Normalerweise ist Purim in Israel das lauteste, bunteste Fest des Jahres. Erwachsene und Kinder ziehen verkleidet durch die Straßen, aus Cafés dröhnt Musik, und bis tief in die Nacht verwandeln sich ganze Stadtviertel in ausgelassene Partys. In diesen Tagen ist es leise in Israel – zumindest in jenen Momenten, in denen keine Warnsirenen die Stille zerreißen. Statt Purim gibt es Krieg.
Der jüdische Karneval erinnert an die biblische Rettung der Juden vor der Vernichtung im alten Perserreich, es ist eine Geschichte über Bedrohung, Mut und Überleben. Doch auch wenn die Raketen aus dem Iran das Land bedrohen, so ganz wollen sich die Israelis das Feiern nicht nehmen lassen.
In einigen öffentlichen Bunkern und Tiefgaragen, in denen sich die Menschen, die keinen privaten Schutzraum haben, in Sicherheit bringen, fanden am Montagabend spontane Purimpartys statt. Zwar war die Musik leiser als sonst, doch die Leute warfen sich simple Kostüme über, setzten Hüte oder Perücken auf und stießen an. »L’Chaim« tönte es dann und oft auch: »Auf das Ende von Chamenei!« Der Tod des obersten Führers des Iran, Ali Chamenei, hat die meisten Israelis positiv überrascht.
Hamantaschen in der Nacht gebacken
Sima Cohen verteilt am Dienstagmorgen im öffentlichen Bunker am Rotschild Boulevard in Tel Aviv Hamantaschen – auf Hebräisch Osnei Haman – die dreieckigen mit Mohn gefüllten Kekse, die traditionell zu Purim genascht werden. »Ich habe in der Nacht gebacken, weil ich nicht schlafen konnte«, erzählte die vierfache Großmutter, als sie die Leckereien anbot. »So hatte es wenigstens etwas Gutes.«
Dabei hatten viele Israelis gehofft, in diesem Jahr endlich gänzlich unbeschwert und ausgelassen feiern zu können. Man wollte nach den traumatischen Ereignissen des 7. Oktobers 2023 und den folgenden Kriegsjahren nach vorn schauen. Landesweit waren große Purimfeste geplant. Doch die gemeinsame Offensive Israels und der USA gegen iranische Ziele und die folgenden Raketenangriffe machten viele Veranstaltungen unmöglich. Öffentliche Versammlungen über zwölf Personen sind untersagt, Straßenfeste abgesagt, Schulen bleiben geschlossen.
Seit Samstagmorgen ist das Leben in Israel auf Schutzräume begrenzt, vor allem im Zentrum des Landes, das von den meisten iranischen Raketen ins Visier genommen wird. In Jerusalem sind mehr Menschen auf den Straßen als im Zentrum des Landes, doch auch hier ist die Anspannung vor dem nächsten Alarm spürbar.
Roni Bloch: »Die Sirenen sind ganz schrecklich. Vor allem nachts habe ich Angst. Ich will schlafen, aber ich wache immer auf.«
Am Dienstagmittag versammelte sich im Sacherpark nach einer Entwarnung eine kleine Gruppe Kinder in einem Park, als ein als Clown verkleideter Mann spontan begann, Zaubertricks vorzuführen. Die Eltern lächelten müde, während ihre Kinder lachten. Für einen Moment wirkt es wie ein ganz gewöhnlicher Feiertag.
Für die Kinder bleibt Purim in diesem Jahr dennoch wieder einmal ein verlorenes Fest. Die siebenjährige Roni Bloch sitzt in einem öffentlichen Schutzraum in Tel Aviv und hält stolz drei Snacks fest – Bisli, Bamba und eine Schokoladenwaffel. In jeden öffentlichen Sicherheitsraum lieferte die Stadtverwaltung eine Kiste voller Süßigkeiten mit einem pinkfarbenen Aufkleber »Purim Sameach« - Frohes Purim. Erwachsene verteilen im Bunker Süßigkeiten an die Kinder, ein kleiner Ersatz für die ausgefallene Feier.
Kinder hoffen, dass Purim nachgeholt wird
Richtige Freude will bei Roni aber nicht aufkommen: »Die Sirenen sind ganz schrecklich«, sagt sie leise. Vor allem nachts habe sie Angst. »Ich will schlafen, aber ich wache immer auf.« Einen eigenen Schutzraum hat ihre Familie nicht, deshalb müssen sie bei jedem Alarm hinaus in die Dunkelheit laufen. Eigentlich wollte sie als Wonder Woman verkleidet in die Schule gehen. »Sie ist meine Heldin.«
Auch der zwölfjährige Ori Erez hätte sich diesen Tag anders vorgestellt. Während er Chips isst, zuckt er mit den Schultern. »Spaß macht das nicht«, sagt er, während er auf seinem Handy scrollt. »Wir hätten eine riesige Purimparty in der Schule haben sollen. Endlich mal wieder.« Am meisten nerve das ständige Rennen in die Schutzräume und dass er seine Freunde kaum sehe. Dann fügt er hinzu: »Aber wir sind wenigstens zusammen als Familie. Ich hoffe, dass es bald vorbei ist. Und vielleicht wird Purim ja nachgeholt.«