Medizin

Doktor Start-up

Auf gute Zusammenarbeit: Jeremy Issacharoff und Axel Radlach Pries (vorne v.l.), Sein Schmidt, Doron Abrahami und Laura Johnson (hinten v.l.) Foto: Uwe Steinert

In keinem anderen Staat der Welt gibt es – gemessen an der Einwohnerzahl – so viele Start-ups wie in Israel. Das Land schlägt in der Statistik sogar das Silicon Valley. So einige israelische Erfindungen prägen bereits unseren Alltag, wie der USB-Stick oder die Gesichtserkennungssoftware von Apple-Smartphones.

Netzwerk Auch in den Bereichen Medizintechnik und Digital Health gibt es zahlreiche innovative Ideen. Um auf dem Markt Fuß fassen zu können, fehle den Jungunternehmern oftmals das Netzwerk, meint Doron Abrahami.

Der neue Kooperationsvertrag zwischen dem Berliner Krankenhaus Charité, dem Berlin Institute of Health und der israelischen Innovationsbehörde soll daran etwas ändern, so die Hoffnung des Leiters der Wirtschaftsabteilung der Botschaft des Staates Israel. »Ich freue mich, dass wir an der Charité auf Gehör gestoßen sind. Für beide Seiten besteht ein enormes Potenzial, und ich hoffe, dass wir in Zukunft als Ergebnis der Vereinbarung über Erfolgsgeschichten berichten können.«

Beziehung Vor wenigen Tagen ist die bilaterale Vereinbarung in einem feierlichen Akt in der israelischen Botschaft in Berlin unterzeichnet worden. Unter den Anwesenden waren Gäste aus Wissenschaft und Politik. »Deutschland ist Israels wichtigster Handelspartner in der Europäischen Union«, sagte der israelische Botschafter, Jeremy Issacharoff, in seiner Begrüßungsrede. Die Vereinbarung werde die Beziehung der beiden Länder erheblich stärken.

»Es ist nichts weniger als die Verschmelzung der grundlegendsten Bedürfnisse unserer Bürgerinnen und Bürger, um ihr eigenes Wohlergehen und die Situation der Menschheit als Ganzes zu verbessern«, sagte der Botschafter. Aufgrund steigender Lebenserwartung und der wachsenden Bevölkerung bedürfe es medizinischer Innovationen.

In jüngster Vergangenheit haben so einige israelische Ideen bereits für Schlagzeilen in der Medizintechnik-Branche gesorgt. So hat zum Beispiel Amit Goffer, promovierter Informatiker und Elektrotechniker, den »ReWalk« erfunden, eine Art robotische Rüstung, die sich Querschnittsgelähmte anlegen können und die über vier Elektromotoren die künstlichen Beingelenke in Gang bringt. Gesteuert wird die Konstruktion mittels eines Computers, der via Sensoren die Bewegungen seines Trägers registriert und in entsprechende Befehle umsetzt. Gelähmte Menschen, die sonst auf einen Rollstuhl angewiesen sind, können mit dem sogenannten Exoskelett sogar Treppen steigen.

Testphase Während der »ReWalk« bereits auf dem Markt ist, befinden sich Zeev Zalevskys Produkte noch in der Testphase. Der israelische Physiker will das Unmögliche möglich machen – Blinden das Sehen mithilfe von bionischen Kontaktlinsen ermöglichen. Außerdem sollen zukünftig spezielle Augentropfen Kurz-, Weit- oder Alterssichtigkeit beheben. Versuche an Schweineaugen hätten bereits positive Resultate gezeigt.

Das Pilotprogramm wird voraussichtlich im Dezember beginnen.

Ob die Kooperation zwischen der Charité und der Israel Innovation Authority an diese Erfolge anknüpfen wird, bleibt abzuwarten. »Bisher befinden wir uns in der Startphase«, sagte Axel Radlach Pries, Dekan der Charité. »Natürlich können Projekte auch scheitern, wir müssen dann allerdings verstehen, warum sie gescheitert sind.« Das Pilotprogramm werde voraussichtlich im Dezember starten, heißt es vonseiten der Initiatoren.

Onkologie Alle israelischen Start-ups – egal ob sie beispielsweise im Bereich Onkologie, Radiologie oder Orthopädie forschen – könnten sich bewerben. Den Themen seien keine Grenzen gesetzt. Wer es in die engere Auswahl schaffe, werde in einem ersten Gespräch, das wahrscheinlich per Skype stattfinden wird, zur Projektidee befragt.

Wenn das Start-up auch diese Hürde meistert, werde es einige Wochen Zeit bekommen, um sich auf die Präsentation vorzubereiten. »Wir wissen noch nicht, wie viele Projekte im ersten Jahr gefördert werden«, sagte Dana Kitschin von der Wirtschaftsabteilung der israelischen Botschaft. Es gebe kein Limit. »Es können zwei bis drei Projekte sein, oder aber auch keines oder mehr.« Was bereits feststeht, ist, dass für die Finanzierung der Start-ups die israelische Innovationsbehörde aufkommen wird.

Das Budget werde im Vorfeld allerdings nicht auf eine bestimmte Summe begrenzt, sagte Dana Kitschin. »Jedes Projekt wird an seinen Leistungen gemessen, und das Budget wird gemäß den genehmigten Aufgaben bewertet.« Sollte das Projekt später einmal Umsatz generieren, müsse das Unternehmen Lizenzgebühren aus dem Verkauf an die Innovationsbehörde zahlen.

Ausschreibung Das Kooperationsabkommen sei in Start-up-Kreisen bereits auf offene Ohren gestoßen. »Die Ausschreibung ist vonseiten der Charité zwar noch nicht offiziell raus, aber schon jetzt bekomme ich dazu Nachfragen«, sagte Dana Kitschin. Sie sei gespannt auf das, was kommt.

Auch der Dekan der Charité blickt zuversichtlich in die nahe Zukunft: »Wir freuen uns darauf, dass durch das Abkommen junge und innovative israelische Unternehmen mit klinischen und wissenschaftlichen Einrichtungen der Charité zusammenarbeiten werden, um dringliche medizinische Probleme anzugehen und so die Patientenversorgung zu verbessern«, sagte Axel Radlach Pries. Die Start-ups könnten klinische Versuche und Pilotprojekte in Berlin durchführen und die Infrastruktur des größten Krankenhauses Europas aus erster Hand kennenlernen.

Dies werde dringend benötigt, meinte Doron Abrahami. Denn die Fähigkeit, klinische Studien und Testpilotprojekte durchzuführen, sei ein wichtiger Schritt für die Entwicklung der jungen Unternehmen über die Forschungs- und Entwicklungsphase hinaus.

»Es muss ein struktureller Weg für die Anbindung der Start-ups an das Krankenhaus gefunden werden«, sagte der Leiter der Wirtschaftsabteilung der israelischen Botschaft. Dieser sei durch die Unterzeichnung des Kooperationsabkommens nun geebnet worden. »Es gibt Tausende Start-ups in der Welt. Es wird also kein einfacher Weg, aber ich sehe sehr viel Potenzial.«

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