Berlin

»Danach hat er nicht mehr geantwortet«

Seit über vier Wochen schläft Yuval Dancyg kaum noch. Der 42-jährige Logistikmanager aus Beer Sheva ist in Nir Oz aufgewachsen, Vater, Mutter, Geschwister, Onkel, Tanten, Nichten und Neffen hatten dort ihren Lebensmittelpunkt.  Am 7. Oktober lebten in diesem Kibbuz 450 Menschen, am Abend des 8. Oktober waren es noch 190.  Yuval erwachte an jenem Samstag früh und sah im Fernsehen, dass es an der Grenze zum Gazastreifen einen Angriff gab. Er rief seinen 75-jährigen Vater um 8 Uhr morgens an. Der beruhigte ihn, das seien nur Raketen, es wäre schon alles in Ordnung. »Das war unser letztes Gespräch. Danach hat er nicht mehr geantwortet.«

Alex Dancyg (75) ist Schoa-Historiker. Die Hamas attackierte seinen Kibbuz Nir Oz und verschleppte ihn nach Gaza.

Yuvals Vater Alex Dancyg lebte allein in seinem Haus. Er ist schwer herzkrank, jedoch geistig enorm fit. Nach dem Krieg in Polen geboren und jung nach Israel ausgewandert, hatte er sein ganzes Berufsleben als Historiker über den Holocaust geforscht und in der Gedenkstätte Yad Vashem, aber auch weltweit pädagogisch gewirkt. In Nir Oz lebte er eingebettet in die Kibbuz-Gemeinschaft mit seinen Kindern und Enkeln in unmittelbarer Nähe. Yuval bekam morgens auch eine SMS seiner Schwester. Darin stand: »Kommt, rettet uns. Wo ist die Armee? Wo ist die Polizei? Sie töten alle im Kibbuz, alle Leute.«

Yuval erzählt diese Geschichte ruhig, stockend, mit langen Pausen. Der kleine Saal im Haus der Wannsee-Konferenz ist an diesem Montag bis auf den letzten Platz besetzt, unter den Gästen der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Volker Beck, die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages Petra Pau, Rabbiner Andreas Nachama, Deidre Berger vom Tikvah-Institut und viele andere.

»Das war kein Angriff nur von Terroristen, sondern auch von Zivilisten«, sagt der Sohn Yuval Dancyg.

Absolute Stille füllt den Raum, als Yuval über die Katastrophe aus seiner Perspektive berichtet: »Nach dem Telefonat mit meinem Vater und den SMS mit meiner Schwester hatten wir sehr schlimme sechs Stunden. Wir haben uns ab und zu per SMS und WhatsApp geschrieben, aber ab zwei Uhr meldete sich niemand mehr. Und so haben wir gesessen und gewartet, dass jemand anruft und sagt, sie sind alle tot oder sie leben noch. Um fünf Uhr nachmittags rief mein Bruder an. Er und seine Familie hätten überlebt, bei den anderen wüsste er es nicht.«

Vom Vater hörte Yuval nichts. Seine Schwester hatte sich mit den drei kleinen Töchtern im Bunkerraum ihres Hauses versteckt, ihr Mann saß mit einem Gewehr davor und wartete. Yuval erzählt diese Geschichte leise, fast tonlos.

»Nach einer Stunde sprangen die Terroristen durchs Fenster. Er erschoss den ersten. Er erschoss den zweiten. Er erschoss den dritten. Zwei Stunden hat er gekämpft. Dann merkte er, es sind zu viele. Er verbarrikadierte sich mit seiner Familie im Bunkerraum. Als die Terroristen nach einer halben Stunde die Tür nicht sprengen konnten, legten sie überall im Haus Feuer. Meine Schwester sagte, sie wolle nicht im Rauch ersticken. Sie sprang mit meinen drei kleinen Nichten raus. Genau in dem Moment, als die Armee eintraf und die israelischen Soldaten sie retteten.«  

Niemand aus Yuvals Familie wurde ermordet. Aber alle haben miterlebt, was außerhalb Israels kaum wahrgenommen und was Yuval in diese Worte fasst: »Es waren nicht nur Hamas-Terroristen. Mit ihnen im Schlepptau kamen viele Zivilisten, die Frauen vergewaltigten, die Häuser leerräumten und die Babys, die Kinder, aber auch Erwachsene und Alte als Geiseln mitgenommen haben. Zivilisten aus Gaza. Das war kein Angriff nur von Terroristen, sondern auch von Zivilisten.«

Der kleine Saal im Haus der Wannsee-Konferenz ist bis auf den letzten Platz besetzt. Dort erzählt Yuval Dancyg, wie er den 7. Oktober erlebte.

Yuvals Vater und sein Onkel wurden nach Gaza verschleppt. Eine freigelassene Geisel hatte das bestätigt.  Alex Yuval braucht nach seinem Herzinfarkt vor einigen Jahren Medikamente. 25 Geiseln aus Nir Oz sind älter als 75 Jahre. Alle brauchen medizinische Hilfe. 

Unter den Zuhörern an diesem Abend ist auch eine Mitarbeiterin der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferez, die Alex Dancyg gut kennt, weil sie bei ihm an einigen Weiterbildungsseminaren zum Thema »Vermittlung des Holocaust« teilgenommen hat.  Anna Rosenhain-Osowska beschreibt Alex als geistreichen, humorvollen Historiker »mit Herz und Seele und einem sehr guten Gedächtnis. Er hat viel Chuzpe. Als wir gehört haben, er wurde verschleppt, dachten wir: Der wird sich nicht auf der Nase herumtanzen lassen.«

Ob Alex noch lebt, wie es ihm geht, niemand weiß es. Yuval hat in Polen Präsident Andrzej Duda getroffen. Er hat in Italien mit Regierungsvertretern gesprochen. Er hat in Berlin mit dem Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses, Michael Roth, geredet, mit der Kulturstaatsministerin Claudia Roth und dem Leiter des Krisenreaktionszentrums im Auswärtigen Amt.

Er hofft, dass irgendjemand Kontakte nutzen könnte, um die Geiseln nach Hause zu holen. Es geht ihm nicht allein um seinen Vater, das betont er. Und er will mit seiner Geschichte und der seiner Familie aufrütteln, er will sie verbreiten gegen die Gleichgültigkeit, die er nicht bei Politikern, aber in der Bevölkerung europäischer Länder zu spüren meint. Vielleicht ist auch an diesem Abend im Haus der Wannsee-Konferenz irgendein Gast dabei, so hofft er, der jemanden kennt, der Kontakte hat in den arabischen Raum. 

»Wir haben keine Zeit. Die Zeit rennt uns davon. Sie haben auch ein neun Monate altes Baby mitgenommen. Wie kann es in solch einer Situation überleben?«

Schweigen. Yuval kämpft. Er ist dankbar für die Unterstützung, aber er spürt, dass die Möglichkeiten, zu helfen, zu gering sind. Volker Beck, Präsident der deutsch-israelischen Gesellschaft, sieht momentan keinen Weg, um die Situation zu lösen. Er fasst zusammen:»Unsere Schmerzen sind deren Waffen, das macht die Situation so schwierig. Wir können nur hoffen und beten für die Geiseln, dass sie bei guter Gesundheit bald zurückkehren können zu ihren Liebsten.«

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