Terror

Die Tefillin des Großvaters

Normalerweise ist eine Barmizwa eine fröhliche Angelegenheit. Die Familien und Freunde kommen zusammen und feiern den Barmizwa-Jungen voll Freude und Stolz. Doch dies sind keine normalen Zeiten in Israel, und die Barmizwa von Ariel Zohar wird wohl die traurigste auf der Welt. Denn der Zwölfjährige ist der einzige Überlebende seiner Familie, die in ihrem Haus im Kibbuz Nahal Oz von Terroristen der Hamas am 7. Oktober massakriert wurde.

Ariels Eltern Yaniv und Yasmin, seine älteren Schwestern Tchelet und Keshet und der Großvater mütterlicherseits, Chaim Livne, wurden ermordet. Ariel überlebte nur, weil er am frühen Morgen joggen gegangen war. Vor weniger als einem Monat musste dieser israelische Junge das Kaddisch, das Totengebet, für seine gesamte Familie sprechen.

SCHÜSSE Als Ariel am Morgen des 7. Oktober in der Nähe des Kibbuz seine Runde nach Hause joggte, hörte er plötzlich Schüsse und versuchte sogleich, nachhause zurückzukehren – das erste Haus in der Reihe der Siedlung. Doch die Stimmen, die er hörte, machten ihm klar, dass hier eine tödliche Gefahr lauerte. Der Zwölfjährige rannte zum Haus des Sicherheitsbeauftragten des Kibbuz, der ihn zusammen mit seinen Familienmitgliedern im Sicherheitsraum versteckte, bevor er selbst nach draußen ging. Nur Stunden später wurde dieser Sicherheitsmann von den Terroristen erschossen. Seine Angehörigen und Ariel haben das schlimmste Massaker in der Geschichte Israels überlebt. Sie sind am Leben, doch für immer gezeichnet.

Ariels Großvater erhielt Tefillin, bevor die Nazis seine Eltern umbrachten.

Ariels Eltern hatten ihrem Sohn vor der Barmizwa Tefillin gekauft, religiöse Utensilien, die Pergamente mit handgeschriebenen Texten aus der Tora enthalten. Im Allgemeinen werden sie von Männern und Jungen ab 13 Jahren während des Morgengottesdienstes getragen, wobei die Riemen einer kleinen Box um den linken Arm gewickelt werden und die andere Box an die Stirn gebunden wird.

Vor einigen Tagen erhielt der Leiter der Spezialeinheiten der Freiwilligen-Rettungsorganisation Zaka, Haim Otmazgin, einen Anruf. Zaka ist eine israelische Organisation, die die sterblichen Überreste von Opfern nach Unfällen, Verbrechen und Terroranschlägen mit der von der jüdischen Tradition geforderten Würde birgt und bestattet. Alle Mitarbeiter sind orthodoxe Juden.

Die Frau am Telefon, eine Krankenschwester, stellte sich als Schwester von Yaniv Zohar vor, die Tante von Ariel. Unter Tränen erzählte sie Otmazgin vom Schicksal des Jungen, der das Inferno überlebt hatte. In zwei Wochen sei seine Barmizwa. Dafür wünsche er sich nur eines: »die Tefillin seines Vaters«. Die seien von unschätzbarem Wert für den Jungen, der hoffe, dass sie die Zerstörung und Plünderungen überstanden haben.

Diese Tefillin wurden Ariels Großvater väterlicherseits geschenkt, als er 13 Jahre alt war, ein Jahr, bevor die Nazis seine Eltern ermordeten. Er selbst überlebte das Konzentrationslager, zog nach Israel und schenkte die Tefillin seinem Sohn Yaniv, der als Fotograf für Zeitungen arbeitete.

Otmazgin habe nach dem Gespräch nicht gezögert und sich bereit erklärt, »die Arena des Blutes zu betreten«. Er kontaktierte die zuständigen Sicherheitsbeamten. Wegen der anhaltenden Lebensgefahr durch Raketen aus dem nahe gelegenen Gazastreifen hatten er und die begleitenden Soldaten für ihre Mission nur eine Erlaubnis für sechs Minuten Aufenthalt von der Armee in Nachal Oz erhalten.

Der dunkelblaue Beutel mit den Gebetsriemen blieb unversehrt.

