Tel Aviv

Auszeit an der Schiene

Zwischen Neve Tzedek und Florentin schlängelt sich der Park durch die Stadt. Foto: Sabine Brandes

Unter ihnen zischt die Stadtbahn, und daneben sausen die Fahrradkuriere hin und her. Doch genau hier packen die Tel Aviver an Wochenenden und lauen Sommerabenden mit Vorliebe ihre Picknickkörbe aus: Der Park HaMesila entlang der alten Eisenbahn aus osmanischer Zeit ist der Geheimtipp für eine Pause im Grünen, bei der man die Stadt nicht einmal verlassen muss.

Übersetzt heißt das Areal »Park der Schiene«, und das aus gutem Grund. Denn er verläuft entlang der stillgelegten historischen Eisenbahnstrecke von Jerusalem nach Jaffa in Richtung Meer. Die 1892 unter der Leitung des Jerusalemer Geschäftsmannes Joseph Navon eröffnete Bahn war die erste im osmanisch beherrschten Palästina. Der allererste Zug im Nahen Osten dampfte allerdings schon 1854 in Ägypten los.

Angelegt während der Pandemie, wurde der Park in Abschnitten eröffnet

Angelegt wurde der Park HaMesila fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit, und zwar während der Pandemie. In Abschnitten wurde er dann eröffnet. Schon in den ersten Tagen zeigte sich, dass er genau den Bedürfnissen der Städter entsprach, sofort wurde die Anlage begeistert angenommen. In der Metropole am Mittelmeer, die für ihre unermüdliche Energie bekannt ist, schlängelt sich nun ein Stück Ruhe durch die geschäftigen südlichen Viertel.

Der Park veranschaulicht den städteplanerischen Ansatz, historische Infrastruktur modern umzugestalten. Das Projekt basiert auf einer komplexen Zusammenarbeit zwischen Architekten, Denkmalschützern und Landschaftsarchitekten. »Denn wir wollten die Geschichte nicht auslöschen, sondern darauf aufbauen«, erklärt die Landschaftsarchitektin Tamar Shalev, die an dem Projekt mitgearbeitet hat. »Es ging uns darum, die Vergangenheit zu würdigen und gleichzeitig etwas für Gegenwart und Zukunft zu schaffen.«

Bewusst soll die Gestaltung des Parks seine Geschichte widerspiegeln: Der Fußgängerweg mit seinen parallel verlaufenden Einlassungen erinnert an die hölzernen Eisenbahnschwellen, die einst hier lagen, während Elemente wie die Brücke an der den Park kreuzenden Aharon-Chelouche-Straße sowie Stützmauern aus den Originalsteinen entlang den Böschungen als subtile Denkmäler an die Vergangenheit erinnern.

Umweltplaner loben das Ergebnis

Umweltplaner loben das Ergebnis nicht nur für die Wiederverwendung von brachliegenden Arealen, sondern auch dafür, dass der Park Gemeinschaften in der Stadt schafft, die Lebensqualität verbessert und das kulturelle Gedächtnis bewahrt. Und das alles, ohne die urbane Fläche zu vergrößern.

»Wir mussten nichts Neues bauen«, betont Tamar Shalev. »Wir mussten das Alte nur anders betrachten und nutzen.« Und so wurde die stillgelegte Bahnstrecke als 1,3 Kilometer langer Stadtpark wiedergeboren, der sich zwischen den Stadtvierteln Neve Tzedek und Florentin schlängelt und das Zentrum mit dem Rand der Altstadt von Jaffa und dem Strand zusammenführt.

An einer Stelle ist ein Outdoor-Fitnessstudio angelegt

Überall gibt es Schattenspender, an einer Stelle ist ein Outdoor-Fitnessstudio angelegt, in dem vor allem nach Einbruch der Dunkelheit die Tel Aviver ihre Muskeln spielen lassen. »Ich brauche kein Abo fürs Fitness-Studio, ich gehe einfach dreimal die Woche in den Park«, freut sich Ofir Shenzur, der um die Ecke wohnt und hier Gewichte stemmt. »Es kostet nichts, und die Luft ist allemal besser.«

Die Einzigartigkeit des Parks wird noch verstärkt durch das, was sich unter ihm verbirgt: die Rote Linie der Stadtbahn, Teil des neuen öffentlichen Nahverkehrssystems von Tel Aviv. Der Stadtbahntunnel wurde direkt unter HaMesila verlegt, was ihn zu einem der wenigen Parks weltweit macht, die über einer solchen Infrastruktur gebaut wurden.

Ingenieure und Landschaftsdesigner arbeiteten Hand in Hand, um sicherzustellen, dass der Tunnel mit einem begrünten Korridor überzogen werden konnte. Das Ergebnis ist ein Raum mit doppelter Nutzung: unten Verkehr, darüber Entspannung.

Wenn man oben sitzt, merkt man von dem Verkehr darunter kaum etwas

Wenn man oben sitzt, merkt man von dem rasenden unterirdischen Ungetüm tatsächlich kaum etwas. Auf den Rasenflächen entlang der Schienen relaxen und plaudern Pärchen und kleine Gruppen von Leuten. Kinder toben auf dem Spielplatz.

HaMesila ist viel mehr als nur eine Grünfläche. Dank der Cafés, Bars, Restaurants, dem Graffiti-Kiosk »Rogers Park«, einem Gemeindezentrum und dem beliebten Klub »Teder« in seiner Mitte hat er sich schnell zu einem kulturellen und sozialen Treffpunkt entwickelt, der Einheimische und Touristen gleichermaßen anzieht.

»Der Park hat den Rhythmus des Südens der Stadt wirklich verändert«, lobt David Weiss, der in Neve Tzedek wohnt. »Hier bei uns war es verschlafen und etwas langweilig. Der Park brachte jede Menge Leben und ist Erholungs- und Ausgehort zugleich. Dazu ist er eine bequeme Verbindung zwischen verschiedenen Gegenden der Stadt, mit dem Rad komme ich jetzt viel schneller von A nach B.«

Das Angebot im Süden der Stadt wurde sofort begeistert angenommen.

Auch in Jerusalem gibt es nun da, wo einst alte Bahntrassen von Unkraut überwuchert waren, einen hübschen Park entlang der alten osmanischen Eisenbahnlinie auf einer Strecke von sieben Kilometern von Nahal Refaim im Osten bis Emek Refaim im Westen.

Während veraltete Verkehrsinfrastruktur, oftmals inmitten der Stadt gelegen, kommunalen Planern zumeist Kopfzerbrechen verursacht, bieten diese Parks einen originellen Ansatz für die urbane Erneuerung.

Der Erfolg von HaMesila kann durchaus mit Projekten wie der New Yorker High Line oder der Pariser Promenade Plantée verglichen werden, jedoch mit einem unverwechselbaren Tel-Aviv-Flair – sonnendurchflutet und rund um die Uhr voller Leben.

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