Jerusalem

»Die Erinnerung darf niemals enden«

Ich bin wegen Auschwitz in die Politik gegangen.« Diesen Satz, den Heiko Maas in seiner Antrittsrede als neuer Bundesaußenminister am 14. März im Auswärtigen Amt in Berlin sagte, hat man in Israel mit besonderer Aufmerksamkeit wahrgenommen. Bei seinem Antrittsbesuch in Jerusalem wird er mehrfach darauf angesprochen.

Zum Beispiel am Montag, als er das Jerusalemer Zentrum von Amcha besucht, einer Organisation, die psychosoziale Hilfe für Überlebende der Schoa und ihre Familien anbietet. Zahlreiche betagte Menschen haben sich zu einem vorgezogenen Pessach‐Seder versammelt. Darunter auch der 100‐jährige Elias Feinzilberg, der erzählt, dass er 1917 im polnischen Lodz geboren wurde und später die Hölle der Schoa in neun verschiedenen Lagern – darunter Auschwitz, Buchenwald und Dachau – überlebte.

Lehre Maas, von der Begegnung sichtlich bewegt, berichtet, dass er vom Nationalsozialismus und der Schoa in der Schule erfahren habe. Daraufhin habe er sich auch mit seiner eigenen Familiengeschichte beschäftigt, fand dort aber keine Widerstandskämpfer, nur Mitläufer. »Da habe ich angefangen, mir Gedanken darüber zu machen, was ich selbst tun kann und welchen Beitrag ich selbst liefern kann, dass es so etwas nie wieder gibt.«

Man müsse heute beweisen, dass man etwas aus der Geschichte gelernt hat, sagt der 51‐Jährige. Überall in der Gesellschaft gebe es Rassismus und Antisemitismus. Man habe die Lehren aber nur dann gezogen, wenn man heute gegen Rassismus und Antisemitismus kämpfe. »Das begleitet mich mein ganzes Leben, das ist meine Lehre, die ich aus der deutschen Geschichte gezogen habe. Und das ist der Grund, warum ich heute hier bin«, so Maas.

Auch bei dem Treffen mit Benjamin Netanjahu zum Abschluss seines zweitägigen Aufenthalts hallen die Worte seiner Berliner Antrittsrede nach. Israels Premierminister versichert seinem Gast, dass sie »uns bewegt« und inspiriert hätten, dass »sie unsere Herzen erreicht haben«. Netanjahu würdigt ausdrücklich den Einsatz gegen Antisemitismus und Rassismus und nannte Maas mehrfach einen »Freund«.

Gespräche Auch wenn es im Gespräch unter vier Augen Meinungsverschiedenheiten vor allem in den Fragen der Siedlungspolitik, der Zweistaatenlösung und des iranischen Atomprogramms gegeben haben soll, sagt Heiko Maas anschließend, dass man »in den Zielvorstellungen nahezu überall übereinstimmen« würde. Nur über den Weg zu den Zielen gebe es unterschiedliche Auffassungen. Er betont zugleich, dass Deutschland immer an der Seite Israels stehen werde.

Er dankt dafür, so freundlich und warmherzig empfangen worden zu sein. Das sei keine Selbstverständlichkeit und fühle sich an »wie ein unverdientes Geschenk«. Ihm sei sehr daran gelegen, die deutsch‐israelische Freundschaft weiterzuentwickeln und den Austausch zwischen den beiden Ländern zu verbessern.

Entsprechend hatte sich Maas nach einer Begegnung mit Israels Staatspräsident Reuven Rivlin am Tag zuvor geäußert. Auch dabei sei es um die besondere geopolitische Lage und Israels Bedürfnis nach Sicherheit gegangen. Und auch hier wurden viele Übereinstimmungen, aber ebenso unterschiedliche Auffassungen deutlich. »Man muss sich nicht in allen Punkten in der Sache einig sein, um gute Freunde bleiben zu können«, so Maas.

Gästebuch Bei einem Abstecher nach Ramallah traf sich Maas am Montag auch mit seinem palästinensischen Amtskollegen Riad al‐Malki und Präsident Mahmud Abbas. Dabei forderte er von den Palästinensern Gesprächsbereitschaft im Nahostkonflikt und rief dazu auf, keine Brücken abzubrechen.

Am Sonntag hatte der Außenminister gleich zum Auftakt seiner Reise und direkt nach der Ankunft die Jerusalemer Holocaust‐Gedenkstätte Yad Vashem besucht. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, begleitete ihn. Nach einer Führung durch die Ausstellung entfachte Maas in der Halle der Erinnerung die Ewige Flamme, legte einen Kranz nieder und verharrte in einer Schweigeminute.

Ins Gästebuch schrieb er anschließend: »Die Erinnerung darf niemals enden.« Deutschland trage die Verantwortung für das grausamste Verbrechen der Menschheitsgeschichte. »Jeder Form von Antisemitismus und von Rassismus müssen wir uns entschieden entgegenstellen. Überall und jeden Tag.«

kkl Es war eine Reise voller Symbole. So war am Sonntag eine Baumpflanzung im Aminadav‐Wald bei Jerusalem vorgesehen. Unterhalb des Kennedy‐Memorials setzte der Außenminister einen kleinen Johannisbrotbaum – für Judith Perl‐Strasser vom Jüdischen Nationalfonds (KKL) ein Symbol der Hoffnung auf Frieden und für die Verwurzelung mit dem Staat Israel. Maas sprach bei dieser Gelegenheit vom Zeichen »einer Verbundenheit, die lange währt«.

Der Antrittsbesuch war – nach Paris, Warschau, Brüssel und Rom – die fünfte Auslandsreise und die erste Reise ins außereuropäische Ausland des neuen deutschen Chefdiplomaten. Es sei ihm äußerst wichtig gewesen, sehr bald Israel zu besuchen und damit auch ein Zeichen »für die unverbrüchliche Freundschaft zwischen dem Staat Israel und Deutschland« zu setzen, sagte Maas.

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