NATIONEN Angeblich sei diese Pause, an deren Ausarbeitung auch der UN-Beauftragte Nickolay Mladenov und die Kataris mitgearbeitet haben sollen, möglich geworden, nachdem Israel besonders harte Angriffe zum Schutz seiner Bürger und der gezielten Tötung von ranghohen Hamas-Offiziellen angekündigt hatte.

Viele Israelis befürchten, dass die nächste Eskalation nur eine Frage der Zeit ist.

Nachrichtenagenturen berichten, dass einige Blockademaßnahmen des Gazastreifens gelockert und monatliche Geldtransfers aus Katar erlaubt werden. Die Hamas hatte die Überweisung von 30 Millionen Dollar noch vor dem Beginn des muslimischen Fastenmonats Ramadan gefordert.

Am Sonntagabend hatte sich US-Präsident Donald Trump geäußert. Er warnte die Palästinenser im Gazastreifen und sicherte »Israel 100 Prozent Unterstützung in der Verteidigung des Landes zu«.

Die Bundesregierung verurteilte den Raketenbeschuss durch die Hamas »auf das Schärfste. Es kann für diese Gewalt gegen unschuldige Zivilisten keine Rechtfertigung geben«, sagte Vizeregierungssprecherin Ulrike Demmer am Montag in Berlin. »Israel hat das Recht, seine Sicherheit zu verteidigen und auf Angriffe angemessen zu reagieren«, sagt sie weiter. Es sei nun entscheidend, dass die nun vereinbarte Waffenruhe halte und eine weitere Verschärfung der Lage vermieden werde.

»Israel hat das Recht, seine Sicherheit zu verteidigen und auf Angriffe angemessen zu reagieren«, betont die Bundesregierung.

KOALITION Während sich Regierungschef Benjamin Netanjahu in den zwei Tagen der Kämpfe so gut wie gar nicht äußerte, melden sich nach dem Waffenstillstand seine neuen Koalitionspartner zu Wort. Der radikale Knessetabgeordnete vom Jüdischen Haus, Bezalel Smotrich, ließ auf Twitter wissen, »dass die Auseinandersetzung mit 700 toten Terroristen hätte enden müssen. Für jede Rakete einen. Wir können es uns nicht leisten, alle paar Wochen eineinhalb Millionen Menschen in die Sicherheitsräume zu schicken.«

Auch Yair Lapid von der Opposition (Union Blau-Weiß) ist mit dem Ausgang nicht zufrieden. Er kritisierte den Premier scharf für seine »totale Unterwerfung an die Hamas«. Netanjahu benutze die Bewohner des Südens als Schutzwesten. »Er wird das Problem Gaza nicht lösen, denn er hat weder den tatsächlichen noch den politischen Mut dazu.«

US-Präsident Trump warnte die Palästinenser und sicherte Israel 100 Prozent Unterstützung zu.

Der Chef der Arbeitspartei, Avi Gabbay, hieß das Ende der Gewalt zwar willkommen, doch auch er hatte harte Worte für den Ministerpräsidenten: »Nachdem Netanjahu 20 Jahre lang die Hamas gestärkt hat, entschied er jetzt, auch den Islamischen Dschihad zu unterstützten. Der hat an den Verhandlungen in Kairo teilgenommen, als sei er ein gleichberechtigter Partner.« Ohne eine langfristige politische Lösung aber, warnt Gabbay, »ist die nächste Eskalation nur eine Frage der Zeit«.

SICHERHEIT Am Montagnachmittag betonte Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu, dass der Kampf gegen die militanten Palästinenserorganisationen noch nicht beendet sei. »In den letzten beiden Tagen haben wir Hamas und Islamischen Dschihad mit großer Macht attackiert, wir haben mehr als 350 Ziele beschossen«, sagte er. »Die Kampagne ist noch nicht vorbei, sie braucht Geduld und Augenmaß. Wir sind bereit, weiterzumachen.« Wichtigstes Ziel sei es, Ruhe und Sicherheit für die Einwohner des israelischen Südens zu erzielen.

Die israelische Regierung stand bei den Angriffen radikaler Palästinenser besonders unter Druck, da Mitte dieser Woche der 71. israelische Unabhängigkeitstag gefeiert wird und nur wenige Tage darauf das internationale Spektakel zum Eurovision Song Contest (ESC) in Tel Aviv mit Tausenden von Besuchern stattfindet.

Nach Schätzungen der israelischen Armee verfügt die Hamas über rund 20.000 Raketen und Mörsergranaten. Ein Teil der Raketen kommt nach israelischen Informationen aus dem Iran und wird durch Tunnel aus Ägypten geschmuggelt, andere werden im Gazastreifen selbst produziert. Viele Geschosse, die dicht besiedelte Wohngegenden bedrohen, kann Israels Raketenabwehr Iron Dome (Eisenkuppel) abfangen.

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