Sicherheit

Erste Schlacht im Cyber‐Krieg

Die Hamas droht bereits mit noch schärferem »elektronischem Widerstand«. Foto: Marco Limberg

Noch hat er nur Gutes im Sinn. Doch wer weiß, wie lange noch. Magen D. ist Hacker mit einem Anliegen. »Ich bin unterwegs, um mein Land zu verteidigen«, teilt er im Schutze der Anonymität mit. »Wenn es sein muss, auch mit Attacken gegen unsere Feinde.«

Magen D. will keine Schwerter schwingen oder Waffen zücken. Er spricht von Angriffen im Internet. In den letzten zwei Wochen sah sich Israel einem Sturm von Cyber‐Terrorismus gegenüber. Der bisherige Höhepunkt: Am Montag legten Hacker die Websites der Fluggesellschaft El Al und der Tel Aviver Börse lahm.

An diesem Tag musste sich Magen D. sehr zurückhalten, um nicht einen Gegenangriff zu starten. Sein Pseudonym steht für »Magen David«, das Schutzschild mit dem sechszackigen Stern des biblischen Königs. »Aber ich weiß nicht, wie lange meine Finger noch stillhalten«, gibt sich der Computerfreak verschwörerisch.

Nicht alle israelischen und jüdischen Hacker rund um den Globus sind zurückhaltend. Viele beschrieben ihre Gegenangriffe auf arabische Webseiten und Surfer ausgiebig auf einschlägigen Seiten im Netz. Einer namens Hannibal rühmte sich damit, Tausende Codes von arabischen Facebook‐Nutzern geknackt zu haben und sie »bei Gelegenheit« veröffentlichen zu wollen.

Fahrlässig Die neue Art des Terrorismus kommt zwar ganz unblutig daher, doch nicht minder unvorhersehbar. Anfang Januar hatte eine saudische Hacker‐Gruppe mit Namen »Group XP« Tausende von israelischen Kreditkartendetails ins Netz gestellt und Internetbenutzer aufgefordert, mit diesen Angaben einzukaufen und zu bezahlen. Wie hoch der Schaden tatsächlich ist, darüber schweigen sich die hiesigen Banken aus. Sie beruhigten ihre Kunden mit dem sofortigen Sperren der Karten und der Übernahme eventueller Kosten.

Die Bank of Israel empfahl den lokalen Kreditinstituten gestern jedoch, ihre Websites für Computer zu sperren, deren Standorte als Saudi Arabien, Iran und Algerien identifiziert werden können. Die Discount Bank war zwar kein Opfer von Cyber‐Angriffen, schloss ihren Internetauftritt dennoch als Vorsichtsmaßnahme für Nutzer aus dem Ausland vorübergehend komplett.

Neben den Kreditkartenangaben stellten die Web‐Terroristen auch Privatadressen von Juden aus verschiedenen Ländern ins Netz. Sicherheitsexperten werten das als Aufruf zur Gewalt gegen Juden in aller Welt. Das Wissenschafts‐ und Technologiekomitee der Knesset hielt aus diesem Anlass eine Sondersitzung ab.

Vorsitzende Ronit Tirosch (Kadima) befand, dass die Cyber‐Angriffe gefährlicher seien als ballistische: »Ich will hier kein Weltuntergangsszenario aufbauen, doch dieses Problem wächst mit rasender Geschwindigkeit.« Es gebe grobe Fahrlässigkeit in Sachen Datenschutz, ob beim Einkaufen oder in Regierungsbüros, betonte Tirosch.

Die Angriffe auf El Al und die Börse waren angekündigt. Das Netzwerk »Nightmare Group« schrieb unter anderem in einer E‐Mail an die Tageszeitung Jerusalem Post, dass sie die beiden Webauftritte attackieren will. Und so kam es: Um Punkt zehn Uhr morgens ging auf beiden Seiten nichts mehr.

Bereits vorher hatte die Hamas im Gazastreifen mit schärferen Attacken im Internet gegen Israel gedroht. Der Sprecher der Terrorvereinigung, Sami Abu Zuchri, jubelte: »Das Eindringen in israelische Websites eröffnet eine neue Front für den elektronischen Widerstand und den Krieg gegen die israelische Besatzung.«

Vorgeschmack Zwar waren die tatsächlichen Vorgänge an der Börse mit der Internetseite nicht verbunden, doch »es ist nicht so, dass die Hacker nicht versucht hätten, in den Handel einzudringen«, sagt Itzhak Ben‐Israel, Leiter des Programms für Sicherheitsstudien an der Tel Aviver Universität.

»Die Aktionen der vergangenen Tage sind mehr oder weniger Belästigungen gewesen«, glaubt er. Bislang sei der tatsächliche Schaden gering geblieben. Allerdings könne sich das sehr schnell ändern und zu einem großen Problem anwachsen. »Wir haben jetzt einen Vorgeschmack darauf bekommen, was diese Terroristen anrichten könnten, wenn sie in der Lage sind, in sensiblere Systeme einzudringen« – etwa die Computer der israelischen Bahngesellschaft oder des nationalen Stromversorgers. »Sollten Feinde unseres Staates das schaffen, wird es gravierende Beeinträchtigungen und Schäden geben.«

Ben‐Israel war der Leiter einer Einsatzgruppe, die einen Plan in Sachen Internetsicherheit für die Regierung erarbeitet hat. Das Kabinett stimmte sämtlichen Punkten im vergangenen Jahr zu, seit Anfang Januar wird das Vorhaben umgesetzt.

»Der Plan umfasst alle Bereiche, von der Bildung und Zusammenarbeit mit Akademikern über Forschung und Entwicklung bis zur Gesetzgebung«, so der Professor. Bereits im Amt ist der neue Cyber‐Berater, der Premierminister Benjamin Netanjahu persönlich Bericht erstattet. Sein Budget sei mit einer halben Milliarde Schekel stattlich, doch der Gefahr angemessen.

Im Vergleich zum Rest der Welt sei Israel derzeit in Sachen Schutz in einer stabilen Lage, so Ben‐Israel. Seines Wissens gehört das Land zu den drei am besten gesicherten Staaten weltweit. »Es reicht nicht, dass wir uns so schützen wie etwa Deutschland, denn wir sehen uns viel größeren Bedrohungen gegenüber.

Und jeder, der einen Computer und etwas Know‐how hat, kann sich aufmachen, gegen uns zu kämpfen. Cyber‐Terrorismus ist leider die Zukunft.« Ein beängstigender Ausblick, wie Ben‐Israel zugibt. »Doch noch sind wir den Terroristen einen Schritt voraus – und wir müssen es immer bleiben.«

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