Interview

»Den Schmerz beider Seiten aushalten«

»Wenn wir nicht über Frieden reden, geraten wir in eine endlose Gewalteskalation«: Rula Daood (l.) und Alon-Lee Green Foto: Rolf Walter

Rula Daood (38) und Alon-Lee Green (36) sind die führende Köpfe der größten jüdisch-arabischen Basisbewegung in Israel. Die Mitstreiter von »Standing Together« (Zusammenstehen) sind bei Protesten gut an ihren lila Plakaten auf Hebräisch und Arabisch zu erkennen.

Daood wurde in einem arabischen Dorf im Norden Israels geboren. Sie selbst bezeichnet sich als »palästinensische Bürgerin Israels«. Erst im Studium knüpfte sie Freundschaften mit jüdischen Israelis, erfuhr aber auch Diskriminierung. Sie beschloss, das zu tun, wovor ihre Eltern sie immer gewarnt hatten: Sie wurde politisch aktiv.

Green wuchs als Sohn einer alleinerziehenden jüdischen Mutter in Tel Aviv auf. Er arbeitete neben der Schule im Café und gründete mit gerade einmal 17 Jahren die erste israelische Gewerkschaft, in der jüdische und arabische Kellner gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen kämpften.

»Standing Together« basiert auf eben dieser Idee, dass in Israels oft harter sozioökonomischer Realität jüdische und palästinensische Bürger mehr gemeinsame Interessen verbinden, als Unterschiede sie trennen. Im Herbst 2023 hatte die Gruppe eine Kampagne gegen steigende Mietpreise geplant, dann kamen das Massaker vom 7. Oktober und der daraus resultierende Krieg. Seitdem steht die Bewegung vor ganz anderen Herausforderungen.

Frau Daood, Herr Green, Israel befindet sich mitten in einem Verteidigungskrieg. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?
Green: Wir versuchen vor allem, der enormen Polarisierung innerhalb der israelischen Gesellschaft entgegenzusteuern. Derzeit kannst du als jüdischer Bürger morgens in Tel Aviv aufwachen, auf Instagram gehen und siehst Geiseln, die immer noch in Gaza gefangen gehalten werden, oder verzweifelte Eltern, deren Söhne dort gefallen sind. Das ist deine Realität, und sie ist wahr. Und dann kannst du als arabischer Bürger, nur eine Autostunde entfernt in Nazareth, auf Instagram klicken und du siehst eine Mutter, die sich die Seele aus dem Leib schreit, weil gerade ihre halbe Familie in Gaza von einer Bombe zerfetzt wurde. Und auch das ist deine Realität, und sie ist ebenfalls wahr. Auf beiden Seiten machen Menschen unserer Generation gerade das größte Trauma ihres Lebens durch.

Wie gehen Sie damit um?
Green: Wir versuchen, Räume innerhalb Israels zu schaffen, in denen wir den anderen sehen, den Schmerz beider Seiten aushalten können. Wir veranstalten Kundgebungen. Manchmal steht Rula auf der Bühne, erzählt ihre Geschichte und weint. Und alle weinen mit. Alle paar Tage ziehen wir in eine andere Stadt. Hunderte jüdische und palästinensische Bürger kommen zu diesen Treffen.

Mir scheint, manche stecken im Diskurs noch im Jahr 1948 fest.

Rula Daood, friedensaktivistin

Die Polarisierung, die Sie beschreiben, gibt es auch in Deutschland.
Daood: Wir haben uns Mitte Dezember in Berlin mit Politikern und Organisationen getroffen. Da musste ich teilweise erst einmal erklären, dass ich als Palästinenserin selbstverständlich das Existenzrecht Israels anerkenne. Natürlich bin ich solidarisch mit Palästina, aber ich bin auch solidarisch mit Israel! Alon-Lee und ich sind dort aufgewachsen, es ist unser Zuhause und seit Jahrzehnten eine politische Realität. Mir scheint, manche stecken im Diskurs noch im Jahr 1948 fest. Dabei kann es nur Frieden geben, wenn wir anerkennen, dass Millionen Israelis und Palästinenser auf diesem Flecken Erde leben und keines der zwei Völker einfach gehen wird. Die Frage ist doch nicht, ob wir miteinander leben können, sondern wie. Diese Fantasien von Vertreibung oder Vernichtung der anderen Seite, vom absoluten »Sieg« über die anderen, die wir auch auf Demonstrationen im Ausland hören können, helfen uns kein bisschen weiter. Protestiert doch bitte für die Freiheit und Sicherheit für Palästinenser und für Israelis. Wenn wir es hier schaffen, das unter Raketenalarm zu sagen, dann müsst ihr es in Europa doch auch können!

