Israel

Das bessere Beitar

Der Viertligisten-Klub Beitar Nordia wurde von Fans gegründet: aus Protest gegen Rassismus beim Heimatverein Beitar Jerusalem. Foto: Thinkstock, Alina Schwermer Montage: Marco Limberg

Das Stadion liegt mitten zwischen staubigen Hügeln, am Rand einer Straße, die unbeirrbar ins unbewohnte Nichts führt. Es ist heißer als in Jerusalem, und vor allem stiller. Schwer vorstellbar, dass hier gleich ein Fußballspiel stattfindet. Eldan Vaknins Wagen hat die letzten Reste Stadt hinter sich gelassen, einen austauschbaren Industriestandort namens Mishor Adumim, und hält jetzt vor dem einzigen Ziel, das die Straße bietet: Endstation Fußballstadion, Heimspielort des Fußball‐Viertligisten Beitar Nordia.

Ein Typ an einem Klapptisch verteilt Bier aus der Kühlbox; es ist Freitagmorgen und schon nach elf Uhr, er ist der gefragteste Mann vor Ort. Nebenbei vertreibt er T‐Shirts und Schals in Schwarz‐Gelb – sie sind weniger gefragt, weil jeder sie schon hat.
Der Dresscode im Stadion ist Kompott: Alles kann, alles geht, was irgendwie in den Vereinsfarben Schwarz‐Gelb ist, ob kolumbianisches Nationaltrikot oder BVB‐Shirt.

protest Um die 150 Leute sind an diesem Freitagmorgen im Auto aus Jerusalem hergekommen, um in der Wüste ein Viertligaspiel zu sehen. Ihr Projekt hat sie berühmt gemacht, auch über die Landesgrenzen hinaus. Beitar Nordia ist ein neuer Klub, gegründet vor drei Jahren von einer Gruppe Fans. Gegründet aus Protest gegen Rassismus.

Früher standen die meisten hier in der Kurve von Beitar Jerusalem, jenem israelischen Erstligisten mit radikal nationalistischem Zuschaueranteil, der vor allem wegen seiner rechten Ultra‐Fangruppierung La Familia zweifelhaften Ruhm trägt. La Familia brüllt »Tod den Arabern«, wünscht sich eine Mannschaft ohne Muslime und bedrohte Klubführung und Spieler, als der Verein für ein halbes Jahr zwei muslimische Tschetschenen auslieh.

»Wir sind alle als Beitar‐Fans aufgewachsen«, sagt Eldan Vaknin, der Fan, der jetzt fast jede Woche in die Wüste fährt. »Aber unsere Heimat wurde uns gestohlen.« Der Verein rutschte ihnen durch die Finger, in die Hände der Rechten. Es wuchs ein sich selbst nährender Hass, der die eigenen Fans in die Flucht trieb. Und dazu brachte, einen Ableger zu gründen: Beitar Nordia.

stigma Wie konnte es so weit kommen? Am Anfang, erinnert sich Eldan Vaknin, war da eigentlich nur Liebe. Er ist fünf Jahre alt, als er zum ersten Mal zu Beitar Jerusalem ins Stadion geht. Sein Vater hält nichts von Fußball, aber der Onkel, ein Beitar‐Fan, nimmt ihn mit. »Als ich ins Teddy‐Stadion gekommen bin, war ich überwältigt. Ich kam in diese riesige Arena, und da war ein solcher Lärm, jeder hat die Mannschaft angefeuert.« Er behält die Erinnerung sein Leben lang im Kopf. »Das erste Mal, das du zu einem Fußballspiel gehst, vergisst du nie.«

Und so wird Vaknin Beitar‐Fan, ohne sich Gedanken zu machen über die Bedeutung von Beitar‐Klubs, den rechts geprägten, und Hapoel‐Klubs, den links ausgerichteten Sportvereinen. »Politik sollte bei der Liebe zu einer Mannschaft keine Rolle spielen«, sagt er. Ein Wunsch, der oft nicht verfängt.

Wie viel war immer schon da von dem Rassismus und dem Hass? Politik spiele bei der Vereinswahl in Israel keine so starke Rolle mehr wie früher, betonen viele. Aber manchmal reicht eben auch ein Image, um Leute anzuziehen. »Wenn dein Verein ein rassistisches Stigma hat, und irgendwo im Norden Israels gibt es einen Jungen, der Rassist ist, dann geht er vielleicht eher zu deinem Klub«, sagt David Uzan. Er sitzt etwas abseits auf der Tribüne, nur den Schal als Fan‐Accessoire, und ist als Gesprächspartner sehr gefragt.

