Tel Aviv

Beach-Boys treffen Bademeister

Training: Israelische und deutsche Lebensretter kümmern sich um eine Schwimmerin, die fast ertrunken wäre. Foto: Jennifer Bligh

Tel Aviv, kurz vor sieben Uhr morgens. Ein Sandsturm hat die Weiße Stadt in ein ungewöhnlich gelb-milchiges Licht getaucht. Selbst das Atmen fällt schwer, die Strandpromenade ist wie leer gefegt. Nur 14 Mitglieder der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft DLRG machen sich unerschrocken auf den Weg zur ersten Schicht des deutsch-israelischen Lebensretter-Austauschs.

Trotz des sandigen Morgens klappt Jossi am Rettungsturm Nr. 17 die Fensterläden weit auf, schaltet das Radio an und dreht das Schild von »Schwimmen verboten« auf »Schwimmen erlaubt« um. Dann hisst er die weiße Flagge. Der israelische Lebensretter hat entschieden: Schwimmen ist heute ungefährlich – das Mittelmeer ist an diesem Strandabschnitt spiegelglatt. Bei »Rot« wäre erhöhte Vorsicht angesagt und bei »Schwarz« das Baden verboten. Der letzte Griff der morgendlichen Vorbereitungen geht in die Futtertüte für den Kanarienvogel. Dann sitzt Jossi auf seinem Posten. Mittlerweile ist es kurz nach sieben, die Schicht beginnt – und die deutsche Delegation unter der Leitung von Rouven Sperling klettert den Rettungsturm hinauf.

Basis Rouven Sperling hat den Austausch organisiert, inspiriert von den kulturellen und politischen Veranstaltungen, die rund um die Feierlichkeiten der 50-jährigen diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern stattfinden. »Wir können viel voneinander lernen. Im Lebensrettungsbereich gibt es eine breite gemeinsame Basis«, erklärt der 40-Jährige. Er selbst ist seit rund 20 Jahren bei der DLRG aktiv und so schweifen seine Augen immer wieder automatisch in Richtung Wasser, während er erzählt. Ein typischer Bademeister-Blick, den auch die israelischen Rettungsschwimmer wie Jossi, Stefan, Tal und Roni haben.

Das Wasser nicht aus den Augen lassen ist bei Weitem nicht die einzige Gemeinsamkeit – optisch hingegen sind die Rettungsschwimmer leicht den jeweiligen Ländern zuzuordnen. Während sich die deutsche Gruppe in voller rot-gelber DLRG-Montur am Strand zur ersten Übung versammelt, tragen die israelischen Retter nicht viel mehr als eine grüne Trillerpfeife um den Hals und die braun gebrannten Sixpacks über den Badehosen zur Schau. Rouven schmunzelt. »Warten wir zwei, drei Tage ab«, sagt er und muss grinsen.

Hassake-Board Das Wort übernimmt Tal Pilater und zeigt auf eine Art überdimensional großes Surfboard mit zwei Rudern. »In Israel retten wir viel mit dem Hassake«, erklärt der oberste Chef der 13 Rettungsstationen in Tel Aviv. Auf dem Hassake-Board haben zwei Lebensretter Platz, sowie das »Opfer«, wie der Gerettete im Training heißt. »Das ist viel stabiler, als man denkt«, erklärt die 19-jährige Medizinstudentin Natalie nach ihrer ersten Übungsrunde und vergleicht es mit einem Stand-up-Paddling-Bord, wie es von Freizeitsportlern benutzt wird.

Wer mit dem Hassake rettet, paddelt mit zwei Rudern zum Opfer. Erschöpfte werden an Hand und Bein aufs Brett gezogen, zwischen die Retter gelegt, und dann wird zurückgepaddelt. Bei fast oder ganz bewusstlosen Schwimmern springt einer ins Wasser und hebt mit an. »Im Zweifel kann man auf dem Hassake sofort mit der Wiederbeatmung beginnen«, erklären die israelischen Rettungsschwimmer ihren deutschen Kollegen. So ein Hassake könnte man auch gut an den Ostseestränden brauchen, ist die allgemeine Meinung. Und mit rund 1000 Euro Anschaffungskosten ist es auch nicht furchtbar teuer – zumindest im Vergleich zum Jetski, dem zweitwichtigsten Rettungsgerät in Israel.

