Tel Aviv

Bayerische Brotzeit

Sie liegen hinter Glas wie wertvolle Edelsteine. Ein kleines Mädchen steht auf Zehenspitzen davor und drückt sich die Nase an der Scheibe platt. »Bitte, bitte, Ima, ich will eins mit Schoko drauf«, ruft es verzückt ob der verlockenden Pracht in der Vitrine und kann es kaum abwarten, bis es seines gleich auf die Hand bekommt. Es gibt sie klassisch mit grobem Salz bestreut, gesundheitsbewusst aus Vollkornmehl, trendig mit Mandelhobeln oder verwegen braunweiß gestreift – echte bayerische Brezeln mitten in Tel Aviv.

Chamez Eine Theke mit Hockern vor dem kleinen Laden lädt ein, das lebendige Treiben auf der Straße zu beobachten, während man sich sein warmes Laugengebäck schmecken lässt. Zu sehen gibt es jede Menge, schließlich ist die Dizengoff Tel Avivs bekannteste Flaniermeile. Der Großteil der Kunden sind Leute, die vorbeispazieren und vom köstlichen Duft der frisch gebackenen Brezeln angelockt werden. Pessach bleibt aber auch hier die Backstube kalt. Da ist Eigentümerin Adi Ozeri‐Mechanik traditionell. »Wie das Fasten an Jom Kippur gehören in der Pessachwoche ausschließlich Mazzen auf den Tisch. Chamez kommt mir dann keins ins Haus.« Sonst aber ständig. Denn die 28‐Jährige verkauft nur, was sie selbst gern mag.

Ozeri‐Mechanik hat nicht einfach so einen Brezelladen aufgemacht, sie ist Konditorin mit Ambitionen. Ihre Angestellten tragen schwarze Schürzen mit dem orangefarbenen Logo und ein Lächeln auf den Lippen. Koscher ist hier nichts, lecker dafür schon. Ob süß oder salzig, im »Brezel« steht für jeden Geschmack etwas auf der Speisekarte: rustikal mit Schinken und Edamerkäse belegt, mit mediterranem Hauch dank Ziegenkäse und Oregano oder süß und kalorienreich mit Mascarpone und Nutella. Die verführerischen Snacks kosten zwischen fünf und 29 Schekel (ein bis sechs Euro). Ganz oben auf der Hitliste der Tel Aviver steht die Roquefort‐Apfelmarmeladen‐Brezel.

Matan Aschkenazy hat eine im Körbchen vor sich stehen, dazu genehmigt er sich ein Bier. »Ich habe hier meine erste Brezel gegessen und kann nur sagen, sie sind super.«

Idee Die große Leidenschaft von Ozery‐Mechanik ist es, Gastgeberin zu sein: »Ich verwöhne gern und tische am liebsten ganz groß auf.« Deshalb war klar für sie, am Ende ihrer Ausbildung etwas Eigenes aufzuziehen, anstatt irgendwo angestellt zu sein. Die Idee, in der Heimat Brezel zu backen, kam indes spontan, bayerische Wurzeln hat sie nicht. Bei einem Besuch bei Freunden in Zürich vor drei Jahren seien sie und ihr Mann einfach der Nase gefolgt und zu einem Straßenverkauf der geschwungenen Backwaren gelangt. Der anschließende Genuss ihrer ersten frischen Brezel habe sie zwar geschmacklich sofort überzeugt, den letzten Anstoß aber habe erst ihr Mann gegeben: »Du musst etwas machen, was es in Israel noch nicht gibt«, meinte der. Die Konditorin probierte und rührte fast ein Jahr lang am Rezept, bis die jetzige Mixtur fertig war und für perfekt befunden wurde.

Kaschrut Der Laden in Tel Aviv ist nicht koscher, »weil es zur Umgebung passt«, erklärt die Eigentümerin. Andere Filialen aber würde sie durchaus mit Kaschrutzertifikat betreiben wollen, zum Beispiel in Jerusalem oder Raanana. »Unsere Läden sollen sich in die Umgebung einpassen, in einer religiöseren Gegend sollten sie koscher, in einer Straße mit vielen Nachtschwärmern vielleicht rund um die Uhr geöffnet sein.« Die Dizengoff 65 soll nicht die einzige Adresse sein, wo Israelis und Touristen die bayerische Spezialität genießen können. Weitere Filialen sind geplant. Ozery‐Mechanik backt nicht nur gern, sie ist auch Geschäftsfrau: »Das muss auch so sein, es handelt sich ja um ein sehr preiswertes Produkt, da muss man viel verkaufen, um Profit zu machen.«

Der Laden läuft, doch die einzige Werbung, die sie je gemacht hat, war ein großer Korb voller Brezeln, der kurz nach der Eröffnung an die deutsche Botschaft in Tel Aviv ging. Die Damen und Herren dort haben offenbar öfter Appetit auf heimische Genüsse. »Ja, es hat sich gelohnt«, freut sich die Konditorin, »sie gehören heute zu meinen Stammkunden.«

»Brezeln sind etwas Wundervolles«, sagt die Frau, die sich auch nach über einem Jahr im eigenen Laden weder an ihren Backwaren satt gegessen noch gesehen hat: »Und wer sie genau anschaut, der entdeckt, dass sie ein Lächeln zeigen.«

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