Flüchtlinge

Das Leid hinter der Grenze

Demo in Tel Aviv am 16. Dezember Foto: Flash 09

Längst ist das Ziel überschritten. Ursprünglich wollte die Grassroots‐Kampagne »Just beyond our border« (Gleich hinter unserer Grenze) innerhalb eines Monats 600.000 Schekel für die Hilfe für syrische Flüchtlinge sammeln, etwa 150.000 Euro. Doch innerhalb von vier Tagen kam fast eine Million Schekel zusammen – und die Hilfsbereitschaft der Israelis ist offenbar noch lange nicht vorüber.

Mit den Beträgen, die auf der Website Mimoona.co.il gespendet werden, sollen Winterjacken, warme Decken, Medizin und Nahrungsmittel gekauft werden, die direkt an die von dem fast sechs Jahre dauernden Bürgerkrieg geschundenen Menschen in Syrien verteilt werden. »Hunderttausende Männer, Frauen und Kinder sind in dem Krieg getötet worden, Millionen wurden vertrieben. Es geschieht direkt hinter unserer Grenze«, heißt es auf der Seite der Initiative. »Hunderttausende Kinder sind zu Waisen oder Flüchtlingen geworden und aus der Welt, die sie kannten, herausgerissen worden. Ihr einziges Ziel besteht jetzt darin, den Winter zu überleben.«

gebete »Just beyond our border« ist ein Projekt von Israelis aus dem ganzen Land, Juden, Muslimen und Christen, säkular und religiös. Während des vergangenen Jom Kippur hatte dieselbe Gruppe ein Massengebet für die leidenden Syrer organisiert. Jetzt wird die Hilfe konkret. Tausende Israelis haben sich bereits beteiligt – und jede Minute werden es mehr. »Meinen Respekt für eure Arbeit, endlich kann ich etwas für meine Nachbarn tun«, schreibt Spender Nir Cohen. Eine Frau lässt wissen: »Mein Herz schmerzt angesichts der Nachrichten aus Syrien. Ich hoffe, dass das Geld etwas hilft.«

Das wird es sicher, ist Yoav Bakshi Yeivin überzeugt. Seine Mitarbeit bei »Just beyond our border« erklärt er so: »Als israelisches Kind bin ich mit dem Satz aufgewachsen ›Wo war die Welt, als wir sie am meisten brauchten?‹. Als Jude wusste ich immer, es wird erwartet, dass ich da bin, helfe und unterstütze. Es gibt keine andere Nation, die besser weiß, wie tödlich Teilnahmslosigkeit sein kann.« Die Kampagne sei gestartet worden, um jedem hilfsbereiten Bürger zu zeigen, dass er etwas tun kann.

»Ich bin mir sicher, dass sich die Israelis sorgen, mitfühlend sind und für die Kinder und Familien spenden, die direkt hinter unserer Grenze leiden und nirgendwohin flüchten können.« Die Welt schaue zu und wäge ihre Optionen ab, meint Bakshi Yeivin. »Aber als Israeli, als Jude und als Nachbar kann ich nicht untätig dabeistehen.«

Demonstration Am Sonntagabend versammelten sich spontan Hunderte Menschen im Süden von Tel Aviv, um gegen die Apathie der Welt zu demonstrieren. »Stoppt den Holocaust in Aleppo« oder »Beendet die Kriegsverbrechen« war auf den Schildern zu lesen. Die Protestierenden formten eine Menschenkette, die einen halben Kilometer von der russischen bis zur amerikanischen Botschaft reichte. Auch der Leiter von Yad Vashem, Avner Shalev, äußerte seine »tiefe Besorgnis angesichts der fürchterlichen Bilder der Massaker in Aleppo«.

Reservemediziner der Fallschirmspringer‐Einheit in der israelischen Armee schrieben derweil einen Brief an Stabschef Gadi Eizenkot und baten um einen Einsatz in Syrien, um den Verwundeten des Bürgerkrieges vor Ort zu helfen. »Wir wissen, es gibt Sicherheitsbedenken, und wir wissen, es gibt diplomatische Erwägungen. Aber es gibt auch Prinzipien, Wahrheit und Moral. Wir müssen von uns verlangen, für die Menschen da zu sein.« Die Ärzte schrieben, dass sie nicht einfach am Rande stehen und zuschauen könnten. Von einer Antwort Eizenkots auf das Schreiben ist nichts bekannt.

»Hand in Hand with Syrian Refugees«
Eine weitere Initiative, »Hand in Hand with Syrian Refugees« (Hand in Hand mit syrischen Flüchtlingen), sammelt in diesen Tagen von Nord bis Süd Decken, Kindertragen und Babynahrung. Als Galit Guterman von der Drojanov‐Schule im Tel Aviver Stadtteil Florentin von der Aktion hörte, öffnete sie spontan ihre Schule als Sammelplatz. Außerdem rief sie per E‐Mail Eltern und Freunde zum Spenden auf.

Ohne in die Politik eingreifen zu wollen, ist es keine Frage, dass der Konflikt in Syrien zu einer humanitären Katastrophe führt. Vor allen den vielen Kindern, die unverschuldet in diese Lage geraten sind, muss geholfen werden«, sagt sie. Eine Woche lang werden die Sachen in der Aula abgegeben und anschließend von Hilfsorganisationen in Richtung Syrien oder in Länder gebracht, in denen syrische Familien in Flüchtlingslagern überwintern müssen.

Sämtliche Notfallhilfe soll besonders angesichts der katastrophalen Zustände in der Stadt Aleppo und des Wintereinbruchs so schnell es geht nach Syrien geliefert werden. Die Hilfsgüter werden in Israel gekauft und von der Organisation Israeli Flying Aid (IFA) über die Grenze gebracht. IFA ist darauf spezialisiert, lebensrettende Hilfe in Gegenden zu bringen, die von Naturkatastrophen und Konflikten betroffen sind. Vor allem wird die Organisation aktiv, wenn ein Régime internationale Hilfsorganisationen davon abhält, in die Krisenregionen zu gelangen. Die Organisation kenne die richtigen Kanäle und arbeite mit den »relevanten Behörden« zusammen, so IFA.

Yotvat Fireaizen‐Weil, Aktivistin bei »Just beyond our border«, ist überzeugt, dass viele Israelis Mitleid empfinden, wenn sie an die Lage im Nachbarland denken. »Es geht nicht darum, wer recht hat und wer nicht, wer gut und wer böse ist. Es geht jetzt darum, jenen, die unschuldig sind, die Hand zu reichen und ihnen zu helfen.«

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