Verkehr

Die Bahn kommt

Der Winter ist auch im Heiligen Land recht ungemütlich. Bei Temperaturen um die zehn Grad ist es in den ungeheizten Häusern wenig heimelig. Gern legen die Israelis ab und an ein warmes Wochenende ein. In Eilat kann man zwar sogar im Februar im Roten Meer abtauchen. Die stundenlange Fahrt durch die Wüste aber hält viele vom Kurzurlaub ab. Zukünftig soll es nur noch zwei Stunden dauern. Der Bau eines neuen Schienennetzes macht es möglich.

Das Kabinett stimmte der Konstruktion der Bahnlinie Tel Aviv–Eilat bereits zu. Über die Bezahlung der geschätzten 1,7 Milliarden Euro Baukosten machen sich die Politiker noch Gedanken, doch klar ist: Die 350 Kilometer lange Strecke wird gebaut. Eine Finanzierungsmöglichkeit sei die Kooperation mit einer anderen Regierung, mit der es gemeinsame wirtschaftliche und strategische Interessen gäbe, so das Verkehrsministerium. Auch denkbar sei der Bau durch einen privaten Investor, wie bei der Schnellstraße Nummer sechs.

Allianz Mitnichten geht es lediglich um Urlaub. Auch politische Erwägungen spielen eine Rolle. Im Hinblick auf die bevorzugten Konstrukteure aus China machte Premierminister Benjamin Netanjahu deutlich: »Im nächsten Jahrzehnt werden in der Welt neue Mächte erwachsen, und Israel muss strategische Allianzen bilden.« Transportminister Israel Katz pflichtete bei, man habe Erfahrungen mit Arbeitern aus China, die unter anderem das Tunnelsystem der Stadt Haifa gebaut haben. »Die chinesischen Firmen gehören zu den professionellsten der Welt, wenn es um den Bau von Transport‐ und Schienensystemen geht.«

Die Regierung betonte, dass man mit der Bahnstrecke eine alternative Handelsroute zwischen Asien und Europa schaffe, die den Suezkanal umgeht. »Für den Fall, dass der Kanal geschlossen wird oder das Verkehrsaufkommen nicht mehr bewältigen kann, ist das wie eine Versicherungspolice«, so Netanjahu. Lieferungen, die in Eilat ankommen, würden dann per Bahn in die israelischen Häfen transportiert und von dort mit Schiffen nach Europa.

Die Strecke trägt den Namen »Red‐Med‐Linie«, da sie das Rote Meer mit dem Mit‐ telmeer verbindet. Sie soll über zwei Schienensysteme verfügen, eines für den Personenverkehr, eines für Fracht. Bereits vorhandene Strecken müssen dafür erneuert, 63 Brücken gebaut und rund zehn Kilometer Tunnel gegraben werden. Netanjahu frohlockte: »63 Jahre ist darüber geredet worden, die Peripherie an das Zentrum anzubinden, doch nichts ist geschehen. Bis jetzt.« Die geplante Bahnstrecke in Verbindung mit den jüngst gefundenen Gasfeldern vor Israels Küste werde die heimische Wirtschaft in großem Umfang stärken.

Bequem Die wenigsten Israelis allerdings steigen aus politischen oder wirtschaftlichen Erwägungen auf die Bahn um. Für sie zählen praktische Gründe, die ihren Alltag leichter machen. Immer mehr Menschen haben es satt, Stunden ihrer Freizeit im Stau zu verbringen. Sie lassen ihre Autos stehen und fahren mit dem Zug zur Arbeit und zum Einkaufen. Ob Straßenbahn in Jerusalem oder Überlandzug von Nord nach Süd: Bahnfahren in Israel boomt.

Sogar die schier endlose Geschichte der Schnelltrasse von Tel Aviv nach Jerusalem kommt voran. Vor einigen Tagen wurde eine spezielle Tunnelbohrmaschine aus Russland geliefert. Geht alles glatt, werden die 450 mitgereisten Arbeiter und Ingenieure in den kommenden Wochen einen etwa dreieinhalb Kilometer langen Durchbruch von Latrun bis zur Station in Schaar Hagai schaffen, später sind zwei weitere Tunnel in der Nähe der Hauptstadt geplant. Pendler können jedoch schon nicht mehr zählen, wie oft das Datum für die Inbetriebnahme dieser Bahnstrecke bereits verschoben wurde.

Kosten Derzeit schwebt die Jahreszahl 2017 am Horizont. Gebaut wird seit elf Jahren, mehrere Regierungen scheiterten am Versuch, das Projekt zu Ende zu bringen. Auch die Kosten mussten immer wieder nach oben korrigiert werden. Transportexperten schätzen, dass die nur 54 Kilometer lange Strecke die Zwei‐Milliarden‐Grenze überschreiten werde. Heute brauchen Pendler mehr als zwei Stunden mit dem Zug.

Pendler Maajan Cohen lebt in Bat Yam und arbeitet in Jerusalem. Ein Auto hat sie nicht, ihr täglicher Arbeitsweg dauert insgesamt vier Stunden, manchmal fünf. Ein Umzug kommt nicht infrage, ihr Mann ist in Tel Aviv beschäftigt. Mit der Schnellbahn soll Cohen nur noch 28 Minuten im Zug sitzen müssen. Trotz der ewigen Verzögerungen hat sie ihren Optimismus nicht verloren. »Es geht schließlich um die Anbindung der Hauptstadt ans Zentrum«, sagt sie. »Das muss doch irgendwann einmal klappen.«

Pendler Für Joram Tomer läuft es schon jetzt bestens. Der 43‐Jährige hat sich dank des Zuges einen Traum erfüllt: ein eigenes Häuschen für sich und seine Familie. Vor einem Jahr zog der Programmierer aus dem Zentrum ins Städtchen Benjamina etwa 60 Kilometer nördlich von Tel Aviv. Bedingung für den Umzug war die Nähe zur Bahnlinie. »Es könnte nicht komfortabler sein«, schwärmt er. Das Pendeln macht ihm nichts aus. Im Gegenteil: »Morgens lese ich im Zug die Zeitung, abends erledige ich noch etwas für die Arbeit.« Die Entwicklung des Schienenverkehrs ist für ihn eine der besten Entscheidungen in der Geschichte des Landes.

Komfort wird in den israelischen Waggons groß geschrieben. In mehr als 600 Zügen und auf 53 Stationen wird bis Jahresende kabelloser Internetservice eingerichtet. Tomer freut sich: »Während der Bahnfahrt E‐Mails beantworten, im Internet surfen und chatten. Einfach perfekt – ich steige nie wieder aufs Auto um.«

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