Seit der Gründung von Beitar Nordia ist Uzan einer von sieben Leuten in der Klubführung – ein typischer Bildungsweg in fangeführten Vereinen, wo man es, wenn man einigermaßen smart ist und gern lange Stunden ehrenamtlich arbeitet, auch ohne jede Management‐Erfahrung schnell in eine Führungsposition bringt. Auch Uzan war bei Beitar Jerusalem, seit er ein Kind war. Der Rassismus verlaufe in Wellen, es gebe keinen linearen Anstieg, glaubt er. Andere fanden Beitar immer schon ziemlich rassistisch. Richtig schlimm aber wird es ab 2005.

ultras Damals gründet sich die rechtsextreme Ultra‐Gruppierung La Familia – zunächst eine Randerscheinung ohne großen Einfluss. »Wir haben sie immer als eine kleine Splittergruppe behandelt, der man nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken sollte«, erinnert sich Eldan Vaknin. »Aber innerhalb von zehn Jahren sind sie so unheimlich gewachsen wie ein Tumor. Sie haben einfach jeden Winkel des Vereins erobert.« Heute wird die Gruppe auf mehrere Tausend Mitglieder geschätzt.

Mit ihrer Gewalt und den rassistischen Parolen vertrieben sie schleichend Andersdenkende aus dem Stadion. Beitar Jerusalem erlitt massive Zuschauereinbrüche, unternahm aber wenig, um den Einfluss der Gruppe zu stoppen. Und irgendwann geriet der Verein selbst in die Fänge des Ungeheuers, das er toleriert hatte.

Es war 2013, als die beiden Tschetschenen kamen. Um sie loszuwerden, stellte sich La Familia erstmals gegen die Interessen des eigenen Vereins. Die Gruppe feuerte den Gegner an, bedrohte Spieler und Klubführung, bewarf den Mannschaftskapitän, der sich ihnen entgegenstellte, mit Steinen, blockierte das Training. »Es war schrecklich«, sagt Vaknin. Beitar Jerusalem kuschte vor dem eigenen Anhang.

schlussstrich Eldan Vaknin ging irgendwann nicht mehr zu den Spielen. David Uzan ging weiter hin und versuchte, mit den Leuten zu reden. »Ich habe ihnen erklärt, dass Religion keinen Einfluss auf Fußballfähigkeiten hat.« Er lächelt ironisch. »Hat nicht besonders funktioniert.« Als die Situation immer weiter eskalierte, zog er mit ein paar Gleichgesinnten den Schlussstrich. Sie verließen Beitar Jerusalem und gründeten einen neuen Verein, der den Fans gehören und frei von Rassismus und Politik sein sollte: Beitar Nordia.

Es ist eine übersichtliche Oase, die sie sich geschaffen haben: Die rund 200 Mitglieder, die einen Anteil am neuen Verein halten, engagieren sich vielfach ehrenamtlich für den Klub. Auch Leute, die früher nichts mit Fußball zu tun hatten, finden den Weg hierher: eine Mischung aus klassischer männlicher Mittzwanziger‐Klientel und älteren Semestern; auch ein paar Frauen und Familien stehen am Spielfeldrand, alle sprühend vor Idealismus und Begeisterung für ihr Projekt. »Wir haben hier Linke und sehr Konservative«, sagt Uzan. »Es ist uns egal, wen die Leute wählen. Was uns vereint, ist die Liebe zu Beitar und die Ablehnung von Rassismus.«

Das Konzept der Fanführung, gibt er recht freimütig zu, sei vor allem Mittel zum Zweck. »Wir wussten, dass wir eine große Fanbasis und Geld brauchen, und das war der beste Weg.« Beitar hat einen der höchsten Zuschauerschnitte der vierten Liga und lebt von seinen vielen freiwilligen Helfern.

