Gaza

Das sind die freigelassenen Geiseln

Ohad Ben Ami und Eli Sharabi aus dem Kibbutz Be’eri sowie Or Levy aus Givataim sind nach genau 16 Monaten frei und wieder in Israel. Am Samstag wurden sie im Rahmen der ersten Phase des Waffenstillstand-Abkommens als fünfte Gruppe aus Gaza freigelassen worden.

In Phase eins des Deals sind noch drei weitere Abschnitte vorgesehen, wobei von den 33 dabei freizulassenden Geiseln derzeit noch 17 von der Terrororganisation festgehalten werden. Insgesamt sind derzeit noch 76 Geiseln in der Gewalt der Hamas im Gazastreifen.

Der kleine Sohn von Or Levy ruft nach seinem Papa

»Was soll man tun, wenn einem derart Böses geschieht?«, fragt Michael Levy ratlos. Wenn er könnte, er hätte die gesamte Welt auf den Kopf gestellt, um seinen Bruder wiederzubekommen. Der 34-jährige Or Levy war mehr als ein Jahr lang in den Händen der Hamas.

Am 6. Oktober brachten Or und seine Frau Eynav ihren zweijährigen Sohn Almog zu Ors Mutter zum Babysitten in Tel Aviv. In den frühen Morgenstunden machten sie sich auf in Richtung Wüste zum Nova-Musikfestival, um ein paar Stunden zu tanzen und Spaß zu haben. Doch nur wenige Minuten, nachdem sie eintrafen, stürmten die Hamas-Mörder auf das Feld der Party, um das blutigste Massaker in der Geschichte Israels zu verüben.

»Er soll wissen, dass wir stark sind, dass wir uns um Almog kümmern und alles tun, um ihn zurückzubringen.«

Tage später fand man den Körper der 32-jährigen Eynav in einem Luftschutzbunker, in dem sich das Ehepaar mit 15 weiteren Menschen versteckt hatte. Die Terroristen hatten Eynav ermordet. Or galt zunächst als vermisst, aber nach acht Tagen unerträglichen Wartens wurde der Familie die Nachricht überbracht, dass er in der Gewalt der Hamas sei. Die schwankte anschließend monatelang zwischen Schmerz und Hoffnung.

Nachdem die Levys von zurückgekehrten Geiseln erfuhren, dass sie teilweise Radio hören durften, hinterließen die Angehörigen in allen möglichen Sendungen Botschaften für seinen Bruder. »Er soll wissen, dass wir stark sind, dass wir uns um Almog kümmern und alles tun, um ihn zurückzubringen«, sagten sie.

Or sei eine Art Genie, erzählt der ältere Bruder. Er habe sich selbst das Programmieren beigebracht und eine erfolgreiche Start-up-Firma aufgebaut. Und er habe immer gelacht – »nicht nur auf Fotos«. Or und Eynav seien Seelenverwandte gewesen, der kleine Almog die Krönung ihrer Liebe.

Der kleine Almog, um den sich die Eltern von Or und Eynav kümmern, frage ständig nach Aba und Ima. Es sei kaum zu ertragen, so Michael. »Wie kann man einem zweijährigen Jungen sagen, dass er seine Mutter nie mehr wiedersehen wird?«

Die ganze Familie kämpfte pausenlos um Ohad Ben Ami

Er wurde in Unterwäsche aus dem Haus gezerrt, sie in einem Schlafanzug: Hamas-Terroristen verschleppten das Ehepaar Ohad und Raz Ben Ami am 7. Oktober 2023 gewaltsam aus ihrem Heimatkibbuz Be’eri. Raz war kurz zuvor am Rücken operiert worden und brauchte dringend Medikamente, die sie in Gaza nicht bekam.

Während sie durch das Abkommen zwischen Israel und der Hamas Ende November 2023 aus der Geiselhaft entlassen wurde, blieb ihr Mann Ohad, 57, zurück im Gazastreifen.

