Jerusalem

Brandgefährlich

Gefährdung der Öffentlichkeit: der hölzerne Zugang zum Tempelberg in der Jerusalemer Altstadt Foto: Flash 90

Wenn der Abriss einer baufälligen Rampe zum internationalen Politikum wird, dann kann der Schauplatz nur der Nahe Osten sein. Wir befinden uns in Jerusalem – heilig für die drei Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam. Gewöhnlich sorgt hier schon die kleinste archäologische Ausgrabung für Unmut. Dieses Mal ist der Stein des Anstoßes die Mughrabi‐Brücke, die vom Vorplatz der Klagemauer zum Tempelberg mit dem Felsendom und der Al‐Aksa‐Moschee führt.

Die Jerusalemer Stadtverwaltung hatte bereits vor über einem Monat die Schließung der Rampe angeordnet. Grund: »Diese Struktur stellt eine Gefahr für die Öffentlichkeit dar, da sie kurz vor dem Zusammenbruch steht.« Der Ingenieur der Stadt, Schlomi Eschkol, forderte ein Verbot jeglicher Nutzung, als die Feuerwehr ihm bescheinigt hatte, dass die Rampe ein extrem hohes Brandrisiko birgt. Die Verwaltung schickte einen Brief an die Stiftung »Western Wall Heritage«, die für das Areal verantwortlich ist, in dem es hieß, dass die Holzstruktur nur noch im Ausnahmefall und wenn es zwingend notwendig sei, von Sicherheitspersonal begangen werden dürfe.

Lindwurm Jeder, der in den vergangenen Jahren die Klagemauer besucht hat, kennt dieses merkwürdige Gebilde, das eher an einen riesigen hölzernen Lindwurm erinnert denn an den Weg zu einem Heiligtum. Von Anfang an war die Brücke als temporärer Bau gedacht, nachdem die originale Mughrabi‐Rampe bei einem Schneesturm im Winter 2004 zusammengebrochen war. Bis heute existiert lediglich eine vorläufige Genehmigung. Schon der Abbau der Überreste der originalen Rampe – nicht viel mehr als Bauschutt – führte 2007 zu Ausschreitungen von Muslimen, die meinten, die Israelis wollten sich ihre Heiligtümer einverleiben.

»Die Brücke ist damals in erster Linie errichtet worden, um der Polizei den Zugang zum Tempelberg zu ermöglichen«, erklärt die Stadtverwaltung. »Sie war nie als permanente Lösung gedacht und ist einer derartigen Nutzung in keiner Weise angepasst.« Dennoch wurde sie bis vor wenigen Tagen von Hunderten von Pilgern, Touristen und Sicherheitskräften benutzt. Ein Schreckensszenario ist, dass die Brücke Feuer fängt und über der Frauenabteilung der Klagemauer zusammenbricht. Der Brand könnte zudem blitzschnell den Tempelberg erreichen und die Heiligtümer bedrohen, erklärt die Stadtverwaltung.

Auf Anfrage der »Western Wall Heritage«-Stiftung hatte die Stadt im Mai eine Baugenehmigung für einen permanenten Zugang zum Tempelberg erteilt. Die neue Rampe sollte exakt an der Stelle errichtet werden, an der die ursprüngliche jahrzehntelang gestanden und als Weg gedient hatte. Auch das Bauministerium stimmte zu.

Muslimbrüder Doch dann sagte Premierminister Benjamin Netanjahu höchstpersönlich »Stopp!«. Die Nachrichten von der geplanten Demolierung waren offenbar während der Unruhen auf dem Tahrir‐Platz in Kairo den Protestierenden zu Ohren gekommen. Prompt keimte überbordender Israelhass auf.

Die desolate Brücke wurde gar zu einem der Schlüsselthemen bei den ägyptischen Wahlen. Der spirituelle Führer der Siegerpartei der Muslimbrüder, Scheich Yusuf Qaradawi, rief den jordanischen König Abdullah dazu auf, Israel von dem Plan abzubringen. Der Scheich behauptete, eine neue Rampe solle lediglich dazu dienen, israelische Siedler und Sicherheitskräfte schneller auf den Tempelberg zu lassen. An der Al‐Azhar‐Universität in der ägyptischen Hauptstadt wehten Poster, die Muslime zum Schutz der Al‐Aksa‐Moschee aufriefen.

Dabei ist Mughrabi keineswegs der einzige Zugang zu den muslimischen Heiligtümern. Es gibt derzeit noch zehn weitere Eingänge zu dem Areal, die allerdings nur von Muslimen passiert werden dürfen. Doch das spielt in dieser Gegend, in der eine archäologische Grabung einen Krieg auslösen kann, kaum eine Rolle. Der Waqf, die religiöse muslimische Stiftung, die den Tempelberg unter der generellen Sicherheitskontrolle Israels verwaltet, äußerte sich zum geplanten Abriss: »Wir sind nicht informiert worden und halten die Entscheidung für eine desaströse Politik, die Proteste heraufbeschwören könnte. Muslime in der ganzen Welt werden darüber sehr unglücklich sein.«

vermittlung Um Brisanz aus der Situation zu nehmen, flog Staatspräsident Schimon Peres schließlich in geheimer Mission nach Amman und erklärte dem jordanischen König Abdullah die Lage. Im israelisch‐jordanischen Friedensabkommen ist Jordanien eine besondere Verwalterrolle in Ostjerusalem zugesichert worden. Der König meinte jedoch, Israel solle Abstand davon nehmen, unilateral Schritte in Sachen Brückenabriss zu unternehmen.

Der deutsche Botschafter in Tel Aviv, Andreas Michaelis, wurde am Montag vom israelischen Armeesender Galei Zahal mit den Worten zitiert, dass Deutschland Israel beim Abriss der Mughrabi‐Rampe unterstütze. Die Botschaft erklärte jedoch in einer Pressemitteilung am selben Tag: »Diese Informationen sind nicht zutreffend. Der deutsche Botschafter hat im Gegenteil vor einer möglichen Eskalation gewarnt. In einem Gespräch mit dem Vorsitzenden der Knesset, Reuven Rivlin, brachte Michaelis diese Sorge der Bundesregierung vor und mahnte Zurückhaltung und Vorsicht an.« Deutschland habe in dieser Frage stets zu Transparenz und zur Abstimmung aller Beteiligten aufgerufen, heißt es weiter.

Noch steht die Mughrabi‐Brücke. Benutzt werden darf sie bereits nicht mehr. Was geschehen könnte, wenn die Bulldozer anrücken, das können die Jerusalemer sich mittlerweile schon ausmalen.

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