Sukkot

Dattel-Manie

Wären da nicht diese Netze, könnte man unter den Palmen ein schattiges Plätzchen suchen und sich die Früchte direkt in den Mund fallen lassen. Doch die kostbare Ernte muss gut geschützt werden. In der staubtrockenen Arava-Wüste im Süden Israels wachsen Tausende der Medjool-Palmen, deren Früchte weltweit immer beliebter werden. Eine von vier verzehrten Datteln der Sorte stammt aus dieser Region. Rechtzeitig zum Sukkotfest sind sie reif und zuckersüß.

Sie gilt vor allem in der Veganer- und Sportlerszene als Superfrucht.

Blätterdach Hier, wo die Sommer heiß und die Winter milde sind, gedeihen die als »Königsdatteln« bezeichneten Früchte bestens. In Reih’ und Glied stehen die Palmen mit dem grünen Blätterdach in der sandigen Umgebung rund um den Moschaw Ein Yahav. Weit mehr als zehn Meter hoch stehen die mächtigen Pflanzen. Früchte bringt ein Baum nach drei Jahren, nach zwölf ist er ausgewachsen. Dann liefert jeder einzelne 100 bis 120 Kilogramm Datteln pro Jahr.

Doch das Kultivieren hat seinen Preis. Tal Seker, die im Moschaw aufgewachsen ist und hier mit ihrer Familie lebt, führt Besucher durch die Plantage. Sie erklärt, wie die Datteln gepflegt werden müssen. »Die Erntezeit dauert von Mitte August bis Mitte oder Ende Oktober, und während dieser Zeit braucht jeder Baum 1000 Liter Wasser täglich.« Die Besucher schauen ungläubig. »Ja, es ist tatsächlich eine eins mit drei Nullen an jedem Tag.«

NETZE Die meisten der Bäume sind weiblich und werden mit dem Blütenstaub der männlichen manuell bestäubt. Wachsen die Datteln, müssen sie mit Netzen vor Insekten und Vögeln geschützt werden, denn auch die laben sich nur allzu gern an der Süße. Gleichzeitig reifen die Früchte in den Beuteln und werden vorm Herabfallen geschützt. Alle zwei Wochen kommen Erntehelfer, öffnen die Netze und sammeln die reifen, rostroten Datteln ein.

Die Medjool-Dattel gedeiht nur in wenigen Regionen.

Ein kleiner Teil der Bäume wächst biologisch heran, doch der Großteil wird mit konventionellen Mitteln behandelt. »Allerdings sind die Richtlinien der EU sehr streng, wir müssen Mittel benutzen, die dem entsprechen und schnell zerfallen«, so Seker. Auch werden natürliche Methoden eingesetzt, etwa Insekten, die Schädlinge fressen.

Oase Die Expertin weiß, warum ihr Moschaw sich vor einer Weile in eine regelrechte Oase verwandelte: »Der Anbau der Palmen begann vor etwa zehn Jahren, als die Paprikaexporte aus Israel nach Europa massiv einbrachen.« Zum einen, weil der Euro gegenüber dem Schekel immer mehr sank, zum anderen, weil europäische Bauern mehr Paprika auf den Markt brachten. »Manche unserer Landwirte haben in einem Jahr mehr als eine halbe Million Schekel verloren.« Die Medjool-Dattel schien eine gute Alternative, da sie nicht besonders pflegeintensiv und wie geschaffen für die natürlichen Gegebenheiten dieser Wüstenregion ist. Unterstützt von der Regierung, begannen viele Landwirte mit dem Anbau. »Und jetzt ist es eine riesige Erfolgsgeschichte.«

Size matters: Statt vier Zentimetern misst die Frucht mindestens sechs.

Die Vorzüge der Medjool im Vergleich zu anderen Sorten, beispielsweise der Sukkari oder Nour, ist zunächst die Größe. Statt vier Zentimetern misst sie mindestens sechs. Außerdem ist das Fruchtfleisch saftig und üppig. Sie gilt vor allem in der Veganer- und Sportlerszene als Superfrucht. Seker kann es verstehen: »Die Medjool ist weltweit unglaublich nachgefragt, weil sie einfach fantastisch süß und saftig ist.« Von den 40 Tonnen Medjool, die jährlich in der Welt konsumiert werden, stammen drei Viertel aus Israel. Mittlerweile sind von allen hierzulande angebauten Datteln 80 Prozent Medjool. Auf dem Markt sind sie teurer als die anderen Sorten und bringen den Anbauern einen größeren Ertrag.

OASE Die Medjool-Manie hat viele gepackt. Auch Guy Ofran. Vor einigen Jahren hätte er sich nicht im Traum einfallen lassen, in die Wüste zu ziehen und Datteln anzubauen. Doch genau das tat er, gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Tamar Lazare. Zwar stammt Ofran aus der Arava und Lazare aus einem Kibbuz an der Grenze zu Gaza, doch die beiden, er Drehbuchautor und sie Schriftstellerin, lebten zwölf Jahre lang in Tel Aviv. Bis das erste Kind kam. Und auf einmal schien die Oase in der Wüste gar nicht mehr so weit weg. »Es ist das Beste, was wir je getan haben«, sagt Ofran auf der Terrasse vor seinem Häuschen im Moschaw Tsofar und blickt auf seinen Palmgarten. »So etwas hätten wir unseren Kindern im Zentrum nie bieten können.«

Neben den Datteln vor seinem Haus gehört ihm eine Plantage von fünf Hektar (50.000 Quadratmetern) in der Nähe der Siedlung. Die ersten Jahre nach dem Anbau mussten sie überbrücken, denn erst nach etwa sieben Jahren sind hohe Erträge zu erwarten. »Dieses Jahr konnten wir die Kosten decken und hoffen, im nächsten Jahr Profit zu machen.« Er ist zuversichtlich, dass das klappt: »Im Gegensatz zu Paprika sind die Preise für Datteln seit Jahren extrem stabil.«

Arava Das liegt vor allem an den begrenzten Anbaugebieten. Medjool kann lediglich in der Gegend der syrisch-afrikanischen Platte, wie hier in der Arava und in Jordanien, in Südafrika, Namibia, einigen Teilen von Kalifornien und Mexiko kultiviert werden. »Und wenn sich bald der asiatische Markt interessiert«, sagt er schmunzelnd, »werden wir vielleicht sogar reich.«

Ofran beschäftigt einen Unternehmer, der ihm Arbeiter zur Verfügung stellt, die ernten und die Datteln in die Verpackungsstelle des Moschaws bringen. Dort werden sie auf Größe gescannt. Anschließend gehen sie an eine Exportfirma. Der Großteil wird ins Ausland geliefert, nur die kleinen Früchte mit wenig Fruchtfleisch und schrumpeliger Haut bleiben auf dem heimischen Markt, »oder sie geben sie uns zurück«. Im letzten Jahr waren es 80 Kilo. Und was machen sie damit? Das Paar lacht: »Alle Freunde werden mit Medjool versorgt, und die restlichen kommen in die Gefriertruhe. Davon essen wir das ganze Jahr – bis zum nächsten Sukkot.«

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