Terror

Der arabische Nachbar

Auf heißer Spur: Sicherheitskräfte im Dorf Arara Foto: Flash 90

Nach dem Terroranschlag von Tel Aviv am 1. Januar sind noch immer viele Fragen offen. Zwar wurde der Täter Neshat Melhem eine Woche nach dem dreifachen Mord aufgespürt und von der Polizei erschossen, doch noch immer herrscht über seine Motive Unklarheit. Und nicht nur darüber.

Viele Tel Aviver fragen sich, wieso sie eine Woche lang in Sorge verbringen mussten und Angst hatten, ihre Kinder in Schule oder Kindgarten zu schicken. Denn angeblich sind die Sicherheitskräfte bereits einen Tag nach dem Attentat davon ausgegangen, dass sich der Mörder samt Waffe in seinem Heimatdorf Arara aufhält. Und das liegt rund eine Stunde Fahrt in Richtung Norden von der Großstadt entfernt.

Schweigen Die Polizei hatte sich während der gesamten acht Tage in fast völliges Schweigen gehüllt. Aus ermittlungstaktischen Gründen, hieß es. Doch selbst innerhalb der Ordnungsbehörde kam diese Taktik nicht bei allen gut an. Hohe Beamte beschwerten sich, dass der neue Chef der Polizei, Roni Alsheich, das Prozedere seines vorherigen Arbeitgebers, des Inlandsgeheimdienstes Schin Bet, eins zu eins in die Polizeistuben mitgenommen habe. Das bisherige Prozedere, in einem derartigen Fall die Öffentlichkeit zumindest in gewissem Maße zu informieren, wurde gänzlich verworfen.

»Das fühlt sich nicht richtig an«, meint Schai Buskila, der auf der Tel Aviver Dizengoff-Straße in einem Bekleidungsgeschäft arbeitet. »Man kann doch nicht die komplette Stadt eine Woche lang in einer Horrorshow leben lassen, wenn man den Mörder schon längst im Visier hat.« Buskila ist natürlich froh, dass der Täter keine Bedrohung mehr darstellt, wohler allerdings wäre ihm, man wüsste mehr über dessen Beweggründe. »Diese Attacke auf Tel Aviv hat etwas von den Anschlägen in Paris. Ich mache mir wirklich Gedanken, ob jetzt noch andere auf die Idee kommen und wild auf normale Leute ballern, die einfach nur ihr Leben genießen.«

Amok Ganz unbegründet scheint die Sorge nicht. Denn auch die Ermittlungsbehörden tappen über die Hintergründe der Tat noch immer im Dunkeln. Angeblich habe Melhem zu keinerlei Organisation, weder religiös noch nationalistisch, Verbindungen gehabt. Erste Vermutungen gehen in Richtung »einsamer Wolf«. Viele, die ihn kannten, sagten, er sei schnell ausgerastet und oft grundlos wütend gewesen. Der klassische Typ für einen Amoklauf. Schließlich hat Melhem nicht nur Juden getötet – Alon Bakal und Schimon Ruimi auf der Dizengoff-Straße –, sondern anschließend auch den beduinischen Taxifahrer Amin Shaban.

»Es war ein einzelner Irrer«, sagen viele israelische Araber und weisen auf die frühere Haftstrafe von Milhem hin, der fünf Jahre hinter Gittern verbrachte, weil er einem Soldaten die Waffe entreißen wollte. Mustafa Arip aus Jaffa ist überzeugt: »Es war ein Einzeltäter, der nicht ganz richtig im Kopf war. Man darf nicht von ihm auf die gesamte arabische Bevölkerung schließen.« Das betonen viele hier im arabischen Teil der Stadt.

Am Sonntag wurde einer von Milhems Verwandten festgenommen. Er soll ihm geholfen und »eine zentrale Rolle bei der Tat gespielt« haben, heißt es in einer knappen Erklärung. Näheres wurde nicht bekannt. Es wurde eine Nachrichtensperre verhängt. Wie schon zuvor in diesem Fall.

