Gedenken

Der Trost liegt im Leben

Offizielles Schoa-Gedenken in Jerusalem Foto: Flash 90

Schlomo berichtet, wie seine Mutter ihn mit sechs Jahren hinter dem Gestapo-Soldaten auf die Straße schleuste, damit er weglaufen und sich retten konnte. Er war es, der floh. Esther erzählt, dass es keine Seife und wochenlang kein Wasser gab und kein Toilettenpapier. In Birkenau. Seife, Wasser, Toilettenpapier. Und sie sagt: »Wir saßen nackt auf dem Boden vor dem Krematorium, und über uns stieg Feuer auf, und man hörte Leute beten und schreien, und wir sahen zu dem Rauch hinauf, und man sagte uns, wir würden dort auch sein.«

Rauch. Feuer. Weinen. Nackt. Das sind Begriffe aus unserer Welt. Auschwitz nicht, Birkenau nicht, Bergen-Belsen, das sind Namen, die wir als Kinder nicht wagten, in den Mund zu nehmen. Der Tod jagte weniger Angst ein als das Wort Auschwitz! Und diese Menschen sitzen hier, und sie reden über all diese Orte, als seien das Dienststellen, die man durchlaufen haben muss.

leid »Brennmaterial braucht kein Essen, meinte man zu uns«, lächelt Stella bitter, und sie sagt »Brennmaterial« in akzentfreiem Deutsch. »In Auschwitz waren die Bedingungen gut«, meint Esther. Wie viel Leid muss man ertragen haben, um das sagen zu können?

Sie können das. Die Zeitzeugen. Der Horror, der hinter ihren Erzählungen aus dem Alltag eines Juden im Inferno des Zweiten Weltkrieges steckt, breitet sich unsichtbar aus, je mehr ich einzelne Bruchstücke dieses Lebens an mich heranlasse. Wir haben solche Geschichten schon gehört, doch jedes Jahr bringt noch eine weitere, komplexere Ebene des Verständnisses von etwas, was nicht verstanden werden kann. Jedes Jahr werden uns unauslöschliche Tatsachen präsentiert, so weit entfernt von unserer heutigen Welt und doch so furchtbar nah.

Erinnerungen Am Jom Haschoa, dem nationalen Holocaust-Gedenktag, ist es üblich, dass man in Israel den Überlebenden die Chance gibt, nicht nur erneut von ihren Erinnerungen, Erlebnissen und Qualen zu erzählen, es nach außen hin zu tragen, sondern das auch den weiteren Generationen zu erklären und die geschichtliche und persönliche Last weiterzutragen.

Zu diesem Zweck finden verschiedene Gesprächsrunden im ganzen Land statt, an denen sich junge Soldaten, Schüler und einfache Bürger beteiligen, zusammen mit den wenigen Überlebenden. Es sind nicht viele geblieben, die noch in der Lage wären, solche Treffen wie an diesem Montagvormittag im Amcha-Zentrum in Ramat Gan abzuhalten. Sie nehmen einen seelisch doch sehr mit. Meist sind es Überlebende, die nach der Kriegszeit Bücher geschrieben, Erinnerungen verarbeitet haben, die daran glauben, dass ihre Geschichte gehört werden muss, wenn auch schon zum hundertsten Mal erzählt.

Unsere Runde wird nicht erfolgreich moderiert, und die Überlebenden beginnen, sich darüber zu streiten, wessen Erlebnisse tatsächlich die Schoa widerspiegeln. Ich sitze voller Ehrfurcht daneben und empfinde tiefen Schmerz. So wurde ich erzogen, ich, die dritte Generation nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Schoa ist unantastbar. Niemand kann kommen und richten, was tatsächlich schrecklich gewesen ist und was weniger.

Gedanken Und nachdem das Treffen vorbei ist und alle sich herzlich die Hände geschüttelt haben und den Saal, sich leise unterhaltend, verlassen, kommen sie. Die Gedanken. Sie türmen sich auf, stürzen ineinander, explodieren, wollen heraus und finden keinen Weg, flauen ab, und dann steigen sie wieder hoch, und das Ganze beginnt von Neuem. Der Kopf scheint zu schreien, doch das Gehirn bringt nichts zustande, und der Mund lächelt nur leer vor sich hin, und nichts von dem, was sich unendlich groß und kaum fassbar in der Seele zu sammeln scheint, gelangt nach draußen.

