Geiseln

»Er ist gebrochen«

Hisham al-Sayed trifft nach zehn Jahren seinen Vater wieder Foto: IDF-Spokesperson

450 Tage war er allein in einem Tunnel. Und doch kehrte Omer Shem Tov mit einem Lachen auf dem Gesicht zurück nach Hause. »So ist er eben, unser Omer«, sagte sein Vater Malki Shem Tov noch am Samstag nach der Freilassung seines Sohnes, »Omer, der fröhliche, Omer der optimistische. Allerdings 16 bis 17 Kilo weniger«.  

Doch die schier endlose Zeit in der Geiselhaft sei alles andere als »fröhlich« gewesen. Omer Shem Tov, der während des blutigen Angriffs der Hamas auf das Nova-Festival gekidnappt wurde, war bis auf die ersten 50 Tage seiner über 16 Monate dauernden Gefangenschaft allein in einem unterirdischen Tunnel der Hamas, so sein Vater im öffentlich-rechtlichen Sender Kan. Wenn er an einen anderen Ort gebracht wurde, habe er sich als muslimische Frau verkleiden müssen. Einmal wurde er in einem Eimer in den Tunnel hinabgelassen. Anfangs seien auch seine Hände gefesselt gewesen. Er sei von den Terroristen beschimpft und bespuckt worden.

Proteste haben ihm Hoffnung gegeben

»Die ersten 50 Tage war er mit Itay Regev zusammen und den Rest ganz allein. Er hat niemals Tageslicht gesehen«, berichtete der Vater. Der 18-jährige Itay wurde im November 2023 freigelassen. Manchmal habe Omer etwas Fernsehen dürfen, Berichte von Al-Jazeera. So habe er von den Protesten für die Freilassung der Geiseln in Israel erfahren. »Das habe ihn gestärkt und die Hoffnung gegeben, dass er freigelassen werde«, so sein Vater weiter.

Auch ein anderer Vater klagt an: Shaaban al-Sayed, der Vater der freigelassenen Geisel Hisham, der ebenfalls am Samstag nach fast einem Jahrzehnt in Hamas-Gefangenschaft freigelassen wurde, sagte, dass er mit dem Zustand seines Sohnes kaum zurechtkomme. »Er ist gebrochen. Es geht ihm nicht gut. Er spricht kaum, und wenn, dann nur flüsternd und mit gesenktem Kopf.«

Der Vater meint, dass Hisham, der mit einer psychischen Erkrankung zu kämpfen hat, möglicherweise in Einzelhaft gehalten worden sei. »Es war wie ein Folterlager. Sie wollten nicht, dass die Leute seinen Zustand sehen, deshalb gab es keine Zeremonie. Die Hamas sind Lügner. Wenn sie Menschen wirklich respektieren würden, hätten sie ihn schon vor langer Zeit freigelassen.«

Shaaban al-Sayed: »Mein Sohn war ein normaler Mensch, litt an Schizophrenie, war aber kommunikativ. Jetzt ist sein Leben zerstört.«

Er habe immer gebetet, dass Hisham zurückkommt wie früher. »Er war ein normaler Mensch, litt an Schizophrenie, aber war kommunikativ«, erklärte al-Sayed. »Sein Leben ist zerstört.« Nach dem ersten Treffen mit ihm, nach der ersten Umarmung, habe er gemerkt, dass sein Sohn nicht reagiere. »Da brach ich zusammen. Es war das erste Mal seit Jahren, dass ich geweint habe.«

Ein weitere Langzeitgeisel, Avera Mengistu, erkannte seine Familie nach seiner Rückkehr nach Israel wieder, sprach jedoch kaum und hatte Schwierigkeiten, sich zu verständigen. Seine Familie beschrieb seinen Geisteszustand als »zutiefst besorgniserregend«.

Eliya Cohen wurde wie Omer Shem Tov vom Novafestival gekidnappt. Er traf am Samstag seine Eltern, Schwestern und seine Verlobte Ziv Abud wieder, von der er nicht wusste, dass sie noch lebt. Eliya wurde während seiner Entführung ins Bein geschossen und erhielt in der Gefangenschaft keine angemessene Behandlung. In den Aufnahmen seiner Befreiung kann man sehen, dass er humpelt.

Anfangs sei er allein festgehalten worden, die meiste Zeit aber mit Or Levy und Eli Sharabi zusammen, die beide kürzlich nach Hause kamen. Auch Alon Ohel gehörte zu der Gruppe, er wird noch immer festgehalten.

