Regierung

Die Unruhe vor dem möglichen Sturm

Gegner der Justizreform vor dem Haus von Yariv Levin Foto: Flash 90

Er sei bereit, einen Kompromiss bei der Umgestaltung des Rechtssystems zu akzeptieren, wenn »dadurch die Demokratie Israels gewahrt« werde. Das sagte der israelische Oppositionspolitiker Benny Gantz am 11. September. Einen Tag danach, am 12. September, kommt der Oberste Gerichtshof in Jerusalem mit einem historischen Gremium von 15 Richterinnen und Richtern zusammen.

An diesem Tag sollen mehrere Petitionen gehört werden, die ein Niederschlagen der ersten Gesetzesänderung für die höchst umstrittene Justizreform der rechtsreligiösen Koalition verlangen. Die verschiedenen Organisationen und Oppositionsparteien argumentieren, die Novelle sei verfassungswidrig. Eine Verfassungskrise, bei der es ein Urteil des Gerichtshofes gibt, an das sich die regierende Koalition nicht hält, könnte das Ergebnis der Anhörung sein. In Israel herrscht Unruhe vor dem möglichen großen Sturm.

MÖGLICHKEIT In einer dramatischen Abstimmung hatte die Regierung am 24. Juli dieses Jahres das Grundgesetz über die Justiz geändert. Dadurch wird dem Obersten Gerichtshof die Möglichkeit entzogen, staatliche Verwaltungsmaßnahmen, insbesondere politische Ernennungen, zu annullieren, auch wenn gewählte Beamte willkürliche, extreme oder korrupte Entscheidungen treffen.

In einer dramatischen Abstimmung hatte die Regierung am 24. Juli dieses Jahres das Grundgesetz über die Justiz geändert.

Zehntausende Demonstranten hatten an diesem Tag die Knesset umringt und sich lautstark gegen die Regierungspolitik ausgesprochen. Der Gesetzentwurf wurde dennoch mit 64 zu Null Stimmen angenommen.

DEMOKRATIE Diese Änderung war der erste Schritt im umfassenden Plan der Netanjahu-Regierung, der von Justizminister Yariv Levin angeführt wird und darauf abzielt, die Justiz Israels zugunsten seiner politischen Führung zu schwächen.

Dass sämtliche Richterinnen und Richter des Obersten Gerichtshofes in die Anhörung einbezogen werden, zeigt die Schwere der Entscheidung. Denn im Wesentlichen wird die Justiz an diesem Tag darüber entscheiden, ob sie ihre eigenen Befugnisse einschränkt oder nicht.

Israelische Medien berichteten in den vergangenen Tagen, dass Premierminister Benjamin Netanjahu vom Likud eine »einseitige Abschwächung« der Gesetzgebung vorsehe, um ein Kräftemessen mit dem höchsten Gericht des Landes doch noch zu vermeiden. Allerdings war bis zum letzten Tag nichts aus dem Büro des Ministerpräsidenten zu hören.

»Der Premier muss sich öffentlich dazu zu verpflichten, die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs zu akzeptieren – egal was passiert.«

oppositionspolitiker benny gantz

Die Hardliner-Koalition aus Likud, rechtsextremen und ultraorthodoxen Parteien hatte Netanjahu bereits zuvor mehrfach einen Strich durch die Rechnung in Sachen Kompromiss gemacht.

Gantz wiederholte währenddessen seine Forderung, dass der Premierminister sich öffentlich dazu zu verpflichtet, die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs zu akzeptieren – »egal was passiert«. In mehreren Interviews hatte Netanjahu Fragen diesbezüglich offengelassen. Oppositionsführer Yair Lapid von der Zukunftspartei glaubt nicht an einen bevorstehenden Kompromiss und nennt die Ankündigung des Premiers »einen weiteren Trick, der den Richtern des Obersten Gerichtshofs vor der Anhörung Schwierigkeiten bereiten soll«.

Die israelischen Gegner der Justizüberholung gehen seit mittlerweile 36 Wochen jeden Samstagabend zu Zehn- und sogar Hunderttausenden auf die Straßen, auf T-Shirts, Flaggen und Schildern das Wort »Demokratia« gedruckt. Auch an diesem Montag demonstrierten sie wieder.

Vor dem Haus von Justizminister Levin wurden sechs von ihnen festgenommen. Zuvor hatten sie ein überdimensionales Banner enthüllt, das ein berühmtes Zitat des einstigen Premierministers Menachem Begin zierte, dem Gründer der Likud-Partei von Netanjahu und Levin. In fetten Lettern stand geschrieben: »Es gibt Richter in Jerusalem.«

Israel

Netanjahu macht Krebsbehandlung öffentlich

Der Ministerpräsident wurde wegen eines bösartigen Prostatatumors behandelt

 24.04.2026

Tel Aviv

El Al baut Flugverkehr wieder aus: 40 Ziele bis nächste Woche

Nach Angaben der Fluglinie soll das Angebot im Laufe des Monats weiter wachsen. Es sei denn, die Sicherheitslage verändert sich wieder

 24.04.2026

Jerusalem

Ein Diplomat für die christliche Welt

George Deek soll als Sondergesandter Schadensbegrenzung betreiben und »die Beziehungen weltweit vertiefen«

von Sabine Brandes  23.04.2026

Untersuchungskommission

Hamas-Massaker: Unruhen im Gerichtssaal

Israel ist noch immer auf der Suche nach Antworten für die Versäumnisse vor dem 7. Oktober

von Sabine Brandes  23.04.2026

Jom Haazmaut

Trump erhält Israel-Preis für besondere Verdienste um das jüdische Volk

Nach Angaben des israelischen Bildungsministeriums erhält der amerikanische Präsident den Preis in der Kategorie »besondere Verdienste um das jüdische Volk«

 23.04.2026

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« kooperiert mit katholischer »Tagespost«

Ein Zeichen gegen Antisemitismus: »Die Tagespost« legt ihren Abonnenten die »Jüdische Allgemeine« kostenlos bei. Hinter der Aktion steckt unter anderem ein rundes Jubiläum

von Hannah Krewer  23.04.2026

Jom Haazmaut

Herzog ehrt Soldaten am Unabhängigkeitstag – Armee zu neuer Offensive bereit

»Herausragende Soldaten lernen in normalen Jahren die Schlachten der Vergangenheit – aber ihr kämpft die Schlachten, die künftige Generationen studieren werden«, sagt der Präsident zu IDF-Angehörigen

 23.04.2026

Israel

Ein Kind nach dem Tod

Israelische Richter erlauben der Familie der getöteten Geisel Yotam Haim die Verwendung von dessen Sperma, um einen Enkel zu zeugen

von Sabine Brandes  23.04.2026

Gastbeitrag

Anne Frank mit Kufiya: Ein Fall für die Justiz

Der grassierende israelbezogene Antisemitismus stellt die deutsche Justiz vor große Herausforderungen. Das zeigt sich besonders am Umgang mit dem Bild »Anne«, das die Schoa instrumentalisiert

von Susanne Krause-Hinrichs  23.04.2026