Israel-Preis

Aufstand der Autoren

Es sieht so aus, als würde die renommierteste Auszeichnung des Landes in diesem Jahr nicht verliehen werden – zum ersten Mal in mehr als sechs Jahrzehnten. Dabei ist es nicht so, als ob es keine Kandidaten gäbe. Im Bereich Literatur waren die Top-Schriftsteller des Landes nominiert, darunter David Grossman, Chaim Be’er und Sami Michael. Doch die wollen den Preis nicht mehr. Nachdem Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sich in die Besetzung des Auswahlgremiums eingemischt hatte, proben die Autoren den Aufstand.

Ende vergangener Woche hatte der Regierungschef aus heiterem Himmel ein Veto gegen zwei im Bereich Literatur nominierte Juroren eingelegt: Avner Holtzman und Ariel Hirschfeld. Woraufhin die fünf verbleibenden Mitglieder des Gremiums kollektiv ihren Hut nahmen. Netanjahu verkündete anschließend trotzig auf seiner Facebook-Seite: »Mit den Jahren haben immer mehr Radikale, darunter auch Antizionisten, Einzug in das Gremium gehalten. Stattdessen gibt es zu wenig authentische Repräsentanten anderer Teile der Nation.«

Exempel Ariel Hirschfeld, einer der Betroffenen von Netanjahus Einmischung, konterte: »Diese Botschaft ist eine Beleidung des Zionismus und zeugt von Hass auf die literarische Welt.« Noch nie zuvor hatte ein Politiker in die Belange des Preises eingegriffen. Und infolgedessen gibt es derzeit niemanden, der entscheiden könnte, wer den Preis erhalten soll. Auch Juroren aus den Bereichen Film und Literaturrecherche reichten ihren Rücktritt ein. Von 13 Mitgliedern sind lediglich noch zwei auf ihrem Posten.

Doch es blieb nicht bei den Preisrichtern. Kurz darauf setzten auch die für die Auszeichnung Nominierten ein Exempel: darunter der international ausgezeichnete Schriftsteller David Grossman, der im Fernsehen erklärte, er habe sich zu diesem Schritt entschlossen, weil »Netanjahus Aufwiegelung gegen Israels Wissenschaftler und Autoren eine zynische und destruktive Taktik ist, die die Freiheit des Geistes, des Denkens und der Kreativität zerstört. Und ich weigere mich, dabei mitzumachen.«

Ablenkung Auf Initiative des Vorsitzenden der Arbeitspartei, Isaac Herzog, forderte Generalstaatsanwalt Jehuda Weinstein den Regierungschef schließlich auf, eine Einmischung in die Besetzung des Gremiums zu unterlassen. Netanjahu zog sein umstrittenes Veto zurück, und Herzog verkündete seine Interpretation des Skandals: »Bibi hatte nie vor, die Juroren wirklich abzusetzen. Stattdessen wollte er ein neues Ablenkungsmanöver schaffen, damit die Leute die Dunkelheit vergessen, die er in sechs Jahren im Amt geschaffen hat. Er hat uns Dunkelheit in Sachen Sicherheit gebracht, bei den Lebenshaltungskosten, bei den Wohnungen. Doch keine Ablenkung wird ihm helfen.«

Verschiedenen Medienberichten zufolge hatte das Bildungsministerium das Büro des Regierungschefs zuvor sogar gewarnt, einen derartigen Schritt zu unter- nehmen, da es sonst so gut wie unmöglich werden würde, einen Ersatz für die Juroren zu finden – und der Preis somit nicht verliehen werden könnte. »Denn die Größen der Literatur werden den Israel-Preis nun meiden«, so die Begründung. Und genau das ist auch passiert.

Denn obwohl der Premier zurückruderte, beharren die Kandidaten auf ihrem Protest. Sie wollten damit »gegen die eindeutige Politisierung des Preises demonstrieren«, sagte einer der zurückgetretenen Literaturexperten, Nissim Calderon. Yigal Schwartz, Literaturwissenschaftler an der Ben-Gurion-Universität, schimpfte im Armeeradio: »Dies ist kein bloßer Fehler, sondern ein weiterer Schritt in Netanjahus absichtlicher Politik, die Elite Israels zu unterlaufen, um Stimmen von anderen Gruppen zu erhalten. Es ist eine Sabotage, gegen die man aufbegehren muss.«

Botschaft Staatspräsident Reuven Rivlin indes richtete seine Bitte an alle, an den gemeinsamen Tisch zurückzukehren. »Der Israel-Preis ist uns allen wichtig. Er ist ein verbindendes Element für unsere Gesellschaft. Wir müssen ihn wahren und schützen«, appellierte Rivlin.

Der Autor Eli Amir, der für einen der Jurorenposten vorgesehen war, diesen jedoch ablehnte, sieht das anders: »Man sollte in diesem Jahr nicht so tun, als sei nichts geschehen. Denn nur so senden wir die Botschaft: Die Politik darf sich nicht in die Kultur einmischen.« Amir kritisierte Netanjahu scharf für seine Manipulation. »Der Likud hat gerade einmal 18 Mandate. Aber seine Politiker benehmen sich, als wären sie Diktatoren, und drücken allem und jedem einen Stempel auf. Alle, die nicht auf ihrer Linie sind, gelten als Antizionisten, und ihr Ruf wird zerstört.«

Auch die für ihr Lebenswerk nominierte Ruth Dayan will den Preis unter diesen Bedingungen nicht annehmen. Die Aktivistin und Witwe des Generals und Außenministers Mosche Dayan, die in diesem Jahr 98 wird, erklärte: »Beim Israel-Preis geht es nicht um Rechts oder Links. Es ist unglaublich, dass der Ministerpräsident sich in die Preisvergabe einmischt. Ich habe so etwas noch nie gehört, und unter diesen Umständen will ich keine Kandidatin sein.«

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