Die Angehörigen der Ben Amis haben die Bilder der Entführung in den sozialen Netzwerken gesehen. »Es war unerträglich, diese Aufnahmen anzuschauen«, erinnert sich Razʼ Schwester Ayelet. »Diese sanften, wundervollen Menschen, die aus ihrem Haus gerissen wurden ...«

Das Ehepaar hat drei Töchter: Yuli, Ella und Natalie. Gemeinsam kämpften sie mit ihrer Mutter pausenlos für die Freilassung von Vater Ohad. Tochter Yuli lebte in einem dauerhaften Zustand der Panik, wie sie es selbst beschrieb.

»Meine Schwestern Ella, Natalie und ich hoffen jeden Tag, dass eine gute Nachricht kommt. Aber uns geht es nicht gut. Jeder Tag fühlt sich an wie eine Schlacht, die wir kämpfen müssen«, sagten sie noch vor einigen Wochen.

Eines Tages im vergangenen Winter stellte sich Ella Ben Ami in Boxershorts und T-Shirt auf den Platz der Geiseln in Tel Aviv. In der Hand hielt sie ein Schild: »Fragt nicht, ob mir kalt ist. Meinem Vater ist auch kalt – viel kälter als mir.« An ihren Vater gerichtet, sagte sie: »Alle, wirklich alle, warten auf dich. Bleib stark und komm zu uns zurück.«

Auch der Bruder der Geisel, Kobi Ben Ami, konnte nicht fassen, dass Ohad immer noch nicht zurück ist. Der Tag der Brit seines Enkelsohns sei der schwerste in seinem Leben gewesen, sagte er. »Ich habe nur einen Bruder, meinen älteren Bruder Ohad. Ich saß bei der Beschneidung und habe ein Bild von ihm neben mich gestellt. Er sollte an meiner Seite sein, mich unterstützen und bei mir sein. Doch er war nicht hier.«

Eli Sharabis Frau und seine beiden Töchter wurden ermordet

Niemand geht hier mehr spazieren, keine Kinder spielen in den Gärten. Der Kibbuz Beʼeri ist eine der am härtesten vom Massaker der Hamas getroffenen Gemeinden. Die schlimmste Katastrophe in der Geschichte Israels hat hier überall ihre Spuren hinterlassen. Vor dem Haus der Sharabis zittern Plakate mit schwarzem Hintergrund im Wind: »In diesem Haus lebten Lianne, Noiya und Yahel …«

Die Mutter wurde mit ihren zwei Töchtern, 16 und 13 Jahre alt, von Terroristen ermordet, Vater und Ehemann Eli (52) zusammen mit seinem Bruder Yossi entführt. Yossi wurde mittlerweile von der israelischen Armee für tot erklärt, er war wahrscheinlich bei einem Angriff der israelischen Armee gegen Terroristen ums Leben gekommen.

Die Terroristen erschossen den Familienhund, nahmen die Familie in ihrem Sicherheitsraum als Geiseln gefangen und zündeten das Haus an.

Am Morgen des 7. Oktober drangen Mitglieder der Hamas in das Familienhaus ein. »Sie schrien auf Arabisch und lachten laut«, berichteten Angehörige. Die Terroristen erschossen den Familienhund, nahmen die Familie dann in ihrem Sicherheitsraum als Geiseln gefangen und zündeten das Haus an.

Eli Sharabis gesamte Familie galt zunächst als vermisst, bis die Leichen von Lianne, Noiya und Yahel mehr als eine Woche später in den Überresten ihres Hauses identifiziert wurden. Später tauchten Videos auf, die zeigen, wie Eli gemeinsam mit anderen Einwohnern von Be’eri auf einem Pick-up-Truck nach Gaza verschleppt wurde.

Sharon Sharabi, der Bruder von Yossi und Eli, erinnerte bei den Kundgebungen auf dem Platz der Geiseln in Tel Aviv ständig an seine Brüder. »Meine Aufgabe ist es, sie nach Hause zu bringen«, rief er immer wieder.

Er wendet sich dabei auch an die führenden Politiker der Welt: »Ihre Heuchelei wird nicht vergessen, und die Geschichte wird über Sie alle richten. Wir werden nicht schweigen. Das Vertrauen wird nur wiederhergestellt, wenn die Geiseln nach Hause zurückkehren.«

Die gesamte Gemeinde von Be’eri hoffte, dass Eli noch lebt und aus Gaza zurückkehrt. Doch in welches Zuhause?

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