Seine Eltern berichteten im israelischen Fernsehen, dass ihr Sohn nicht nur an den Füßen, sondern auch an den Händen angekettet gewesen sei, was offene Schnittwunden verursachte. Außerdem wurden die Geiseln dauerhaft in einem dunklen Tunnel gehalten, nur manchmal ließen die Terroristen eine Taschenlampe da.

Lesen Sie auch

Wächter aßen Mahlzeiten vor ihren Augen

Monatelang hätten sie weder gehen noch stehen können und wurden immer wieder von den Entführern körperlich misshandelt. Obendrein hätten sie dauerhaft Hunger gelitten, die Wächter aßen Mahlzeiten vor ihren Augen.

Auch ein anderer junger Mann verlor extrem an Gewicht: Omer Wenkert. Laut einem Bericht in Kan habe er 30 Kilogramm abgenommen. Der 23-Jährige leidet an der entzündlichen Darmkrankheit Colitis und hat nicht die Medikamente bekommen, die er braucht. Omer war zusammen mit Tal Shoham, einem 40-jährigen Familienvater. Auch er kam am Samstag frei. Die beiden seien »Brüder fürs Leben geworden«.

Omer Wenkert sei während seiner Gefangenschaft mit keinerlei Medien in Berührung gekommen. So erfuhr er erst nach seiner Rückkehr, dass seine beste Freundin Kim Demati, die mit ihm auf dem Festival war, an diesem Tag von Terroristen ermordet wurde.

Er habe auch nichts von den Demonstrationen auf dem Platz der Geiseln und im ganzen Land gewusst. Doch als er davon erfuhr, war sein erster Wunsch nach seiner Rückkehr: »Ich will mich sofort der Kampagne anschließen.«

Rüstung

Israel beschleunigt Produktion von Arrow-Abfangraketen

Israel will die Produktion seiner Arrow-Abwehrraketen deutlich steigern. Ziel ist es, den Vorrat zu erhöhen und die Verteidigungsfähigkeit angesichts ständiger Angriffe auszubauen

 06.04.2026

Krieg

Angriffe von drei Seiten auf Israel

Koordinierte Angriffe aus dem Iran, dem Libanon und dem Jemen treffen Israel

 06.04.2026

Krieg

Weiterer Raketenangriff auf Großraum Tel Aviv

Nach neuen Raketenangriffen auf Tel Aviv gibt es Berichte über mehrere Einschläge und Verletzte. Bilder zeigen zerstörte Hausfassaden

 06.04.2026

Krieg

Zwei weitere Tote nach Raketenangriff in Haifa geborgen

Nach einem iranischen Raketenangriff in der israelischen Hafenstadt Haifa wurden zwei weitere Tote geborgen. Insgesamt sterben vier Menschen, darunter Angehörige zweier Generationen einer Familie

 06.04.2026

Standpunkt

Die Militäroperation gegen das Mullah-Regime ist eine historische Chance

Ein Gastbeitrag von Roderich Kiesewetter, Bundestagsabgeordneter (CDU) und Mitglied des Auswärtigen Ausschusses

von Roderich Kiesewetter  06.04.2026 Aktualisiert

Die israelische Raketenabwehr hat eine aus dem Libanon anfliegende Terror-Rakete im Visier.

Kriegsverbrechen

Iran greift Großraum Tel Aviv erneut mit Streumunition an

Der Iran setzt laut Medien erneut Streumunition bei Angriffen auf Tel Aviv und Haifa ein. Human Rights Watch sieht dadurch eine langfristige Gefahr für Zivilisten

 06.04.2026

Debatte

Antisemitismus und Israel-Hass: Auswärtiges Amt rügt Goethe-Institut für Ausstellung

Um die palästinensisch-amerikanische Künstlerin Basma al-Sharif gab es wegen Social-Media-Posts zuletzt Wirbel. Das gilt auch für die Teilnahme an einer Ausstellung in Vilnius

 04.04.2026

Modschtaba Chamenei

Wo ist der neue Ayatollah?

Der »Oberste Führer« des Iran ist seit seiner Wahl nicht öffentlich aufgetreten. Ist er noch am Leben?

von Sabine Brandes  04.04.2026

Beirut

Israel: Hochrangiger Hisbollah-Kommandeur getötet

Im Krieg zwischen Israel und der libanesischen Terrororganisation ist keine Deeskalation in Sicht. In der Nacht trifft ein heftiger israelischer Angriff erneut Ziele in Beirut

 01.04.2026