Sie setzen sich für eine Waffenruhe in Gaza ein. Hat Israel nicht das Recht, sich gegen Hamas-Angriffe zu verteidigen?
Green: Die Hamas hat am 7. Oktober Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen. Sie hat unschuldige Menschen abgeschlachtet, darunter auch einige unserer Freunde, Mitstreiter unserer Organisation. Die Hamas ist nicht nur der Feind des israelischen Volkes, sondern auch eine Katastrophe für die Palästinenser. Wieso also wollen wir eine Waffenruhe? Dieser Krieg, so brutal und zermürbend Netanjahu ihn auch führt, wird ein weiteres solches Verbrechen nicht verhindern. Im Gegenteil: Ich behaupte, dass jede Bombe, die auf Gaza fällt, die Hamas langfristig sogar stärkt.

Dieser Krieg, so brutal und zermürbend Netanjahu ihn auch führt, wird ein weiteres solches Verbrechen nicht verhindern.

Alon-Lee Green, Friedensaktivist

Wie meinen Sie das?
Green: Die israelische Regierung hat in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten vieles getan, um die Hamas zu stärken. Netanjahu hat sogar argumentiert, dass die Hamas der entscheidende Akteur sei, um einen palästinensischen Staat zu verhindern. Anstatt die Terroristen in Schach zu halten, hat seine Regierung sich darauf konzentriert, die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) zu schwächen – weil eine ernsthafte Zusammenarbeit mit ihr langfristig zu staatlichen Strukturen für Palästinenser führen würde. Und das, so sagt Netanjahu auch öffentlich, gilt es zu verhindern.

Das klingt, als wäre Israel für den Aufstieg der Hamas verantwortlich.
Green: Nicht allein, aber unsere Regierung agiert immer noch innerhalb dieses Paradigmas. Netanjahu sagt, dass die PA in ihrem aktuellen Zustand nicht die Kontrolle über den Gazastreifen übernehmen sollte. Gleichzeitig stärkt seine Kriegspolitik den Extremismus der Hamas, der sich auch von den Bildern toter Palästinenser nährt. Die Hamas existiert außerdem nicht nur in Gaza, sie agiert auch im Westjordanland und im Südlibanon, wo sie sich weiter radikalisiert. Sie hat global Anhänger. Um ihre Ideologie zu zerstören, ist eine Militäroperation der falsche Weg.

Sie finden also, man sollte stattdessen mit der PA verhandeln? Mahmud Abbas ist ein Antisemit und unter Palästinensern unbeliebt.
Green:
Trotzdem ist die PA in der komplexen Realität des Konflikts die moderate Alternative. Wir müssen die PA wiederbeleben, damit sich Palästinenser mit der Aussicht auf Unabhängigkeit und Gleichheit für die bessere Idee entscheiden können, anstatt für die Hamas, die ihr Todesurteil ist. Was wir für den Moment brauchen, ist eine internationale Zusammenarbeit unter dem Schutzschirm der USA, der EU und einiger arabischer Staaten für eine Waffen­ruhe, zudem Verhandlungen mit der PA über einen Plan für Gaza. Wenn wir jetzt nicht anfangen, über einen möglichen Frieden zu reden, sehe ich uns in einen endlosen, immer gewaltvolleren Strudel der Eskalation abgleiten.

Wird eine Waffenruhe der Hamas nicht nur Zeit zur Vorbereitung weiterer Verbrechen geben? Was ist mit der Sicherheit Israels?
Daood:
Die Sicherheit, von der Netanjahu gern spricht, sieht seit Jahren so aus, dass wir junge Israelis mit Gewehren an die Grenzen schicken, immer höhere Zäune bauen und Kameras aufstellen. Diese Sicherheit, das ist seit dem 7. Oktober allen klar, war eine Illusion. Wir werden nie sicher leben können, wenn wir versuchen, Millionen von Menschen militärisch zu kontrollieren. Ich glaube, es gibt keine Sicherheit für das jüdische Volk ohne die Unabhängigkeit der Palästinenser. Genauso, wie es keine Unabhängigkeit für die Palästinenser gibt ohne die Sicherheit des jüdischen Volkes in Israel. Wenn wir das einmal verstanden haben, können wir anfangen, an einem echten Frieden zu arbeiten.

Mit den beiden Aktivisten von »Standing Together« sprach Mascha Malburg.

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