Schwimmflossen Als die Deutschen nun ihre Rettungsmethoden vorführen, staunen die Israelis: Ein Retter rennt mit Schwimmflossen in der Hand ins Meer, während am Strand ein zweiter Kollege mit Erste-Hilfe-Rucksack auf dem Rücken und ausgestreckten Armen steht und dem Retter die Schwimmrichtung zum »Opfer« anzeigt. »Zehn Kraulschläge, dann umdrehen, Richtung optimieren und weiter kraulen«, erklärt Rouven Sperling. Bei starkem Wellengang könne der Schwimmer so am besten geleitet werden. Die israelischen Lebensretter nicken. Überzeugt sind sie nicht. Und mit Schwimmflossen wird in Israel schon gar nicht gerettet. Wenig später wissen die Deutschen auch, warum: Der feine Sand scheuert die Füße auf.

Im Oktober ist die israelische Delegation in Deutschland. Die Bedenken drehen sich jedoch weniger um die Rettungsmethoden, als um die Temperatur. Während die Deutschen »im 30 Grad warmen Wasser schier campieren« können, haben die Israelis vor einer zwölf Grad kalten Ostsee höchsten Respekt.

Vollzeitstelle In ganz Israel gibt es rund 300 Lebensretter, davon sind 71 allein in Tel Aviv im Einsatz. Auf den ersten Blick sieht das alles rosig aus: bezahlte Vollzeitstelle nach vier Jahren Ausbildung am weißen Sandstrand, neun Monate Sommer, kein Regen. Doch Paul aus Greifswald, der zum ersten Mal in Israel ist, versteht: »Bei den Unterhaltungen konnte man hören, dass an Familienleben im herkömmlichen Sinne nicht zu denken ist. Monatelang jeweils sieben Tage die Woche etwa zwölf Stunden lang arbeiten. Zu Hause könne man dann nur noch schlafen.« Im Sommer sind die 13 Tel Aviver Strandabschnitte von 7 bis 19 Uhr geöffnet, und von Oktober bis April sind sechs Strände zwischen 7 und 17 Uhr bewacht.

Zum Vergleich: In Deutschland besteht das DLRG-Rettungsnetzwerk aus rund 47.000 Freiwilligen, die die Ostseestrände, Seeufer und Flüsse bewachen. Lukas aus dem Erzgebirge verbringt beispielsweise einen Teil seines Jahresurlaubs als Lebensretter an der Ostsee. »In Deutschland bleibt der Turm oft leer, wenn wir jemanden retten, weil nicht genügend Retter da sind«, erklärt er den israelischen Kollegen. Die sind bass erstaunt. Und das bei den durchorganisierten Deutschen!

Abschlepp-Griff In Israel sind täglich pro Schicht drei bis vier Lebensretter vor Ort, einer ist immer auf dem Turm, um die Schwimmer zu beobachten. Am 14 Kilometer langen Tel Aviver Strand ist in diesem Jahr noch niemand ertrunken – jedenfalls nicht während der Zeit, in der die Lifeguards Wache schieben. An diesem Morgen wurde allerdings gegen sechs Uhr jemand gesichtet. Mit dem Gesicht nach unten. »Es macht mich wütend. Warum gehen die Menschen schwimmen, wenn wir nicht da sind?«, sagt Roni Nissim. Er ist der Leiter der Station am religiösen Strand. Er bleibt während der deutsch-israelischen Schulung auf Posten, während die anderen im Sand diskutieren, welche Vorteile und Nachteile der deutsche Abschlepp-Griff im Vergleich zum israelischen hat.