»Wenn jemand eine Idee hat, sage ich ihm: Das hier ist dein Haus«, erzählt Uzan. »Ein Fanverein ist der Ort, wo du deinen Traum umsetzen kannst. Du wolltest immer schon mal ein Fußballspiel kommentieren oder ein Fanmagazin herausbringen? Hier kannst du es tun.« Das sei nicht immer leicht, es gebe auch verrückte Vorschläge. Aber das Konzept habe einen Effekt auf Menschen: »Sie haben viel mehr Leidenschaft. Sie spüren, dass sie etwas zu sagen haben.«

eigenbrötler Manche werfen den Beitar‐Nordia‐Fans vor, weggelaufen zu sein. Den Klub aufgegeben zu haben, für die vermeintlich einfachere Lösung, die kleine Utopie. Andere kritisieren, dass sich Beitar Nordia, vom Rassismusthema einmal abgesehen, nicht eindeutig genug politisch positioniert. »Ein paar Leute sind gegangen, weil sie uns zu links finden, ein paar sind gegangen, weil sie uns zu rechts finden«, sagt Uzan spöttisch.

Er will den Verein möglichst undogmatisch halten, frei von Politik. Doch wie frei von Politik kann ein Klub sein, wenn er mit seiner Gründung eine politische Aussage trifft? Fan‐geführte Hapoel‐Vereine hätten es leichter, gesteht Uzan: Da wisse man, wofür die stehen, es passe alles ins Bild.

Beitar Nordia ist eine eigenbrötlerische Mischung, man will sich nicht gern vereinnahmen lassen, vielleicht auch niemanden verprellen. Der Verein sucht noch seinen Weg. Das mit der jüdisch‐muslimischen Mannschaft etwa ist gar nicht so leicht: Aktuell spielt kein einziger Araber bei Beitar. »Wir hätten gern Araber hier«, seufzt David Uzan. »Aber die spielen lieber in der palästinensischen Liga.« Da gebe es mehr Geld.

aufstieg An diesem Freitagmorgen gewinnt Beitar Nordia auch ohne Araber souverän mit 3:0. Erst in diesem Jahr ist die Mannschaft in die vierte Liga aufgestiegen, jetzt geht es stramm in Richtung Liga Drei. Was zur Frage führt, was dauerhaft aus dem Projekt werden soll: Etwas eigenes? Ein Sprungbrett zur Rückkehr?

Wenn er heute Spiele des alten Klubs im Fernsehen sieht, sagt Eldan Vaknin, dann sei da die alte Liebe, dieses Gefühl, das er nicht loswerde. »Ich kann so wenig aufhören, Beitar zu lieben, wie ich aufhören kann, meine Mutter zu lieben.« Er träumt von einer Wiedervereinigung mit Beitar, nur ohne Rassismus und Gewalt.
David Uzan wird bei solchen Träumereien ungehalten. »Wir können nicht auf Wunder warten«, sagt er knapp. »Wir müssen uns auf uns selbst konzentrieren.«

Je weiter Beitar Nordia wächst, je mehr Strukturen entstehen, desto utopischer dürfte eine Wiedervereinigung werden. Und je mehr La Familia Wurzeln schlägt, desto schwerer der Kampf gegen sie. Vaknin hofft auf Mithilfe des Staates. »Ich bete jeden Tag, dass Klubbesitzer und Polizei sich zusammentun und in der israelischen Liga aufräumen. Nicht nur bei Beitar, sondern überall.«

schuld Kürzlich wurden einige Mitglieder von La Familia verhaftet; ein kleiner Schritt. Bei Beitar Nordia haben sie trotzdem ihre Erfahrungen mit den Rechtsextremen machen müssen: Sie bedrohten die Gründer des neuen Ablegers, hetzten in Foren, kamen zu den ersten Spielen, um Stress zu machen. Mittlerweile habe sich die Situation beruhigt.

»Unsere Fans haben einfach weiter angefeuert«, sagt Vaknin. »Sie waren lauter als La Familia, und dann sind die irgendwann abgehauen.« Er wird nachdenklich. »Im Nachhinein glaube ich: Wenn wir schon so klug gewesen wären, als La Familia gegründet wurde, hätten sie es vielleicht nie geschafft, das alte Beitar zu erobern. Wir wären jetzt nicht geteilt. Wir haben sie kleingeredet. Es ist unsere Schuld.« Vielleicht ist Beitar Nordia auch das: der Versuch, gemeinsam die Schuld abzuarbeiten.

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