Jom Haschoa

»Die Augen sehen, aber die Seele will nicht glauben«

Israels Präsident Isaac Herzog bei der Gedenkveranstaltung in Yad Vashem Foto: Haim Zach, GPO

Das Gedenken darf niemals enden. Das forderte Israels Präsident Isaac Herzog bei der offiziellen Zeremonie zum Beginn des Jom Haschoa am Mittwochabend in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. »Wir haben keine Chance, noch haben wir als Volk und als Staat eine Rechtfertigung, wenn wir uns nicht für immer daran erinnern, was unserem Volk widerfahren ist«, betonte er. Oberrabbiner Israel Meir Lau entzündete die Gedenkfackel, die blau-weiße Flagge wurde  auf Halbmast gesetzt.

BÄRBEL BAS Zahlreiche israelische Politiker waren anwesend, um die sechs Millionen Opfer des Völkermords der Nazis zu ehren. Auch Bundestagspräsidentin Bärbel Bas nahm als erste hochrangige deutsche Amtsträgerin an dem Gedenken in Israel teil. Der diesjährige Gedenktag Jom Haschoa in Erinnerung an Holocaust und Heldentum im Jahr 5782 steht unter der Überschrift »Zugfahrten in den Untergang«. Mehr als die Hälfte der Juden wurden mit Zügen in den Tod transportiert.

»Es gibt Momente, in denen ein Schwarz-Weiß Foto die gesamte Geschichte erzählt. In dem sämtliche Worte nachhallen. Ich stehe heute vor Ihnen mit diesem ungewöhnlichen Bild in meinem Herzen«, sagte Präsident Herzog. »Wer es gesehen hat, wird es nie wieder vergessen. Die Augen sehen, der Verstand begreift, aber die Seele will nicht glauben. Denn es ist das schwärzeste Schwarz. Es ist kein Bild mit großen Zahlen, sondern das einer jüdischen Familie, die von teuflischen Nazischergen und Kollaborateuren am Rande einer Todesgrube exekutiert wird. Mit ihren Kindern.«   

»Der jüdische Staat stellt sicher, dass sich kein jüdisches Kind mehr vor Häschern in dunklen Kellern verstecken muss.«

Präsident Isaac Herzog

Der Jüdische Staat sei als Leuchtturm erschaffen worden und stehe für den Sieg des Lichts über die Dunkelheit, so Herzog weiter. »Er stellt sicher, dass sich kein jüdisches Kind mehr vor Häschern in dunklen Kellern verstecken muss.«

Die Schoa sei ein bisher unbekanntes industriell betriebenes Morden gewesen, »in den Ghettos, in den Kellern der Gestapo, in den Hinrichtungsgruben, in den Todeszügen, in den Vernichtungslagern, in den Krematorien und an jedem anderen Ort, wo das Menschenbild verloren ging und keine Spur von Mitgefühl überlebte«.

VERGLEICHE Premierminister Naftali Bennett prangerte in seiner Rede am Abend Vergleiche mit der Schoa an. Er mache sich die Mühe, dies zu sagen, weil es im Laufe der Jahre immer mehr Diskussionen in der Welt gibt, die andere Ereignisse mit dem Holocaust vergleichen. »Aber nein! Selbst die schwierigsten Kriege heute sind nicht der Holocaust und nicht mit dem Holocaust vergleichbar. Kein Ereignis in der Geschichte, so grausam es auch gewesen sein mag, ist damit zu vergleichen – der Vernichtung der europäischen Juden durch die Nazis und ihre Kollaborateure.«

Niemals, an keinem Ort und zu keiner Zeit, habe ein Volk so geplant, systematisch und gleichgültig gehandelt, um ein anderes zu zerstören. »Die Deutschen haben keine Mühen gescheut, um ihre Arbeit auszuführen. Im April 1944 wurde ein spezielles Gestapo-Team zu abgelegenen Wanderwegen in den französischen Alpen geschickt, um 20 jüdische Kinder zu fangen und zu ermorden«, berichtete Bennett. »So viel Energie, um einige Kinder zu töten. Das jüngste von ihnen war erst vier Jahre alt.«

»Wir können nicht zulassen, dass das gefährliche Gen des Fraktionismus Israel von innen zerstört.«

Premierminister naftali bennett

Dann warnte der Regierungschef vor politischen Spaltungen und antisemitischer Rhetorik und erinnerte daran, dass diese Spaltung zwischen rechten und linken Ideologien schon während des Aufstands im Warschauer Ghetto die Verbindungen zwischen Juden zerrissen hätten: »Sogar während des dunkelsten Kapitels der jüdischen Geschichte, während des Vernichtungsinfernos unseres Volkes, haben Linke und Rechte keinen Weg gefunden, zusammenzuarbeiten«, so Bennett, dessen Koalition kürzlich ihre Mehrheit verlor.

»Meine Brüder und Schwestern, wir können einfach nicht zulassen, dass das gleiche gefährliche Gen der Fraktionenbildung Israel von innen heraus zerstört.«  

ANTISEMITISMUS In Bezug auf Antisemitismus sagte er: »Wann immer wir versucht sind zu glauben, dass wir in eine liberale, moderne Ära eingetreten sind, in der die Menschen nicht länger am Judenhass festhalten, weckt uns die Realität. Was also ist die Lektion?«

Der Holocaust sei der ultimative, absolute Ausdruck von Jahrtausenden Antisemitismus. Doch warum gibt es ihn? Wie kommt es, dass der Pharao vor 3500 Jahren beschloss, alle hebräischen Männer auszurotten? Tausend Jahre später wollte Haman die Juden töten. Warum hat England vor 700 Jahren seine Juden vertrieben oder ermordet? Und warum folgten dem vor 500 Jahren Spanien und vor 350 Jahren der Jemen?»

«Was ist das Motiv? Was ist der Grund für all diese Ereignisse?», fragte Bennett in die Dunkelheit des Abends. Dann gab er die Antwort: «Es gibt keine. Weder einen gemeinsamen Nenner noch einen einzigen Grund.»

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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