Am dritten Tag wird Rouven Sperlings These bestätigt: Auch die deutschen Lebensretter haben die T-Shirts ausgezogen, etwas Farbe bekommen und sitzen wie selbstverständlich mit den israelischen Kollegen im Rettungsturm. Kai, Paul und Lukas sind in der Station elf, am populären Frishman Beach. In ihrem Blog über den Austausch berichten sie: »Heute war der Himmel blau, es gab keinen Wind, und wir haben uns mit Stefan über wichtige Sachen unterhalten, wie beispielsweise die süßen Mädchen am Strand. Aber natürlich auch über Wetter, Strömungen und was wir ihnen im Oktober in Deutschland zeigen werden. Ich glaube, wir könnten auch in Israel gute Lifeguards sein, wir müssten nur ein bisschen mehr trainieren, um so athletisch auszusehen wie die Jungs hier.«

Geiselverhandlungen

Israels geheimer Draht zur Hamas

Ein ehemaliger Mitarbeiter des Geheimdienstes Schin Bet enthüllt in einem Interview erstmals direkte Gespräche mit der Führung der Terrororganisation nach dem 7. Oktober 2023

von Sabine Brandes  30.08.2026

Westjordanland

Auslandspresseverband in Israel fordert Schutz für Journalisten

Gewalttätige Siedler attackieren US-Journalisten im Westjordanland – der Auslandspresseverband warnt vor einem gefährlichen Trend

 30.08.2026

Knesset-Wahlen

Ein Wegweiser durch den Dschungel der israelischen Politik

Am 27. Oktober wählt Israel. Sie wollen mitreden, aber können die Parteien nicht auseinanderhalten? Willkommen im Klub. Die Israelis können es auch nicht

von Guy Katz  30.08.2026

Jerusalem

Geheimdienst: Netanjahus Sohn wegen Bedrohung aus USA zurück

Netanjahu hatte von iranischen Mordplänen gegen einen seiner Söhne gesprochen. Der Inlandsgeheimdienst bestätigt nun, Jair sei wegen einer akuten Bedrohung aus den USA nach Israel zurückgekehrt

 30.08.2026

Jerusalem

Netanjahu verurteilt Gewalt radikaler Siedler im Westjordanland

In Kusra belagern radikale Siedler seit drei Wochen mehrere Häuser palästinensischer Einwohner. Erstmals hat sich nun der Ministerpräsident dazu geäußert

 30.08.2026

Rehovot

Israelische Forscher melden Erfolg bei Krebsforschung

Forscher des Weizmann Institute of Science entdeckten gemeinsam mit amerikanischen Wissenschaftlern einen bislang unterschätzten Mechanismus bei der Entstehung genetischer Mutationen

 28.08.2026

Birmingham

Ermittlungen gegen früheren Polizeichef wegen Ausschluss israelischer Fußballfans

Der Ausschluss von Anhängern des israelischen Fußballclubs Maccabi Tel Aviv bei dessen Auswärtsspiel im November vergangenen Jahres in Großbritannien hat ein Nachspiel

 28.08.2026

Vereinte Nationen

Generalsekretär Guterres: UN-Sonderberichterstatter »völlig außer Kontrolle« in Bezug auf Israel

Der scheidende UN-Generalsekretär António Guterres hat die extreme Einseitigkeit einiger UN-Sonderberichterstatter bezüglich des jüdischen Staates eingeräumt. Eine allgemeine Voreingenommenheit der UNO gegenüber Israel sieht er aber nicht

 28.08.2026

7. Oktober

»Sie aßen Kuchen – als ob kein Skelett neben ihnen läge«

Die ehemalige israelische Geisel Evyatar David erzählt erstmals einem internationalen Sender vom Hunger, der Gefangenschaft in den Terrortunneln der Hamas und wie es ihm heute geht

von Sabine Brandes  27.08.2026