Diplomatie

Ein Jahr »warmer Frieden«

Der erste Botschafter von Bahrain in Israel, Yusuf Al-Jalahma (l.), wird von Israels Präsident Isaac Herzog in seiner Jerusalemer Residenz empfangen. Foto: Flash 90

Dass ein arabisches Land in Israel Plakate aufhängen lässt, wäre noch vor Kurzem gänzlich undenkbar gewesen. Noch dazu mit der blau-weißen Flagge des jüdischen Staates neben der eigenen. Doch der Nahe Osten organisiert sich neu. Einige arabische Nationen und Israel sind jetzt Freund statt Feind. Die historischen Abraham-Abkommen feiern ihren ersten Geburtstag.

Passend zu dieser Gelegenheit ließ die Botschaft der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) in Tel Aviv überdimensionale Poster drucken und für alle sichtbar an der Stadtautobahn Ayalon aufhängen. »Abraham-Abkommen« steht in fetten orangefarbenen Lettern darauf und darunter auf Hebräisch sowie Arabisch: »Der Frieden ist die Zukunft unserer Kinder. Wir feiern ein Jahr Friedensabkommen.«

NORMALISIERUNG Es war am 15. September 2020, als die »Normalisierung der Beziehungen« zwischen Israel und VAE sowie Bahrain in Washington unterzeichnet wurde. Der ehemalige Premierminister Benjamin Netanjahu hatte die Aussöhnung unter Vermittlung der Trump-Regierung auf den Weg gebracht und in die Tat umgesetzt. Zuvor war Israel von den Golfnationen nicht offiziell anerkannt. Der Sudan und Marokko schlossen sich später ebenfalls den Abraham-Abkommen an.

Mittlerweile war Außenminister Yair Lapid zu einer offiziellen Visite in den Vereinigten Arabischen Emiraten, um die eigene Landesvertretung zu eröffnen. Sein nächster Besuch geht nach Bahrain. Das kleine Königreich sandte vor wenigen Tagen seinen Botschafter nach Tel Aviv – zum ersten Mal in der Geschichte beider Länder. Botschafter Khaled Yusuf Al-Jalahma nimmt sein Amt voller Zuversicht auf, wie er auf Twitter verkündete: »Ich bin so stolz, dass wir diesen mutigen Schritt gegangen sind und Hand in Hand für den Frieden, Sicherheit und Stabilität in der Welt arbeiten.«

Die USA wollen Israel helfen, in Nahost weitere Beziehungen aufzubauen.

Auch fernab von Israel oder den Golfstaaten feiert man den Durchbruch. US-Außenminister Antony Blinken beging den Jahrestag mit einer Videokonferenz, an der Vertreter der verschiedenen Länder teilnahmen: Außenminister Lapid und sein marokkanischer Amtskollege Nasser Bourita, der Berater im VAE-Außenministerium, Anwar Gargash, sowie Bahrains Gesandter in den USA, Abdulla Al-Khalifa. Nur der Sudan beteiligte sich nicht.

KOOPERATION Man wolle weiter an der Normalisierung in der Region arbeiten, so Blinken. »Die USA werden Israel dabei helfen, weitere Beziehungen aufzubauen.« Lapid stimmte dem zu und machte deutlich: »Der Abraham-Abkommen-Klub ist offen für weitere Mitglieder.« Er hoffe, dass sich andere Staaten der neuen Ära von Kooperation und Freundschaft anschließen. Man wolle einen neuen Diskurs in Nahost.

Doch bei den Abkommen bleibt es nicht bei schönen Worten allein. Die Umsetzung der Normalisierung in den verschiedensten Bereichen ist in vollem Gang, vom Handel über die Wissenschaft bis zum Tierschutz und Tourismus. Der »warme Frieden«, den die Staatsmänner versprochen hatten, scheint bereits jetzt Realität zu sein.

