Eurovision

Das pralle Leben

Atemlos feiert Tel Aviv dieser Tage die Eurovision und sich selbst. Bei strahlendem Sonnenschein genossen die ESC-Gäste am Wochenende alles, was die Stadt zu bieten hat. Am späten Samstagabend hat nun endlich das Finale des Eurovision Song Contest begonnen – und damit das letzte Kapitel der eine Woche andauernden Party in der israelischen Metropole am Mittelmeer.

Gal Haroush aus Naharija, das ganz im Norden des Landes liegt, ist für das Eurovisions-Wochenende nach Tel Aviv gekommen, um mitzufeiern. »Die Atmosphäre ist großartig, alle sind einfach nur happy. Es macht mich glücklich, dass wir Israelis der Welt damit zeigen können, dass es hier nicht nur unlösbare Probleme gibt, sondern auch das pralle Leben.«

Viele ESC-Fans nutzen am Wochenende die Gelegenheit, um Israel besser kennenzulernen.

PARTYMEILE Am Donnerstag ging im Süden der Stadt zeitweise nichts mehr. Neben dem zweiten Halbfinale der Eurovision fand die »Laila Lawan« statt, das größte Tel Aviver Kultur-Event des Jahres. Mehrere Straßen mussten gesperrt werden, und das Eurovisions-Dorf war zeitweise so überfüllt, dass die Polizei die Menschen per Textnachrichten und Radiobekanntmachungen dazu aufrief, das Dorf nicht mehr hinzugehen. Doch viele strömten trotzdem weiter auf die Partymeile.

Verschiedene Teilnehmer der Eurovision nutzten das Wochenende, um das Land kennenzulernen. Mahmood aus Italien zum Beispiel machte ein Selfie vor der Skyline von Tel Aviv und reiste nach Jerusalem. »Oh, ich liebe die Stadt«, sagte er anschließend im Interview. Auch das Baden im Toten Meer probierte er aus und findet: »Es ist so wunderschön dort – und man kann wirklich nicht untergehen.« Mahmood gilt mit seinem Titel »Soldi« als einer der Favoriten des Wettbewerbs.

Für Tobias Giese aus Frankfurt, der mit einer ganzen Clique von Freunden hier ist, geht es in Tel Aviv hauptsächlich um Sonne und Strand. »Die Eurovision nehmen wir am Rande mit, doch sie macht viel Spaß.« Obwohl die Freunde zum Finale definitiv mit Deutschlandfahnen wedeln werden, ist »Sister« nicht ihr Lieblingstitel. »Wir stehen alle auf die Schweiz, das ist ein toller Song.«

MESSAGE Für Ari Banoun muss ganz klar »Roi« von Bilal Hassani den Titel holen. »Er ist ein Held, der ein grandioses Lied singt und dabei eine fantastische Message rüberbringt.« Der in Frankreich geborene Israeli düste am Wochenende mit seinem Elektroscooter die Strandpromenade rauf und runter – samt nacktem Oberkörper und Frankreich-Fähnchen am Lenker.

Als Muslim erhält Bilal Hassani regelmäßig Morddrohungen, weil er offen schwul lebt.

Sein Held, der Sänger Hassani, der mit seiner Perückenvielfalt beeindruckt, erzählte auf der Pressekonferenz davon, wie schwer es sei, mit täglichen Anfeindungen leben zu müssen. Als Muslim erhält er regelmäßig Morddrohungen, weil er sich offen dazu bekennt, schwul zu sein. »Es belastet meine mentale Gesundheit. Wir erhalten in Frankreich und hier gute Sicherheit, aber am meisten schützt mich, wenn ich auf der Bühne bin und sehe, wie die Menschen auf unsere Show reagieren und wie sehr die Botschaft andere berührt. Dann will ich mich nicht unter einer Decke verstecken, sondern wieder und wieder auftreten.«

In Tel Aviv fühle er sich »völlig willkommen«. Der Sohn von marokkanischen Immigranten wurde vorher aufgefordert, den ESC in Israel zu boykottieren. Doch nicht mit ihm: »Es gibt Leute, die einen politischen Event daraus machen wollen. Aber für mich hat es damit nichts zu tun. Die Bühne ist ein heiliger Ort.« Außerdem sei er ein riesengroßer Fan von Netta Barzilai.

Auch in Hassanis Song geht es um Anderssein und Akzeptanz. Barzilai hat übrigens ihre eigenen Favoriten 2019. Und obwohl sie Kobi Marimi »liebt«, denkt sie nicht, dass er gewinnen wird. Die quirlige Künstlerin setzt auf Spanien oder Italien.

Das Event in Tel Aviv sei bestens organisiert, sagen die beiden eingefleischten ESC-Fans aus London – und wollen wiederkommen.

ORGANISATION Für Tommy Maher und Javi Tuiana, die aus London extra zum ESC angereist sind, könnte es kaum eine bessere Stadt als Veranstaltungsort geben. Das Messezentrum, in dem die Wettbewerbe ausgetragen werden, sei großartig und alles perfekt organisiert. Beide sind eingefleischte Fans und reisen immer dorthin, wo der Song Contest gerade stattfindet.

Tommy und Javi reisen am Montag ab und würden gern wiederkommen. Allerdings, meinen sie, dass das zumindest zur Eurovision nicht ganz so bald sein werde. Denn sie sind sicher, dass entweder Schweden, die Schweiz, Australien oder Norwegen gewinnen werden. »Und da fahren wir dann erstmal hin.«

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