Entwicklung Passt die Amok-Theorie also doch nicht, und ist der palästinensische Terror bis ins Zentrum von Tel Aviv vorgedrungen? Das fragen sich manche Städter, die sich selbst bislang als »in einer Blase lebend« beschrieben und bei Terroranschlägen schnell trotzig in Richtung Jerusalem oder Westjordanland zeigten.

Doch Melhem war kein Palästinenser. Er war ein israelischer Araber aus Wadi Ara mit israelischem Pass und einem Job im Norden von Tel Aviv. Seine Familie war angesehen, Vater Ahmed Freiwilliger in der israelischen Polizei.

Für die arabische Gemeinde in Israel könnte dieser Terroranschlag nicht ungelegener kommen: Nur zwei Tage vor dem Anschlag hatte das Kabinett einstimmig einen historischen Fünfjahresplan für die Entwicklung der arabischen Gemeinden des Landes bewilligt. 15 Milliarden Schekel sollen den Bereichen Bildung, Transport, Beschäftigung und Infrastruktur zugute kommen.

Waffen Die maßgebliche Hilfe für die oft unterpriviligierten Orte in der Peripherie hatten Wirtschaftsminister Mosche Kahlon und seine Kollegin Gila Gamliel aus dem Ressort Soziale Gleichstellung auf den Weg gebracht. Premierminister Benjamin Netanjahu erklärte nach der Annahme des Plans: »Jeder mit Augen im Kopf kann sehen, dass es große Unterschiede zwischen dem arabischen und dem jüdischen Sektor in Israel gibt: Unterschiede in den Ressourcen, bei der Anwendung der Gesetze, bei den Rechten und den Verpflichtungen.«

Diese Unterschiede hätten sich seit Generationen festgesetzt, »und es ist an der Zeit, sie zu reduzieren«. Allerdings müssten dazu bestehende Gesetze stärker umgesetzt werden. Netanjahu bezog sich vor allem auf den illegalen Waffenbesitz in arabischen Ortschaften. »Manchmal hört die Ballerei die ganze Nacht nicht auf«, beschweren sich Anwohner immer wieder bei der Polizei und bitten um Hilfe. Doch viel zu oft waren Beschwerden und Anzeigen unbeachtet geblieben.

Netanjahu will das nach eigenen Angaben ändern. Ein Teil des Geldes soll daher in die Sicherheit investiert werden. Denn: »Nichts, was wir für Bildung, Infrastruktur oder Wirtschaft tun, kann wirklich blühen, wenn wir uns nicht darum kümmern, dass die Gesetze angewendet werden.«

Gesetze Nach dem Anschlag in Tel Aviv besuchte Netanjahu den Tatort. Es dürfe nicht sein, sagte der Regierungschef dort, dass ein Teil der Bevölkerung die Gesetze einhält und ein anderer nicht. »Ich werde keine zwei Staaten innerhalb von Israel akzeptieren.« Die Opposition kritisierte ihn anschließend harsch für seine Worte und warf ihm vor, alle Araber über einen Kamm zu scheren. Kurz darauf hieß es in einem Fernsehbericht in Kanal 2, der Premier wolle das Geld für den arabischen Sektor nach dem Anschlag vom 1. Januar nun an Bedingungen knüpfen. Netanjahu wies das von sich, forderte allerdings gleichzeitig zwei Minister auf, »einen Plan für verstärkte Maßnahmen zur Durchsetzung der Gesetze aufzustellen«.

»Der Terroranschlag war schlimm für uns alle. Natürlich vor allem für die Opfer und ihre Familien«, sagte ein Einwohner von Wadi Ara am Wochenbeginn im Radiosender Mea FM. »Aber er ist auch sehr schlimm für uns arabische Israelis. Denn jetzt werden wir mit noch mehr Argwohn betrachtet und von vielen für Terroristen gehalten. Das ist tragisch für beide Seiten.« Denn schließlich, so der Mann weiter, »müssen wir hier zusammenleben. Es gibt ja keinen Ausweg«.

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