Terror

Dialog in schwieriger Zeit

Nur eine Minderheit: Friedensdemo in Jerusalem am 17. Oktober Foto: Flash 90

Essen bringt die Menschen an einen Tisch, heißt es. Wenn es um Hummus geht, ist das in Israel tatsächlich so. Zumindest in guten Zeiten speisen viele Israelis neben Palästinensern ohne jeglichen Argwohn. In den vergangenen Wochen aber machen die meisten jüdischen Kunden um arabische Lokale einen riesengroßen Bogen. Das Ende der Koexistenz?

Nicht, wenn es nach Kobi Zafrir geht. Der Leiter der Hummus-Bar in Kfar Vitkin in der Nähe von Netanja hat sich eine ganz besondere Aktion ausgedacht, um wieder Kunden in sein leeres Restaurant zu bringen. »Angst vor Arabern – Angst vor Juden?«, fragt er in seiner Anzeige auf Facebook provokativ. »Nicht bei uns, denn hier gibt es sie gar nicht – nur Menschen.«

Die Hummus-Bar gibt Juden und Arabern sogar einen Preisnachlass von 50 Prozent – wenn sie zusammensitzen und sich ihren Kichererbsenbrei gemeinsam schmecken lassen. Die Aktion kommt an, schon am Montag nach dem Erscheinen der Werbung war das Lokal voll besetzt. »Nicht wenige saßen an gemischten Tischen und aßen ihren Hummus mit etwas Verständigung als Beilage«, freut sich Zafrir.

vernunft Trotz der Schlagzeilen von Terror und Tod treffen sich nach wie vor jeden Tag Menschen in Israel, die den Dialog auch in diesen schweren Zeiten voranbringen wollen. Es sind Juden und Muslime, Christen und Drusen aus Tel Aviv, Jaffa, Ost- und West-Jerusalem, aus Galiläa und dem Westjordanland. Sie glauben, dass in Zeiten des Terrors die Stimme der Vernunft umso lauter vernehmbar sein müsse. Leicht ist es dabei weder für Juden noch für Araber. Viele müssen sich Anfeindungen anhören, werden in den sozialen Medien für ihr Engagement beschimpft und nicht selten als »Verräter« oder »Nestbeschmutzer« verurteilt.

Dennoch gingen am vergangenen Wochenende mehr als 1500 arabische und jüdische Demonstranten in Jerusalem auf die Straße, um zu zeigen: »Wir werden uns von Verzweiflung nicht unterkriegen lassen«. Organisiert hatte den Protest die gerade erst gegründete jüdisch-arabische Initiative »Omdim Bejachad« (Wir stehen zusammen). Einer der Leiter, Alon Lee-Grien, will damit »ein Zeichen der Hoffnung setzen und deutlich machen, dass es auch anders geht. Gerade jetzt – inmitten der Angst und Verzweiflung«. Mit Schildern und Trillerpfeifen verkündeten sie: »Wir weigern uns, zu Feinden zu werden.«

Auch Altpräsident Schimon Peres will den Gedanken der Koexistenz nicht aufgeben. Nach dem Beginn der Terrorwelle rief er eine »Notfall-Friedenskonferenz« mit religiösen Oberhäuptern aller Glaubensrichtungen zusammen. »Wir müssen zusammen beten und mit lauter Stimme sagen: Es gibt keinen Gott, der Mord gutheißt. Gewalt ist nicht der Weg.«

Sogar der Oberrabbiner von Jerusalem, der durch Terrorattentate im Moment am meisten geschundenen Stadt, war dabei. »Das Gebot ›Du sollst nicht töten‹ hat Gültigkeit und steht über allem. Keine Religion der Welt erlaubt Blutvergießen.« Einer, der ebenfalls gekommen war, obwohl er damit sein Leben gefährdet, war der Präsident der Vereinigung muslimischer Kleriker, Scheich Hamad Kivon. Er machte klar, dass die Unantastbarkeit der Humanität über allem stünde. »Es ist für jedermann verboten, das Gesetz in die eigenen Hände zu nehmen und Messer zu zücken.« Scheich Suleiman Satel aus Jaffa pochte darauf, dass seine Stadt ein Beispiel für gelungene Koexistenz sei. »Wir müssen das verteidigen. Respekt für jeden Menschen, seine Kultur und Religion sowie Respekt für die Heiligen Stätten sind die Lösung.« Gemeinsam riefen die Männer dazu auf, das Blutvergießen zu beenden und sangen »Ose Schalom Bimromaw« (Er macht Frieden über allem).

