Familienbetrieb

Die Papiermacher

Ein garstiger Wind pfeift um die Ecken. Binnen Sekunden verdunkelt sich der Himmel, mit Wucht prasseln fette Regentropfen aus Gewitterwolken und verwandeln den Hof in eine Pfützenlandschaft. Winter in Israel.

Im Stall ist es mollig warm. Ein Topf auf dem Ofen verströmt den Geruch von Gemüsesuppe. Izhar Neumann sitzt auf einem Plastikstuhl, ein Bündel Stöcker auf dem Schoß. Neben ihm sein Sohn Shaked. Mit geübtem Griff ziehen die Männer die Rinde der Äste in einem Rutsch herunter. Israelische Papiermacher bei der Arbeit.

In der Galerie der Familie Neumann, Tut Neyar im malerischen Städtchen Zichron Yaakov am Rande des Carmelgebirges, dreht sich alles um das Material, aus dem die Bücher sind. Izhar und sein Sohn sind die einzigen professionellen Papierhersteller im Land. »Wir leben davon«, sagt Neumann, »auch wenn es nicht immer ganz leicht ist.« Izhar studierte diese Kunst zuerst in Beer Scheva bei Joyce Schmidt – der Mutter der Papierherstellung in Israel –, und später in Japan.

Japan‐import Seinen Rohstoff bezieht Neumann hauptsächlich vom Maulbeerbaum, der auf Japanisch den wohlklingenden Namen Kozo trägt. Neumann importierte die Pflanze nach seiner Rückkehr in die Heimat. Heute verfügt er über 500 Bäume auf Feldern in der Umgebung und in Obergaliläa.

Die Pflanzen können meterhoch wachsen, Neumann jedoch hält sie auf Buschhöhe, damit er die jungen Triebe leichter schneiden kann. Jeden Winter, wenn die Äste ihren Wachstumszyklus beendet haben, ist Erntezeit. Sind sie geschnitten, werden sie hochkant in einen heißen Dampfkessel gestellt und weichgekocht.

Papier kann aus vielen Materialen bestehen. Neumans klarer Favorit ist der Kozo wegen seiner besonderen Eigenschaften. »Seine Rinde ist gleichzeitig stark und flexibel und verfügt über besonders lange Fasern.« Die Rinde des Kozo besteht aus drei Schichten, »jede einzelne ergibt ein anderes Papier«, erklärt der Fachmann, während er ein Stück zur Demonstration auseinanderzieht.

Die innere Rinde wird für helles, feineres Papier benutzt, die äußere für grobes. Jeder Strang muss per Hand bearbeitet werden, Maschinen gibt es hier nicht. Je nach gewünschter Papierqualität wird die äußere Haut mit einem Messer abgeschabt. »Die viele Arbeit, die in einem handgemachten Blatt Papier steckt, erklärt den recht hohen Preis«, sagt Neumann.

Ökologisch Bei Tut Neyar werden auch Fasern gemischt. Vor allem Neumanns Ehefrau Timna, eine Künstlerin, stellt für Ausstellungen meterlange papierne Wanddekorationen aus den unterschiedlichsten Mate‐ rialien her. Strahlend weißes Papier gibt es bei Tut Neyar übrigens nicht.

In der industriellen Herstellung wird solches einzig mit chemischen Bleichmitteln erzielt. An Neumanns Papier aber kommt kein Gift: »Wir legen großen Wert auf Ökologie und Nachhaltigkeit. Die Bäume sind allesamt biologisch angebaut, die Wärme zum Trocknen der Rinde kommt von der Sonne, unser Wasser recyceln wir.«

Dass hier alles öko ist, ist nicht die einzige Besonderheit. Die Produkte von Tut Neyar sind extrem langlebig und stabil. Unter guten Konditionen kann ein Blatt Papier gut und gern 200 Jahre alt werden. Daher bestellen viele Archivare aus dem ganzen Land bei Neumann Material, um alte Dokumente oder Bücher zu reparieren. Darunter die Museen in Tel Aviv und Jerusalem.

Zudem stellt der Handwerker Papier nach den exakten Vorstellungen seiner Kunden her. Ob Künstler oder Bibliothekare anfragen, für ihn ist nichts zu speziell. »Bei mir gibt es keine Mindestbestellmenge. Auch, wenn es nur ein einziges Blatt aus einer ganz bestimmten Faser sein soll – ich mache es.« Bekannt ist Tut Neyar zudem für die Herstellung von Rohmaterial für Ketubot, die kunstvoll verzierten Heiratsverträge.

Moderne Doch bevor man sie beschreiben kann, muss die vorbereitete Rinde gekocht werden, bis ein dicker Brei entsteht. Anschließend werden die Fasern auf einem Gitter neu organisiert und getrocknet. »Die Grundidee der Herstellung ist es, die Pflanze in ihre einzelnen Fasern zu zerlegen und diese später zu arrangieren. So entsteht Papier.« Das Handwerk sei heute noch genauso wie vor Hunderten von Jahren.

Obwohl die Familie die alten Traditionen der Produktion hochhält, hat sie nichts gegen Einflüsse der heutigen Zeit. Gemeinsam mit Timnas Bruder Shaun, einem Designer, gründeten sie die Firma Izushon, die moderne Designprodukte kreiert. Teil ihrer neuen Kollektion sind Steh‐ und Wandlampen mit Namen wie »Hommage an die verschwindende Glühbirne«.

Lediglich der Umriss des Leuchtmittels ist zu sehen und erhellt dank LED‐Technik den Raum. Ebenfalls aus Papier sind topmodische Umhängetaschen und -beutel, extrem stabil und wasserdicht. Möglich macht das eine Beschichtung aus dem Saft unreifer Kakifrüchte. Ihr Innenfutter besteht aus alten Sandsäcken, die die Neumanns auf der Straße finden. »Sie werden achtlos weggeworfen, und wir recyceln sie zu etwas Nützlichem und Schönem.«

Besonders gut kamen die Produkte in Japan an. Bei der jüngsten Ausstellung von Papierkunst in Tokio präsentierte die Familie ihre brandneuen Designs. »Die Japaner waren begeistert von der Verbindung von Tradition und Moderne«, erzählt Izhar freudestrahlend, »genau wie wir.«

www.tutneyar.co.il
www.izushon.com

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