In den ersten vier Monaten besuchten mehr als 130.000 Israelis die Emirate, und das trotz der Corona-Pandemie. Ein Stand des Heiligen Landes auf dem »Arabian Travel Market« in Dubai lockte mit: »Buchen Sie jetzt Ihren Flug nach Tel Aviv.«

DIREKTFLUG Und der geht sogar direkt. Ein Beispiel für die schnelle Entwicklung ist die Flugverbindung zwischen den Städten, die nur wenige Monate nach Unterzeichnung aufgenommen wurde. »Die wird zur wirtschaftlichen Entwicklung der Region beitragen«, sagte der Geschäftsführer von »flydubai«, Ghaith Al Ghaith. »So schaffen wir weitere Möglichkeiten für gemeinsame Interessen und Werte.«

Die wissenschaftlichen Kooperationen sind in den vergangenen zwölf Monaten förmlich explodiert.

Auch bei der Verteidigung in Bezug auf Hackerangriffe will man sich zusammentun: Israelische Cybersicherheitsexperten waren zu Gast auf der Konferenz »Cybertech Global« in Dubai, um Herausforderungen, Lösungen und Trends der Branche vorzustellen. Bei der Bekämpfung des Coronavirus tut man sich ebenfalls zusammen: Der Arzneimittelhersteller Pluristem Therapeutics aus Haifa kooperiert mit dem Stammzellenzentrum von Abu Dhabi, um eine Zellentherapie für die Behandlung von Covid-19 zu entwickeln.

Besonders die wissenschaftlichen Kooperationen sind in den vergangenen zwölf Monaten förmlich explodiert. Derzeit wird unter anderem an einem gemeinsamen Wasser-Forschungsinstitut in Abu Dhabi gearbeitet. Die Einrichtung arbeitet mit dem Moshe-Mirilashvili-Institut für angewandte Wasserstudien der Universität Tel Aviv zusammen. Sie ist Teil einer Kooperation zwischen dem israelischen Unternehmen Watergen und dem emiratischen Baynunah.

»Die Tel-Aviv-Universität setzt sich für herausragende Forschung und internationale Kooperation ein«, betont die Vize-Direktorin, Milette Shamir. »Das Institut wird Wege eröffnen, um weiter mit den Emiraten zu kooperieren, zum Beispiel beim Studenten- und Professorenaustausch.« Lernen können die Emiratis auch im neuen »Educational Hebrew Institute« – und zwar Hebräisch. Das Zentrum für israelische Kultur und Sprache soll vor allem Geschäftsleuten alles rund um Land und Leute näherbringen.

TRADITIONEN Auf kultureller Ebene will man sich ebenso verständigen. Das Jerusalemer Zentrum für Nahost- und nordafrikanisches Judentum unterzeichnete ein Verständigungsabkommen mit dem Crossroads of Civilizations Museum in Dubai. Beide Einrichtungen wollen die positiven Beziehungen zwischen Juden und Muslimen in der Vergangenheit beleuchten sowie Kultur, Traditionen und Geschichte der beiden Völker in der Region schützen.

Sportler aus Jerusalem, Haifa und Tel Aviv reisten in die Golfregion.


Dass Sport verbindet, ist nichts Neues. Nicht selten allerdings trugen Wettkämpfe in und um den Nahen Osten eher zu weiteren Konflikten bei. Zwischen israelischen und emiratischen Athleten soll das nicht mehr so sein. Im Gegenteil: Sportler aus Jerusalem, Haifa und Tel Aviv reisten in die Golfregion, um sich beim Radfahren, Eishockey und Baseball mit emiratischen Sportlern zu messen.

Tierschützer wollen ebenfalls Freunde werden. Für den Schutz des kleinen Wüstenvogels Kragentrappe (Houbara Bustard), der sowohl in Israel als auch in den Vereinigten Arabischen Emiraten lebt, hat sich die Natur- und Parkbehörde mit der VAE-Stiftung zusammengetan.

Näher kommen wollen sich die Bewohner der verschiedenen Staaten schließlich auch bei der Rettung von Menschenleben. Im ersten Vertrag seiner Art verpflichteten sich der israelische Rettungsverein ZAKA und die Organisatoren der Dubai International Humanitarian Aid and Development Conference (DIHAD), in der Zukunft gemeinschaftlich zu arbeiten, »unabhängig von Hautfarbe, Herkunft, Religion oder politischer Meinung«.

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