Weltmarkt

Das Start‐Up‐Land

Wo Hightech gefragt ist, punktet Israel auf dem Weltmarkt besonders gut: Im Jahr 2009 exportierte der jüdische Staat Waren im Wert von 12,3 Milliarden US-Dollar nach Europa. Foto: Frank Albinus

Die israelische Ökonomie glänzt mit positiven Meldungen. Das überrascht zu Zeiten, in denen in Frankfurt und London die Aktienkurse kräftig nachlassen und die EU in Brüssel die Wachstumsprognosen nach unten revidiert. Auch wenn neue Zahlen aus Jerusalem jetzt zeigen, dass im ersten Quartal dieses Jahres eine spürbare Wachstumsverlangsamung eingesetzt hat, sind Israels Konjunkturdaten im Vergleich zu den meisten Industrieländern immer noch beeindruckend. In den Monaten Januar, Februar und März 2010 betrug die Wachstumsrate des Sozialprodukts (BIP) 3,3 Prozent, nachdem sie noch im vierten Quartal 2009 bei fast fünf Prozent gelegen hatte.

importeur europa Ob das Wachstum in den nächsten Monaten beibehalten werden kann, hängt wesentlich von der künftigen Entwicklung in Europa und in den USA ab. Wenn dort nämlich die Nachfrage sinkt, wird sich das unmittelbar auf die israelischen Exporte auswirken. Die EU ist mittlerweile der größte Absatzmarkt für israelische Produzenten: 31 Prozent der Ausfuhren gehen hierhin. Damit ist Europa wichtiger als die USA geworden, wo lediglich 27 Prozent der israelischen Ausfuhren abgesetzt werden. Zwar wird in den aktuellen Problemländern Griechenland, Portugal und Spanien mit knapp vier Prozent nur ein bescheidener Teil der israelischen Europaverkäufe getätigt. Aber die Euro‐Krise werden die Israelis trotzdem zu spüren bekommen. Wegen der erwarteten Sparmaßnahmen zur Reduktion der Haushaltdefizite dürfte die Nachfrage in den EU‐Ländern zurückgehen. Negativ wird vor allem auch die massive Aufwertung des Schekel gegenüber dem Euro zu Buche schlagen, was die Wettbewerbsfähigkeit der Israelis vor eine harte Bewährungsprobe stellt. Der Schekel hat im vergangenen Jahr um mehr als zehn Prozent an Wert zugelegt. Derzeit liegt der Kurs des Euro so tief wie seit sieben Jahren nicht mehr.

china Israelische Exportmanager sind deshalb auf der Suche nach neuen Absatzmärkten, um die Auswirkungen der Eurokrise abzufedern. In der vergangenen Woche wurde ein Abkommen mit China unterzeichnet, das israelischen Exporteuren erleichterten Zugang zum schnell wachsenden Markt verschaffen soll. Teil des Paketes ist eine Beteiligung Jerusalems an den Exportrisiken in Höhe von 400 Millionen Dollar. Neben China wollen die israelischen Wirtschaftspolitiker auch Verkäufe nach Indien und Brasilien unterstützen, um den Fächer der Absatzmärkte auszuweiten und sogenannte Klumpenrisiken abzubauen.

Top Ten Denn in Israel bleibt man ehrgeizig. Soeben ist der jüdische Staat in die OECD aufgenommen worden. Einen nächsten Meilenstein auf dem Weg zu den erfolgreichsten Volkswirtschaften will Israel im Sommer erreichen. Dann soll das Pro‐Kopf‐Einkommen rund 30.000 Dollar betragen. Doch das reicht dem Premierminis‐ ter nicht. Benjamin Netanjahu will, dass Israel in den Klub der zehn bis zwölf reichsten Länder der Welt aufrückt. Das setzt voraus, dass das Pro‐Kopf‐Einkommen auf 40.000 Dollar steigt. Um dieses ambitionierte Ziel zu erreichen, müsste die israelische Wirtschaft in den nächsten zehn Jahren um jährlich 6,5 Prozent wachsen. Dann hätte sie ihr gutes Ergebnis der Jahre 2003 bis 2008, als das BIP Jahr für Jahr um 5,5 Prozent zulegte, übertroffen. Angesichts der globalen Wachstumsschwäche mag das wenig realistisch erscheinen. Aber anders als die USA oder die EU hat Israel kein alarmierendes Schuldenproblem: Es sind nur etwa 70 Prozent des BIP. Davon können Länder wie Deutschland oder Japan nur träumen. Auch das israelische Bankensystem ist stabiler als in den meisten Industrieländern. Anders als in den USA, Deutschland oder in der Schweiz musste der Staat den Finanzinstituten keine Geldspritzen verabreichen, um sie vor dem Untergang zu bewahren. Das positive Bild wird abgerundet durch die Erfolge der Hightech‐Industrie, die für steigende Einkommen sorgt.

Gefahren Doch um Musterschüler zu bleiben und die hoch gesteckten Wachstumsziele zu erreichen, sind enorme Anstrengungen nötig. Priorität werde vor allem die Bildungspolitik haben, meinte kürzlich Notenbankchef Stanley Fischer. Derzeit fällt Israel in der Pisa‐Studie nämlich zurück. Bei den orthodoxen und arabischen Schülern ist die Vermittlung des Grundwissens in Mathematik und Lesekompetenz nicht gewährleistet. Die Konsequenzen kann man am Arbeitsmarkt erkennen. Die Arbeitslosenquote liegt zwar bei relativ bescheidenen sieben bis acht Prozent. Aber bei dieser Zahl sind die arbeitsfähigen Ultraorthodoxen nicht berücksichtigt: 65 Prozent von ihnen lehnen eine eigene Arbeit ab und ziehen es vor, von der öffentlichen Fürsorge zu leben. Hoch ist die Abwesenheit vom Arbeitsmarkt auch bei den Arabern mit israelischem Pass.

Bildung Beunruhigend sei vor allem, dass der Teil der Israelis, der von der Sozialhilfe lebt, am schnellsten wachse, meint Dan Ben‐David vom Taub Center for Social Policy Studies. Laut einer Studie werden in 30 Jahren fast acht von zehn israelischen Kindern an einer ultraorthodoxen oder einer arabischen Schule lernen. Und deren Absolventen sind weitaus schlechter auf das Arbeitsleben vorbereitet als Schüler der säkularen und der nationalreligiösen Lehranstalten. Deshalb, so die Verfasser der Studie, müsse Israel die ultraorthodoxen Schulen durch die Verstärkung weltlichen Unterrichts und die arabischen durch angemessene Budgetierung auf den Stand des 21. Jahrhunderts bringen. Andernfalls drohe Israel in absehbarer Zeit ein Wirtschafts‐ und Sozialkollaps. Und das wäre das Ende der Wirtschaftsmacht.

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