Und ich spüre, dass ich mich vor mir selbst und meinen Gedanken retten möchte, weglaufen und einfach nur leben, geradeaus und ohne auf die schwarze Vergangenheit hinter der Häuserecke blicken zu müssen. Und ich weiß, dass es Menschen gibt, auf der Straße, in den Häusern, in diesem und in anderen Ländern, die eine Zeit vor Auschwitz, Treblinka und Bergen-Belsen gekannt haben, und danach können sie nie mehr davon weglaufen und sich nirgendwohin mehr retten. Das Einzige, was sie tun konnten, um zu überleben, war, leben zu wollen. Der einzige Trost, den wir ihnen heute bieten können, ist weiterzuleben. Nicht mehr und nicht weniger.

Die Autorin, 22 Jahre, lebte früher in Köln und ist jetzt seit fast drei Jahren in Israel zu Hause.

Gazastreifen

Morgens Krankenpfleger, nach Feierabend Terrorist

Sie waren Krankenpfleger, Ärzte und Terroristen: Anhand von Nachrufen des Islamischen Dschihad und der Hamas konnte das Doppelleben von 18 Mitarbeitern des Gesundheitswesens enthüllt werden

 28.07.2026

USA-Besuch

Netanjahu reist zu Gesprächen mit Trump nach Washington

Der israelische Regierungschef soll gegenüber seinen Ministern erklärt haben, die US-Regierung wolle einen Abzug Israels Truppen aus dem Libanon, Syrien und Gaza. »Ich werde Nein sagen«, so der Ministerpräsident

 27.07.2026

Aufruf

Zwei Moscheen im Westjordanland angezündet – Siedler sprühen Parolen auf Moschee

In der Westbank ist es zu einer Serie mutmaßlicher Angriffe radikaler Siedler gekommen. Unterdessen forderten zahlreiche frühere Vertreter von Armee und Geheimdiensten Trump auf, gegenüber Netanjahu das Thema anzusprechen

 27.07.2026

Jerusalem

Netanjahu wirft Mamdani Hetze gegen Juden vor

Die Äußerungen des New Yorker Bürgermeisters über Israel schürten Hass, spalteten die Stadt spalten und trügen dazu bei, dass sich viele jüdische Einwohner nicht mehr sicher fühlten

 27.07.2026

Meinung

Bringt Israel die Vereinten Nationen zu Fall?

Die obsessive Fixierung der UN auf den jüdischen Staat steht im Widerspruch zu ihren ursprünglichen Werten. Diese Heuchelei wird der Staatengemeinschaft irgendwann noch zum Verhängnis werden

von Daniel Neumann  26.07.2026

Meinung

Wo ist der Geist von Sarajevo?

Auch in Deutschland rufen Vertreter der bosnischen Diaspora zunehmend nach harten Sanktionen gegen Israel und scheuen den Dialog mit den jüdischen Gemeinden hier. Das war schon einmal anders

von Marc Simon  24.07.2026

Tel Aviv

Deutschlands neuer Botschafter in Israel stellt sich auf Instagram vor

Alexander Graf Lambsdorff übernimmt die deutsche Vertretung in Israel. In einer Videobotschaft betont der frühere Moskau-Botschafter die enge Zusammenarbeit beider Nationen

 24.07.2026

Wissenschaft

Israelische Forscher entdecken einzigartiges Immunsystem bei Seeanemonen

Die beteiligten Wissenschaftler hoffen, dass ihre Ergebnisse langfristig zum Schutz von Korallenriffen beitragen könnten

 24.07.2026

Jerusalem

Likud-Abgeordneter verärgert Netanjahu mit behauptetem Angriff auf Iran

Das Likud-Mitglied Moshe Saada sagte in einem Interview: »Jeder weiß, dass wir kurz vor einem Angriff auf den Iran stehen – vielleicht sogar schon an diesem Wochenende.«

 24.07.2026