Ausschreitungen

»Das hat es so noch nie gegeben«

Polizisten auf den Straßen von Lod, wo arabische Demonstranten Verwüstungen angerichtet haben Foto: Flash 90

Jahrzehnte der Verständigungsarbeit sind zunichtegemacht. Davon sind Bürgermeister, Aktivisten und viele Einwohner überzeugt. Randalierende
Araber und teilweise auch Mobs jüdischer Extremisten zogen tagelang durch die Straßen der israelischen Städte mit »gemischter« jüdisch-arabischer Bevölkerung. Zwei Menschen kamen dabei ums Leben, Dutzende wurden verletzt.

Mittlerweile scheinen die Unruhen in den meisten Städten weitgehend vorüber. Ob die Kluft allerdings jemals geschlossen werden kann, die die offene Feindseligkeit und brutale Gewalt hinterlassen haben, halten viele für fraglich.

notstand So auch der Bürgermeister von Lod, Yair Revivo. Er ließ während des blutigen Aufstands, den Araber in der Stadt begonnen hatten, den Notstand ausrufen. Tagelang spielten sich chaotische Szenen ab, wurden unschuldige Menschen attackiert, Synagogen, Geschäfte und Fahrzeuge in Brand gesteckt. Es gab grausame Lynchversuche auf beiden Seiten.

Polizeichef Kobi Shabtai erklärte, dass dies eine noch nie da gewesene Situation sei. »Wir sehen etwas in den jüdisch-arabischen Städten, was es so noch nie gegeben hat. Auch nicht im Oktober 2000.«

Damit bezog sich Shabtai auf den zweiten Palästinenseraufstand (Intifada), der damals begonnen hatte. Auch Premierminister Benjamin Netanjahu besuchte Lod und zog zeitweilig sogar den Einsatz der Armee in Erwägung, um den Aufstand zu beenden.

OPFER Yigal Yehoshua fiel dieser Gewalt zum Opfer. Als sein Wagen von einem arabischen Mob mit Steinen angegriffen wurde, traf ihn ein Ziegel am Kopf. Nach Tagen im Krankenhaus erlag der 56-Jährige am Dienstag seinen Verletzungen. Hunderte kamen zu seiner Beerdigung. Seine Frau Irena bezeichnete ihren Mann als »Beispiel für Koexistenz«. Er sei Elektriker gewesen »und hat für alle Menschen gearbeitet – Araber und Juden«.

Doch es knallte nicht nur in Lod. Auch in Akko, Haifa, Tiberias und dem Tel Aviver Stadtteil Jaffa gab es Ausschreitungen. In Akko wurde ein 37-Jähriger so brutal mit Steinen und Eisenstangen zusammengeschlagen, dass er mit schweren Kopfverletzungen in Lebensgefahr schwebte. Der Mann, Oberschullehrer Elad Barzilai, habe seine Schüler während der Unruhen davon abhalten wollen, sich an Gewaltakten zu beteiligen.

Viele Israelis beschrieben die Situation als Bürgerkrieg.

Das Efendi-Hotel und das Restaurant »Uri Buri« von Uri Jeremias in Akko wurden in Brand gesteckt. Das Fischlokal war seit Jahrzehnten ein Symbol für das friedliche Zusammenleben in der alten Hafenstadt. Auch das sorgsam restaurierte Arabesque-Hotel wurde im Innern zertrümmert. Dass es nicht auch noch in Brand gesteckt wurde, sei lediglich dem Einsatz der arabischen Nachbarn zu verdanken, erzählte Eigentümer Evan Fallenberg im Interview mit der »Times of Israel«.

