Geiselkrise

»Es frisst mich auf«

Yarden Bibas kurz nach seiner Freilassung mit seiner Schwester Foto: picture alliance / Newscom

Der folgende Brief der ehemaligen Hamas-Geisel Yarden Bibas an Benjamin Netanjahu wurde diese Woche von Yehiel Moshe Tropper, einem Abgeordneten der Partei der Nationalen Einheit, in der Knesset verlesen. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hörte zu.

Herr Ministerpräsident,

mein Name ist Yarden Bibas, und während ich Ihnen meine Worte vorlese, halte ich Schiwa für meine Frau Shiri sowie meine Kinder Kfir und Ariel, unschuldige, reine Kinder, die aus ihrer Heimat verschleppt und in Gefangenschaft ermordet wurden. Sie hätten gerettet werden können und müssen.

Die verdammten Terroristen stürmten Nir Oz in Badelatschen. Meine Familie und ich wurden gewaltsam aus unserem Haus entführt und nach Gaza verschleppt. An jenem verfluchten Morgen war der Staat in Nir Oz abwesend. Die Einzigen, die dort waren, waren die lokalen Helden – Mitglieder von Notfallteams und mutige Soldaten, die alles in ihrer Macht Stehende taten und sogar mit ihrem Leben bezahlten.

Nun, 514 Tage später, bin ich aus Gaza in eine unvorstellbare Realität zurückgekehrt, in der ich meine gesamte Familie an einem einzigen Tag begraben musste. Niemand sollte jemals einen solchen Albtraum durchleben müssen.

Schmachten in Tunneln der Hamas

Trotz meines unerträglichen Kummers bitte ich Sie in diesem Moment, aufzuhören. Dies ist nicht die Zeit für Rache.

Jetzt ist es unsere Pflicht, unsere Brüder und Schwestern sofort zurückzubringen, darunter meinen engsten Freund David Cunio und seinen Bruder Ariel. David war seit der ersten Klasse mein bester Freund, mein Nachbar im Kibbuz, und jetzt schmachtet er in den Tunneln der Hamas.

Ich weiß, dass ich nie wieder in der Lage sein werde, meine Kinder oder meine Frau im Arm zu halten. Aber Emma und Yuli, Davids kleine Töchter, die im Alter von drei Jahren nach Gaza verschleppt wurden [und im November 2023 zurückkehrten, Anm. d. Red.], warten darauf, ihren Vater zu umarmen. Seine Frau Sharon hat es verdient, ihn wieder in die Arme zu schließen.

Grundlegende Pflicht

Sobald David und die übrigen Geiseln wieder zu Hause sind, werde ich der erste sein, der jede Maßnahme zur Auflösung der Hamas unterstützt. Als Einwohner von Nir Oz verstehe ich voll und ganz, dass die Hamas zerschlagen werden muss. Sonst werden wir nie sicher sein. Aber wir dürfen niemals die Unantastbarkeit des Lebens, die Würde der Toten und unsere grundlegende Pflicht, niemanden zurückzulassen, aus den Augen verlieren – sonst haben wir unsere Identität verloren.

Herr Ministerpräsident, 514 Tage und Nächte sind vergangen, und weder Sie noch Ihre Regierung haben Verantwortung übernommen. Die Forderung nach einer staatlichen Untersuchungskommission ist keine politische Frage – sie ist ein nationaler Konsens. Dreiundachtzig Prozent der israelischen Bürgerinnen und Bürger fordern dies, ebenso wie 1500 Familien, die von der Tragödie am 7. Oktober betroffen waren, darunter auch meine.

Hier geht es nicht um persönliche Schuldzuweisungen, sondern darum, Lehren zu ziehen, um die nächste Katastrophe zu verhindern. Herr Ministerpräsident, führen Sie das israelische Volk zusammen, bringen Sie uns zur Ruhe, hören Sie auf den Ruf der Nation und der trauernden Familien. Kündigen Sie unverzüglich die Einsetzung einer staatlichen Untersuchungskommission an, die Israels Sicherheit stärken, eine weitere Katastrophe verhindern und mir und ganz Israel Antworten liefern wird.

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Erdrückende Last

Wie konnte es geschehen, dass mein neun Monate alter Kfir und der vierjährige Ariel entführt und zusammen mit ihrer Mutter Shiri auf unsagbar grausame Weise abgeschlachtet wurden? Wie ist es möglich, dass nach stundenlangem Versteckspiel im Schutzraum niemand kam, um uns zu retten?

Ich kann nicht aufhören, darüber nachzudenken, wie ich es versäumt habe, meine Frau und meine Kinder zu schützen. Es frisst mich auf. Ich hatte nur eine Handfeuerwaffe, ich war nur ein gewöhnlicher Zivilist in einem friedlichen Kibbuz.

Grübeln Sie darüber nach? Kämpfen Sie, so wie ich, darum, den Tag und die Nacht zu überstehen, ohne eine erdrückende Last der Verantwortung für das Geschehene zu spüren? Können Sie sich dazu durchringen, es deutlich und laut auszusprechen?

Vergebung und Verantwortung

So viele Bürger haben um Vergebung gebeten. So wenige Politiker haben dies getan. So viele Zivilisten und Soldaten haben Verantwortung übernommen. So wenige Regierungsbeamte haben dies getan.

Bei der Beerdigung sagte meine Schwester Ofri etwas, das mich sehr berührt hat: »Eine Entschuldigung bedeutet, dass man Verantwortung übernimmt und sich verpflichtet, sich zu ändern – aus Fehlern zu lernen. Eine Entschuldigung hat keinen Sinn, solange die Fehler nicht untersucht und die Verantwortlichen nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Unsere nationale Tragödie und unsere persönliche Tragödie hätten nie geschehen dürfen. Und wir müssen dafür sorgen, dass sie sich nie wiederholen werden.

Ich bin nicht hier, um Rechnungen mit der Vergangenheit zu begleichen. Ich versuche, die Kraft aufzubringen, nach vorne zu schauen. Ich bitte darum, dass wir alle alles in unserer Macht Stehende tun, um ein besseres, stärkeres und geeinteres Land aufzubauen.

Brüder und Schwestern

Als ich aus dem Wagen des Trauerzuges herausschaute, sah ich das Volk von Israel. Ich sah eine trauernde Nation – religiös, säkular, ultraorthodox. Alle standen zusammen, schwenkten Fahnen und hatten Tränen in den Augen. Ich spürte ihre Anwesenheit, ihre Solidarität. Ich kannte sie nicht, aber ich wusste, dass sie meine Brüder und Schwestern waren.

Was tun Sie, unsere führenden Politiker, um diese Einheit zu schützen? Wachen Sie jeden Morgen mit dem Ziel auf, uns zu spalten, oder wollen Sie unsere Bande stärken? Für mich ist diese Aufgabe genauso wichtig wie die Entsendung von Kampfjets zur Vernichtung unserer Feinde. Das ist unsere Stärke. Das ist unser Geist.

Und deshalb, Herr Ministerpräsident, habe ich eine letzte Bitte: Ich muss noch in mein Haus in Nir Oz zurückkehren. Ich weiß nicht, was mich dort erwartet. Ich bitte Sie, mit mir zu kommen – neben mir zu gehen, wenn ich zum ersten Mal seit dem 7. Oktober mein Haus betrete. Lassen Sie uns dies gemeinsam tun. Denn wenn wir dieser Tragödie nicht ins Auge sehen, werden wir uns nie davon erholen können.

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