Interview

»Das ist auch ihr Krieg«

Yaid Lapid Foto: Flash 90 / POOL

Herr Lapid, wie bewerten Sie den Verlauf des Krieges und das Geiselabkommen?
Wir unterstützen den vereinbarten Rahmen, Israel hat die oberste Verantwortung, weiter daran zu arbeiten, alle Geiseln nach Hause zu bringen, jede einzelne. Wir können den Krieg erst beenden, wenn wir die Freilassung aller unserer Leute erreicht und die Hamas zerschlagen haben. Das sind wir den Ermordeten, den Geiseln, ihren Familien, den Bewohnern im Süden und dem ganzen Volk Israels schuldig. Taktische Pausen aus humanitären Gründen, zu denen auch die Freilassung von Geiseln gehört, könnten wir von Fall zu Fall in Betracht ziehen. Aber letztlich haben wir keine andere Wahl, als diesen Krieg zu gewinnen.

Wer muss die Kontrolle über die Sicherheit in Gaza nach dem Krieg haben?
Israel muss im Gazastreifen Handlungsfreiheit behalten. Wir können nie wieder zulassen, dass eine Terrororganisation an unserer Grenze wächst, wie es die Hamas getan hat. Wir müssen in der Lage sein, jederzeit zu operieren, wenn wir sehen, dass sich in Gaza eine Bedrohung aufbaut.

Es gibt jetzt ein starkes Gefühl der Einheit im Land. Wird das so bleiben, oder brechen in der Gesellschaft die Konflikte aus der Zeit vor dem 7. Oktober wieder aus?
Israel hat sich am 7. Oktober grundlegend verändert, und wir werden nach dem Ende dieses Krieges eine noch bessere, noch stärkere, noch widerstandsfähigere und noch geeintere Gesellschaft aufbauen müssen. Ich werde meinen Teil dazu beitragen, dass die Konflikte der Vergangenheit der Vergangenheit angehören.

Was hier passiert, wirkt sich auf die ganze Welt aus. Wie sehen Sie die besorgniserregende Zunahme antisemitischer Gewalt?
Ich bin entsetzt über den zunehmenden Antisemitismus. Die Menschen sahen, wie Juden ermordet, vergewaltigt und gefangen genommen wurden, und beschlossen, dass die Juden daran schuld waren. Sie sahen, dass Juden Opfer eines Terroranschlags wurden, und das hat ihren Hass auf Juden nur noch verstärkt. Wir müssen dies als das benennen, was es ist – Antisemitismus. Sie lieben die Palästinenser nicht, sie hassen nur die Juden. Dies ist eine Gelegenheit, der deutschen Regierung und Führung für ihre starke, moralische Haltung gegen diesen Antisemitismus zu danken. Ich habe im vergangenen Monat mit zahlreichen deutschen Politikern gesprochen, und sie haben absolute moralische Klarheit gezeigt.

Handelt es sich nicht nur um einen Krieg Israels gegen die Hamas, sondern um einen Kampf um die westliche Kultur und die westlichen Werte? Wird hier möglicherweise eine internationale Intifada verhindert?
Die Welt muss verstehen, dass die Hamas Teil einer breiteren Bewegung ist, die sich nicht nur gegen Israel, sondern gegen den Westen, gegen unsere Werte und unsere Lebensweise richtet. Dies ist nicht nur Israels Krieg, es ist auch ihr Krieg. Die Menschen auf diesen Demonstrationen skandieren »Globalisiert die Intifada« – was glauben die Leute denn, was sie sonst meinen?

Das Interview mit dem israelischen Oppositionsführer und ehemaligen Ministerpräsidenten führte Detlef David Kauschke.

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