Porträt

Bilder aus Buchenwald

Die Welt von Thomas Geve geriet aus den Fugen, als er 13 Jahre alt war: Er wurde in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Der Junge überlebte und wanderte 1950 nach Israel aus. Seitdem hat er versucht, sein Leben wieder in Ordnung zu bringen.

34 Holzbaracken, 16 zweistöckige Steinbaracken, ein drei Kilometer langer und drei Meter hoher Stacheldrahtzaun, ein Elektrozaun mit einer Spannung von 280/380 Volt sowie 23 Wachtürme. Das Ganze erstreckt sich über 40 Hektar, im Zentrum liegt ein Appellplatz von 15.000 Quadratmetern. Zehn Häftlinge teilen sich Schlafkojen, die für fünf Personen ausgelegt sind, um fünf Uhr ist Wecken, täglich bekommen sie 23,75 Gramm Margarine für 50 Gramm Brot.

Zahlen, die der heute 84-jährige Thomas Geve verinnerlicht hat. Sie beschreiben die Anlage und den Alltag der etwa 250.000 Häftlinge, die zwischen Juli 1937 und April 1945 im Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar inhaftiert waren. Unter ihnen Geve. Die Nazis deportierten ihn im Alter von 13 Jahren zusammen mit seiner Mutter aus seiner geliebten Stadt Berlin zunächst nach Birkenau und Auschwitz – in Konzentrationslager, wo auch aus Menschen Zahlen wurden. Aus Geve wurde die Nummer 003.

Fakten Der grauhaarige Mann sitzt im Wohnzimmer seiner Tochter Yifat in Haifa. Auf dem Tisch liegen seine Bücher in holländischer, englischer und deutscher Sprache. Es sind Ausgaben von Geraubte Kindheit, Aufbrüche sowie ein Band mit 80 Buntstiftzeichnungen, die kurz nach seiner Befreiung im April 1945 entstanden sind. Zu schwach, um sich auf den Füßen zu halten, saß der Junge in der Baracke und zeichnete für den Vater die Phasen seiner Entmenschlichung: den Transport, die Selektion in Arbeitsfähige und solche, die gleich in den Tod geschickt wurden, die Lagerordnung, die Uniformen, die Baracken von innen und außen – selbst die dominante Körperhaltung der Aufseher hat er in den kleinen, gesichtslosen Figuren festgehalten.

So wie dort hat er auch später in seinen Büchern akribisch genau darauf geachtet, dass die Details stimmen, hat »auf Ergreifendes verzichtet«. Vieles, was er über die Konzentrationslager lese, sei nicht richtig, sagt er. Selbst ehemalige Insassen schrieben und berichteten regelrechten »Unsinn« und stellten sich lieber selbst in den Mittelpunkt. Das ist ihm zuwider: »Die Fakten müssen stimmen!«

Thomas Geve lebte nach Kriegsende erst in der Schweiz und in England bei seinem Vater. Dann wollte er weg aus diesem Europa, das Hitler unterstützt hatte, und wanderte 1950 nach Israel aus. Seine Zeichnungen blieben im Tresor des Vaters zurück, ein neues Kapitel seines Lebens begann. »Ich konnte kein Hebräisch, und ich war kein Zionist«, sagt er. Dafür jedoch steckte der Drang in ihm, etwas Neues zu schaffen. Mit seinen Diplomen als Bauingenieur in der Tasche, half er beim Aufbau der Stadt Eilat. »Da war nichts außer etwa 40 Häusern.«

1960 heiratete Geve eine Frau, die den Holocaust in Schweden überlebt hatte, sie bekamen drei Kinder, lebten in Haifa. Er baute Straßen, Wasserbehälter, Häuser und Brücken. Er studierte Pläne, nahm Maß, legte Höhen und Gewichte fest und rechnete nach: akribisch genau. Ein Alltag aus Zahlen und Maßen, die seinem Leben eine Ordnung gaben.

Schweigen Seine Vergangenheit schloss Geve weg – so wie viele andere Holocaust-Überlebende in Israel. Einerseits aus Selbstschutz: Wer kann leben, wenn er täglich mit solchen Erinnerungen aufwacht? Anderseits, weil es in diesem jungen Staat mit all seiner hoffnungsvollen Zukunft und auch seinen ungelösten Problemen lange verpönt war, über die Schoa zu reden. Selbst in den Familien. So hat Geve seinen Kindern nichts von seinen schrecklichen Erfahrungen erzählt. »Sie hatten keine Bedeutung mehr«, ist er bis heute überzeugt. Aber auslöschen konnte er sie nicht. »Seine Vergangenheit stand immer unausgesprochen im Raum«, erinnert sich seine Tochter Yifat. Bis 1981.

Auf einer Konferenz in Jerusalem zum Thema Holocaust traf Geve einen Mann, den er einst im KZ kennengelernt hatte. »Er hatte immer angenommen, der Mann sei tot«, erzählt Yifat. Diese Begegnung habe etwas in ihrem Vater aufgebrochen: »Von da an hat er es als seine Aufgabe betrachtet, den Menschen vom Holocaust zu berichten.« Geve vermachte seine Zeichnungen 1985 dem Museum in Yad Vashem, seitdem werden Kopien davon regelmäßig in Wanderausstellungen gezeigt. Mit Hilfe seiner Kinder übersetzte er sein 1958 fertiggestelltes Buch Geraubte Kindheit ins Hebräische. Ein langwieriger Prozess, der für die Kinder wie für den Vater Aufarbeitung bedeutete. »Jedes Wort wurde dreimal erläutert und umgedreht, bis wir die richtige Bedeutung fanden«, sagt Yifat.

Reden Der deutsche Filmemacher Wilhelm Rösing drehte einen Film über ihn. Geve begann, nach Europa zu reisen. Seit 2000 auf Drängen Rösings regelmäßig auch nach Deutschland, um in Schulen als Zeitzeuge zu berichten. Zunächst mit vorgefertigten Antworten in der Jackentasche, um die Distanz zu wahren. Inzwischen freut Geve sich über die Fragen der jungen Menschen, lässt auch Persönliches zu. 400-mal sei er seitdem dort gewesen, sagt er. Im Mai fliegt er wieder, nimmt trotz seiner 84 Jahre die Anstrengung der Reisen und der Veranstaltungen in Kauf.

Insgesamt 20 Dokumentationen hat Thomas Geve veröffentlicht, seine Bücher wurden in zehn Sprachen übersetzt. Trotzdem hätte er gern mehr Erfolg, sagt er. Nicht des Geldes wegen – sondern aus Furcht, er könnte zu wenig für die Wahrheit getan haben.

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