Er ist schockiert, wie schnell sich die Gewalt Bahn brach. Zuvor habe er gespürt, dass es ein »gemeinsamer Stolz von Arabern und Juden war«, wie wundervoll sich Akko als Touristenziel entwickelt habe. 2018 wurde die Altstadt zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. »Aber ich weiß nicht, wo dieser Traum jetzt ist.«

ILLUSIONEN Manche Menschen, selbst wenn sie lediglich einige Kilometer von den Unruhen entfernt wohnen, haben von alledem nichts mitbekommen. Die Tel Aviverin Adi Rubin hat seit Tagen ihr Haus nicht verlassen. »Ich habe zwei kleine Kinder, natürlich gehe ich im Kriegszustand nicht vor die Tür. Die Gewalt zwischen Arabern und Juden habe ich nur im Fernsehen gesehen.«

Dabei wohnt Rubin im südlichen Stadtteil Florentin, der an den überwiegend arabischen Teil Jaffa angrenzt. Auch hier brachen zeitweise Unruhen aus, Menschen wurden verletzt.

»Aber gestern ist es mir dann schmerzlich bewusst geworden, dass ›bei uns‹ doch nicht alles in Ordnung ist, wie ich mir vorgemacht hatte. Ich wollte meiner Schwiegermutter zum Geburtstag einen Blumenstrauß nach Jaffa schicken. Als ich den Lieferservice buchen wollte, war die Antwort: ›Der Service nach Jaffa ist im Moment ausgesetzt.‹ Das ist doch völlig irre. Wir sind doch nicht im Bürgerkrieg.« Aber genau mit diesen Worten beschrieben es viele.

In Bat Yam wurde ein arabischer Autofahrer von jüdischen Rechtsextremen aus seinem Fahrzeug gezerrt und auf brutale Weise zusammengeschlagen und -getreten.

In Bat Yam wurde ein arabischer Autofahrer von jüdischen Rechtsextremen aus seinem Fahrzeug gezerrt und auf brutale Weise zusammengeschlagen und -getreten. Das Kamerateam eines Senders übertrug die erschreckenden Bilder live im Fernsehen. Saeed Mousa musste mit schweren Verletzungen ins Ichilow-Krankenhaus eingeliefert werden. Noch vom Krankenhausbett rief der Familienvater zur Verständigung auf: »Wir sind doch alle Menschen.«

Anschließend zeigten sich Politiker aller Parteien entsetzt. Netanjahu richtete sich an die Unruhestifter: »Es ist mir egal, ob euer Blut vor Wut kocht. Man darf das Gesetz nicht in die eigene Hand nehmen und einen arabischen Bürger lynchen. So wie wir es auch von arabischen Einwohnern sehen, die dies jüdischen Bürgern antun. Das nehmen wir nicht hin.«

VERSTÄNDIGUNG Auch Präsident Reuven Rivlin verurteilte die Gewalt auf Israels Straßen. Sie sei »eine wirkliche Bedrohung für die israelische Souveränität«. Die gemäßigte Mehrheit von Juden und Arabern müsse sich für Rechtsstaatlichkeit und eine gemeinsame Existenz einsetzen, forderte der Präsident. »Wir dürfen nicht zulassen, dass Extremisten den Ton angeben.«

In Haifa, der Hafenstadt im Norden, die eigentlich seit Jahrzehnten als Beispiel für Koexistenz bekannt ist, zündeten arabische Einwohner Fahrzeuge auf dem Parkplatz eines Gebäudes an, das von charedischen Familien bewohnt wird. Das zeigten Überwachungskameras. Dutzende Menschen mussten wegen einer Rauchvergiftung behandelt werden.

Per Instagram rief die Stadtverwaltung später zur Verständigung auf. Unter dem Motto »Wir haben kein anderes Haifa« zeigten sich jüdische und arabische Einwohner einträchtig Seite an Seite. Darunter die Restauranteigentümer Dana Shapira und Stephen Shahada sowie die Fotografen Michel Dot Com Makhoul und Rami Shllush. »Wir können zusammenleben, wir weigern uns, Feinde zu sein«, posteten Ärzte, Krankenschwestern und -pfleger des Rambam-Krankenhauses auf Facebook. Auf einem gemeinsamen Foto halten sie Schilder in die Höhe: »Schluss mit der Gewalt! Salaam und Schalom.«

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