Einwurf

Es geht um die Seele Israels

Esther Schapira Foto: picture alliance / dpa

Einwurf

Es geht um die Seele Israels

Die Hamas zwingt Israel zu einem harten Vorgehen gegen Gaza - aber es gibt leider keine Alternative

von Esther Schapira  11.10.2023 13:22 Uhr

»Es ist ein Albtraum, aber das ist nun einmal der Platz, an dem wir leben und wir werden gewinnen. Leider werden unsere Nachbarn immer zuschlagen und versuchen uns zu töten, sobald sie glauben, dass wir schwach sind. Sie machen denselben Fehler wieder und wieder, denn sie verstehen die israelische Seele nicht. Schon Golda sagte: Wir werden niemals verlieren, denn wir haben eine Geheimwaffe. Wir haben keinen anderen Platz, an den wir gehen können.«

Diese Nachricht hat mir Tuvi, ein Verwandter geschickt, wenige Stunden nachdem das Massaker palästinensischer Terroristen begonnen hatte.

Während ich über Stunden schockstarr das Grauen online verfolgte, haben sich die Menschen in Israel auf den Krieg vorbereitet. Entschlossen und solidarisch. Regierung und Opposition, die so mächtige Demokratiebewegung und Anhänger der Regierung, Säkulare und Religiöse - die Hamas hat erreicht, was zunehmend undenkbar schien: sie hat das Land vereint.

Alle wissen, den wirklichen Feinden ist es egal, wo sie politisch stehen. Nie zuvor in der Geschichte Israels sind mehr Menschen an einem Tag getötet worden.

Dieser 7. Oktober ist aber nicht nur deshalb eine Zäsur. Vor allem das Massaker unter jungen Leuten, die zu einem Friedensfestival, einer großen Rave-Party in den Negev gefahren waren, scheint auf grausame Weise denen Recht zu geben, die all jenen Naivität vorwerfen, die für Aussöhnung, Räumung der Siedlungen und einen Staat Palästina eintreten.

Menschen wie Vivian Silver. Die prominente Friedensaktivistin kennt Gaza gut. Sie ist Gründerin einer israelisch-palästinensischen Frauenfriedensgruppe und hilft seit Jahren Menschen in Gaza dabei, medizinische Hilfe in Israel zu bekommen. Das letzte Lebenszeichen von ihr hat ihr Sohn aus dem Safe Room ihres Kibbuz gehört, als die überzeugte Pazifistin noch versuchte zu scherzen und sagte, dass sie leider vergessen habe, sich mit einem Messer zu bewaffnen. Rund 1000 Menschen wohnten in ihrem Kibbuz Be’eri. Mindestens 108 wurden getötet, eine unbekannte Zahl verschleppt, vermutlich auch die 74jährige Vivian Silver.

Juden nicht erwünscht

»Bitte macht euch nichts vor, sie wollen uns hier nicht haben, egal in welchen Grenzen. Sie wollen uns vernichten und wir müssen stark genug sein, um sie daran zu hindern«, hatte unser Freund Mikki Gilead uns immer wieder gesagt. Er ist 98 Jahre alt, hat die Hölle von Auschwitz überlebt, war als Polizeioffizier Zeuge der Hinrichtung Adolf Eichmanns und hat die Asche des Judenmörders ins Meer gestreut. Es ist das bittere Fazit eines langen jüdischen Lebens, gegen das auch ich mich innerlich immer gewehrt habe. Und jetzt?

Es waren ja nicht einige wenige Terroristen, sondern rund 1500, die in israelisches Kernland stürmten, um möglichst viele Menschen zu töten. Der Befehl dazu kam von ihrer Regierung. Mit wem also soll man in Zukunft sprechen? Der widerwärtige Jubel über das Massaker an wehrlosen Zivilisten, über Folter, Vergewaltigung und Verschleppung von Babies, Kindern, jungen und alten Menschen wird künftig uns allen in den Ohren gellen, die an der Überzeugung festhalten wollen, dass eine friedliche Nachbarschaft möglich sei. 

»From the river to the sea« soll »Free Palestine« reichen. Wie dieser Islamische Staat aussieht, wissen wir seit dem 7. Oktober. Ein einziger Albtraum für alle, die für Freiheit und Menschenrechte eintreten. Einen solchen Staat kann niemand wünschen, der halbwegs bei Verstand und Herz ist. Und doch feiern nicht nur Islamisten die Mörder als Widerstandskämpfer.

Sicher, die Situation der Palästinenser in der Westbank und in Gaza ist bedrückend und die derzeitige rechtsextreme israelische Regierung hat die Grundlage für einen fairen Frieden weiter durchlöchert. Wer daraus aber eine Rechtfertigung für das Massaker an der israelischen Zivilbevölkerung ableitet, hat jeden moralischen Kompass verloren. Ihnen ist die palästinensische Bevölkerung genauso gleichgültig wie den Befehlshabern des Massenmords in Gaza, die genau wussten, wie die militärische Antwort Israels ausfallen würde und ausfallen muss. Ein Menschenleben spielt keine Rolle im heiligen Krieg. Im Gegenteil. Je mehr Opfer, umso besser für die palästinensische Propaganda. Ohnehin stehen die Chancen dafür gut.

Kampf um die Seele Israels

Der UN-Sicherheitsrat konnte sich nicht einmal zu einer Resolution gegen den Hamas-Terror durchringen. Diese wird aber nicht lange auf sich warten lassen, wenn Israel jetzt radikal das »nie wieder« militärisch übersetzt. Das ist vielleicht die größte Zäsur. Die grausamen Bilder des 7. Oktober haben sich eingebrannt in die Herzen der Israelis. »Das ist kein Krieg wie die Kriege bisher,« sagt mir ein anderer Freund. Auch er hat Freunde verloren, wie alle, mit denen ich spreche. »Es ist schrecklich, aber wenn wir versuchen, die Zivilbevölkerung zu schonen, dann bezahlen unsere Soldaten das mit ihrem Leben. Es wird schrecklich, aber wir haben keine Wahl. Wir müssen es tun!« Und dann bricht er ab und kämpft mit den Tränen.

Wir alle, die wir Familie und Freunde in Israel haben, weinen in diesen Tagen um die Opfer des 7. Oktober und die vielen, die ihnen folgen werden. Und wir wissen, dass es fast aussichtslos ist, das tragische Dilemma zu erklären, in dem sich das Land befindet. »Wenn es Frieden gibt, werden wir mit der Zeit vielleicht in der Lage sein, den Arabern zu vergeben, dass sie unsere Söhne getötet haben. Es wird schwerer für uns sein, ihnen zu vergeben, dass sie uns gezwungen haben, ihre Söhne zu töten«, sagte Golda Meir. Getötet wurden und werden nun auch Frauen, Kinder, alte Menschen. Dieser Krieg wird hart. Es geht um den militärischen Sieg und ums moralische Überleben.

Es geht um die Seele Israels.

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