Doch lange nicht alle Israelis sind sicher, dass gemeinsame Gesänge und Demonstrationen eine Wende in der momentanen Situation bringen werden. Viele sind desillusioniert. »Ich würde gern weiter glauben, dass wir in Frieden leben können, ich habe es mein Leben lang getan. Aber es fällt mir mit jedem Attentat schwerer«, gibt Schira Lidor zu. Sie wohnt in Jerusalem und traut sich dieser Tage kaum mehr, aus dem Haus zu gehen. »Natürlich will ich Koexistenz. Ich lebe schließlich in einer Stadt, in der ein Großteil der Einwohner Araber sind. Viele sagen, es gibt keinen anderen Weg als den des Friedens. Aber das stimmt so nicht, denn es gibt auch den Weg des Krieges. Das ist schrecklich, aber unsere momentane Realität.«

Erklärung 40 Bürgermeister und Gemeinderäte wollen dies so nicht akzeptieren. Sie trafen sich vor einer Woche, um eine gemeinsame Erklärung abzugeben: »Die langwierigen Bemühungen, unsere Verbindungen zu stärken, werden derzeit mit Messern zerschnitten.« Sie fordern Regierungschef Benjamin Netanjahu und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas auf, sich umgehend zu treffen und die Gewalt zu stoppen. Saleh Suleiman aus der Ortschaft Beunai Nogidat fügte hinzu: »Ich weiß, dass es möglich ist. Dafür werde ich von anderen oft angegriffen. Aber das ist mir egal, denn ich verurteile alle Morde und leide mit den Opferfamilien.«

Yovav Kalifon, Initiator der Dialogreisen für Juden und Palästinenser, »Tiyul-Rihla-Trip«, weiß nicht, ob es eine Lösung des Konflikts gibt. Illusionen über einen baldigen Frieden macht er sich schon lange nicht mehr. »Schönreden bringt nichts. Stattdessen sollten wir die Realitäten und Narrative beider Seiten anerkennen und von diesem Punkt aus einen ehrlichen Dialog starten.« Dass das oft verwirrend und schockierend sei, ist ihm bewusst. Ganz hoffnungslos ist Kalifon aber nicht. »Bisher hat noch niemand auf unseren Reisen das Gespräch verweigert. So können wir voneinander lernen, den anderen verstehen und respektieren. Das ist ein guter Anfang für das Miteinander.«

Reise Die letzte geplante Reise hätte eine gemischte Gruppe nach Tel Aviv, Jaffa und Aschdod führen sollen. Sie wurde abgesagt, weil Juden wie Palästinenser zu viel Angst hatten, gemeinsam durch das Land zu reisen. »Das ist sehr traurig«, findet Kalifons Partner, der Palästinenser Ahmed M. A. Helou aus Jericho. »Dabei wollen wir mit unserem Programm dafür sorgen, dass diese Furcht aufgelöst wird.«

Auch Helou glaubt, dass nur mit Reden Missverständnisse ausgeräumt und das Mistrauen bekämpft werden kann, das zwischen beiden Völkern herrscht. Aufgeben will er trotz der Rückschläge nicht. »Wir dürfen auf keinen Fall aufhören, miteinander zu sprechen. Ich sehe das Licht am Ende des düsteren Tunnels. Jetzt ist es nur ein kleiner Schimmer, doch wenn wir weitermachen, zusammen Schritt für Schritt und Hand in Hand, dann wird das Licht eines Tages hell strahlen und die Zukunft für uns alle besser machen.«

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