Bildung

Der Preis der Betreuung

Kostenfaktor: israelische Vorschulkinder Foto: Flash 90

Das Gesetz, das kostenlose Bildung für Kinder ab drei Jahren garantiert, liegt schon lange vor. Allerdings ist es bisher nicht in Kraft getreten. So müssen israelische Eltern für einen Kindergartenplatz jeden Monat einen Batzen Geld hinlegen. Premierminister Benjamin Netanjahu will das ändern und verspricht Betreuung, ohne einen Schekel dafür bezahlen zu müssen, schon ab dem nächsten Schuljahr. Statt sich zu freuen, melden Interessen- und Elternverbände große Bedenken an. »Nicht zu realisieren«, kritisieren sie übereinstimmend.

Die Gebühren für den Kindergarten sind eine der größten finanziellen Belastungen für israelische Familien. Für Mädchen und Jungs unter drei Jahren gibt es ausschließlich private Betreuung. Und die kostet: Für ein Kind müssen, je nach Ort und Angebot, zwischen 400 und 700 Euro bezahlt werden. Je länger die Öffnungszeiten, desto teurer. Doch auch ab drei Jahren ist der Kindergartenplatz keineswegs kostenlos oder – wie in Deutschland – nach Gehalt gestaffelt.

Proteste Ruthi Ben-Israel aus Tel Aviv hat drei Kinder und arbeitet Vollzeit. »Anders ist das Leben hier überhaupt nicht zu meistern«, meint sie. Für die Unterbringung ihrer neun Monate alten Zwillinge zahlt sie monatlich 1.100 Euro. Ihr dreijähriger Sohn geht bis 16 Uhr in einen privaten Kindergarten. Kosten: 450 Euro.

Neben den hohen Preisen für Wohnungen und Lebensmittel standen bei den sozialen Protesten vom vergangenen Sommer diese Kosten ganz oben auf der Beschwerdeliste. Das anschließend gegründete Trajtenberg-Komitee schlug vor, sie auf ein Minimum zu reduzieren. »Es ist eine Aufgabe von nationaler Bedeutung«, machte Netanjahu vor Kurzem deutlich. Er werde sich auch nicht auf Budgetverhandlungen einlassen. »Das Geld werden alle Ministerien gemeinsam aufbringen.« Es gehe nicht an, so der Premier, dass die Familien Tausende von Schekeln allein aufbringen müssten.

Doch wer glaubt, die Unterbringung seines Nachwuchses koste demnächst gar nichts mehr, der irrt. Denn staatliche Einrichtungen arbeiten lediglich bis 12.30 Uhr, und die Subventionierung gilt nur für sie. Am Nachmittag muss das sogenannte Zaharon gebucht werden. Auch so kommen schnell 300 bis 350 Euro monatlich pro Kind zusammen.

Privat Schon jetzt zeichnet sich ab, dass auch die bestehenden Vormittagsplätze nicht ausreichen werden. Neben den staatlichen gibt es auch hier jede Menge privater Einrichtungen, die nach wie vor Gebühren verlangen wollen. Das Bildungsministerium schlug vor, dass sich diese Kindergärten um staatliche Zertifizierung bemühen.

Doch Schulamit Bismanowsky, Vorsitzende des Verbandes privater Kindergärten, informierte Bildungsminister Gideon Saar in einem Brief darüber, dass viele Eltern ihre Kinder bereits abmelden: »Das ist sehr riskant, denn es ist klar, dass nicht alle Mädchen und Jungs Platz in den öffentlichen Einrichtungen finden werden.«

Außerdem könnten viele die Kosten für die Lizenzierung gar nicht aufbringen, schrieb Bismanowsky weiter. Um die 30.000 Euro müssten für die Schulung des Personals und die Ausstattung der Gebäude eingerechnet werden. »Es werden nicht mehr als zehn Prozent der Einrichtungen sein, die das bezahlen können.« Zudem dauere der Lizenzierungsprozess zwischen zwölf und 20 Monaten. »Es ist schwer zu verstehen, warum die Regierung den israelischen Eltern sofortige Lösungen verspricht.«

Profis Währenddessen kündigte der Premier an, dass er 2.000 neue Kindergärten bauen lassen wolle, in denen 30.000 kleine Israelis Platz finden werden. »Illusorisch«, meinen Fachleute, die sich mit der Ausbildung von Kindergärtnern auskennen. »Schon jetzt gibt es einen Mangel an qualifizierten Leuten. Wo bitteschön sollen auf einmal Tausende Neue herkommen?«

Doch offenbar hat Netanjahu weiter gedacht. Pensionäre und Studenten im letzten Ausbildungsjahr sollen den Mangel decken. Vertreter von Kindergärten kritisierten, dass es unverantwortlich sei, Studenten die Leitung der Einrichtungen zu übergeben. Lilli Pokmonsy von der Pädagogenvereinigung innerhalb der Histadrut-Gewerkschaft betont, dass junge Menschen, die sich noch in der Ausbildung befinden, nicht ausreichend Erfahrung hätten. »Ein ganzes System nach dieser Methode aufzubauen, ist schlichtweg falsch.«

Auch Ben-Israel kann über derartige Vorhaben nur den Kopf schütteln. »Damit Geld gespart wird, bekommen wir Kräfte, die nicht ausgebildet sind?« Sie hält das für blinden Aktionismus der Regierung. »Früher oder später wird Netanjahu alles wieder abblasen. Ich lasse meine Kinder auf jeden Fall in den privaten Einrichtungen. Sonst haben sie am Ende gar keinen Platz.«

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