»Es war ein unerträglicher Anblick im Innern, alles voller Blut«, erinnert er sich. Während das Zaka-Team im Haus war, dirigierte ihn Ariels Tante per Telefon dorthin, wo die Tefillin des Großvaters aufbewahrt wurden. Und tatsächlich: Da lag der samtene dunkelblaue Beutel mit dem wertvollen Inhalt – gänzlich unversehrt. Die Retter nahmen ihn und andere Andenken für den verwaisten Jungen mit. Noch am selben Abend fuhren Otmazgin und andere Helfer zum Haus der Großeltern väterlicherseits in Rischon Lezion, wo Ariel jetzt lebt. »Es war einer der emotionalsten und traurigsten Momente, den ich je erlebt habe.« Wochenlang hätten er und seine Kollegen ohne Unterbrechung gearbeitet, »wir haben keine Zeit zum Fühlen, keine Zeit zum Weinen«. Doch in diesem Moment »standen wir 40 Minuten einfach da und weinten«. Alle Anwesenden, die Familie, die freiwilligen Helfer, »weinten und weinten. Wir konnten die Emotionen nicht mehr zurückhalten. Wir weinten wie kleine Kinder für und mit dem Jungen, der seine wunderschöne Familie verloren hat.«

SYMBOL »Ein Kind zu sehen, das sich nach solch unfassbarer Zerstörung die Tefillin wünscht, als Symbol für die Kontinuität und Tradition dieser Familie, die so viel gelitten hat, zeigt mir, dass das Volk Israel am Leben ist und ohne Zweifel mit Gottes Hilfe siegen wird«, so Otmazgin weiter. Er wolle kein Held sein. Das, was er sich wünsche, ist »der Zusammenhalt der Israelis, damit wir diese Tragödie gemeinsam überstehen«.

Der Großvater habe unter Tränen erzählt, er sei sicher gewesen, dass das, was ihm im Holocaust widerfuhr, nie wieder passieren würde. Und jetzt sei sein Enkel allein auf der Welt, ohne seine Eltern und Schwestern. »Sein Herz, sagte er, sei zerschmettert. So wie alle unsere Herzen.«

Doch dann sei der 90-Jährige, der gerade seinen Sohn, seine Schwiegertochter und zwei Enkelinnen verloren hatte, aufgestanden und habe zu Ariel gesagt: »Meine Eltern wurden ermordet, als ich 13 war. Ich habe Widerstand geleistet und mein Leben weitergeführt. Heute habe ich einen Enkel, der in Israel lebt – dich! Auch dir haben sie das Grauen angetan, als du zwölf Jahre alt warst. Doch auch du wirst Widerstand leisten und Enkel in Israel haben!«

Boykott?

Weitere Firma verweigert Jerusalemer Seilbahn-Projekt

Die israelische Regierung will per Seilbahn einen direkten Zugang zur hochsymbolischen Klagemauer in Jerusalem schaffen. Aber immer mehr ausländische Partner ziehen sich zurück

von Andrea Krogmann  20.10.2026

Wahlkampf

Netanjahu stellt sich hinter religiöse Wehrdienstverweigerer

Um an der Macht zu bleiben, braucht Israels Ministerpräsident die Unterstützung der ultraorthodoxen Juden. Wenige Tage vor der Wahl übt er den Schulterschluss mit Religiösen, die sich der Wehrpflicht entziehen

von Andrea Krogmann  20.10.2026

Vanessa Emde (Die Linke)

Berlin

Linken-Fraktion vorerst ohne Einigung im Streit um Emde

Eine Abgeordnete, die in ihrer Israel-Kritik immer wieder nachlegt, und eine Fraktionsspitze, die ein Problem mit ihr hat: Im Berliner Koalitionspoker bleibt der Streit um Vanessa Emde ungelöst

 20.10.2026

Hamas

Emiratische Blase in Gaza

Israel erlaubt den VAE Infrastrukturarbeiten nahe Rafah. Den Wiederaufbau der Enklave knüpft Israels Premier Netanjahu an die Entwaffnung der Terrororganisation

von Sabine Brandes  20.10.2026

Tel Aviv

Wehrdienst oder Gefängnis: Armee stellt Chabad-Studenten vor die Wahl

Am Ben-Gurion-Flughafen wurden Dutzende Männer aus der Chabad-Lubawitsch-Bewegung festgenommen, als sie aus New York zurückkehrten

 20.10.2026

Tel Aviv

Gloria Gaynor tritt in Israel auf

Nur wenige ausländische Musiker kommen derzeit nach Israel. Die »Queen of Disco« ist eine von ihnen. Was für ein Verhältnis hat sie zum jüdischen Staat?

 20.10.2026

Israel

»So wollte ich nicht sterben«

Der indische Kapitän des »Fly Dubai«-Fluges schildert erstmals ausführlich, was genau sich an Bord abspielte

 20.10.2026

Knessetwahl

Gantz zieht die Reißleine

Nach dem Absturz seiner Partei verzichtet der Ex-Generalstabschef auf eine Kandidatur – und wirbt erneut für eine große Einheitsregierung.

von Sabine Brandes  20.10.2026

Tel Aviv

Israels Armee verhängt Urlaubsstopp vor der Wahl

Die Hintergründe

 20.10.2026