Jom Kippur

Eine Kerze für die Opfer von Corona

Gläubige beim Slichot-Gebet an der Kotel. Foto: Flash90

Statt wie gewöhnlich Hunderttausende kamen am Samstagabend nur rund 200 Menschen zum Beten vor Jom Kippur an die Kotel. Denn auch an der wichtigsten Stätte des Judentums gelten die Restriktionen wegen der Corona-Pandemie. Am heutigen Sonntagabend beginnt der Versöhnungstag, während sich Israel zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate unter einem strikten Lockdown befindet.

OBERRABBINER Gewöhnlich versammeln sich Massen im ganzen Land zu den traditionellen Slichot-Gebeten, die vor Jom Kippur gesprochen werden, um um Versöhnung zu bitten. Dieses Mal jedoch durften nur die Oberrabbiner an die Kotel und jene, die in der Nähe wohnen.

Traditionell kommen die israelischen Großfamilien vor dem Beginn des Fastens zu einem gemeinsamen Mahl, dem »Aruchat Mafseket«, und 25 Stunden später zum Fastenbrechen zusammen. Doch auch das wird in diesem Jahr bei den meisten ausfallen.

Die Vorgaben im Lockdown besagen, dass das Beten lediglich in einem Umkreis von einem Kilometer erlaubt ist, ausschließlich im Freien und in Gruppen von maximal 20 Personen. An Jom Kippur indes gibt es Ausnahmen. Hier dürfen sich die Beter auch in Synagogen – allerdings unter strikten Auflagen und in begrenzter Zahl – versammeln.

Mit mehr als 8300 Neuinfektionen lagen die Zahlen der Neuinfektionen am Freitag so hoch wie nie zuvor.

Diese Entscheidung wurde von verschiedenen Gesundheitsexperten, darunter dem Coronavirus-Berater der Regierung, Ronni Gamzu, aufs Schärfste kritisiert. Sie gehen davon aus, dass es nach Jom Kippur einen riesigen Sprung bei den Covid-19-Zahlen geben wird.

REKORDWERT So ist es gerade erst geschehen. Die Zahlen der Neuinfektionen haben einen neuen Rekordwert erreicht. Mit mehr als 8300 lagen sie am Freitag so hoch wie nie zuvor, gibt das Gesundheitsministerium an. Die Positivrate lag bei 14 Prozent. In einigen ultraorthodoxen Gemeinden hätten sich große Zahlen von Jeschiwa-Schülern während der Feierlichkeiten zum Neujahr Rosch Haschana angesteckt, heißt es in verschiedenen israelischen Medien.

Während die Plaza vor der Klagemauer am Samstagabend fast leer war, kamen zur selben Zeit vor der Jerusalemer Residenz von Premierminister Benjamin Netanjahu mehr als 16.000 Demonstranten zusammen, um seinen Rücktritt zu fordern. Die Proteste finden seit mehreren Monaten jede Woche nach Ausgang des Schabbats an der Balfour-Straße und verschiedenen anderen Orten im Land statt.

Die meisten Teilnehmer hätten sich an die Vorgaben gehalten, in Gruppen von maximal 20 zu demonstrieren und trugen Gesichtsmasken, gaben die Sicherheitskräfte an. Zuvor hatte die Regierung es nicht geschafft, einen Konsens in Sachen Einschränkung der Proteste zu finden.

»Wir befinden uns fast an einem Punkt, an dem es kein Zurück gibt.«

Generaldirektor im Gesundheitsministerium, Chezy Levy

Der Generaldirektor im Gesundheitsministerium, Chezi Levy, warnte am Sonntag im Armeeradio, dass Israel sich »fast an einem Punkt befindet, an dem es kein Zurück gibt«. Er kritisierte die Demonstranten, die sich seiner Meinung nach nicht korrekt verhalten hätten. »Ich rufe Sie alle auf: Trotz des Rechts auf Protest, müssen Sie sich zusammenreißen. Wir haben Ihnen Regeln gegeben, die Demonstrationen ermöglichen. Letzte Nacht haben Sie sich nicht daran gehalten.«

Auch der Ministerpräsident kritisierte die Demonstranten und gab gleichsam zu, dass man nach dem ersten Lockdown »Fehler gemacht habe«.

GEBET Währenddessen ruft Präsident Reuven Rivlin die Menschen im Land und Juden in der ganzen Welt auf, eine zusätzliche Kerze an Jom Kippur für die Opfer des Coronavirus zu entzünden. Insgesamt sind bislang 1450 Menschen an den Folgen von Covid-19 gestorben. »Die Pandemie und ihre Opfer haben mich dazu gebracht, an jene zu denken, die ihr Leben verloren haben. Mein Gebet richtet sich in Gedenken an sie.«

Rivlin sprach: »Möge Gott sich an sie erinnern und möge sich das Volk Israels an die Seelen der Israelis erinnern, die ihr Leben wegen des Coronavirus verloren haben. Mögen wir der Pioniere und Gründer gedenken, der Holocaustüberlebenden, der Immigranten, Kämpfer und Kreativen, der Tora-Studenten und Gläubigen – Juden und Araber, alt und jung.«

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