Jerusalem

Auferstanden aus Ruinen

Erhaben steht sie wieder da, bestaunt von Touristen wie Einheimischen gleichermaßen. Sie schauen an ihr hoch, zücken ihre Kameras oder bewundern einfach wortlos. Ganz im gelben Jerusalemer Sandstein erbaut, erstrahlt die Hurva-Synagoge im Herzen des jüdischen Viertels der Altstadt in frischem Glanz. An die Ruine von einst erinnert lediglich noch der große Bogen, der in das neue Bauwerk integriert wurde.

Vor wenigen Tagen ist das Gotteshaus feierlich eingeweiht worden, doch in den Innenräumen sind auch danach an manchen Ecken noch Maler mit Pinsel und Farbe am Werk, schrauben die Handwerker. Zum ersten Mal seit mehr als 62 Jahren haben sich in der Hurva wieder Männer und Frauen an Pessach zum Gebet versammelt. Und dafür sollte alles perfekt sein.

Vor dem Platz der Synagoge sitzen junge Leute mit ihren Laptops auf einer Steinmauer, viele haben ihre Jacken ausgezogen, es ist ein warmer Frühlingstag. Einer von ihnen ist Avi Tich. Der junge Amerikaner studiert für ein Jahr an einer Jerusalemer Jeschiwa. Warum sitzt er gerade hier? »Weil ich das Flair des jüdischen Viertels mag und die Hurva unheimlich inspirierend finde.«

Als er vor sechs Jahren schon einmal zu Besuch war, lag das traditionsreiche Gotteshaus noch in Trümmern. »Gerade habe ich meiner Familie in den USA eine E-Mail geschrieben, wie sehr ich mich freue, dass die Synagoge endlich aufgebaut ist. Jetzt ist die Atmospähre wieder stimmig, das ist ein gutes Zeichen für ganz Jerusalem.«

Geschichte Hurva ist Hebräisch und heißt Ruine. Die Geschichte der Synagoge ist von Zerstörung geprägt: 1700 ließ sich eine Gruppe von Immigranten, angeführt von Rabbi Jehuda HaJassid, im aschkenasischen Viertel der Jerusalemer Altstadt nieder. Doch offenbar hatte sich die kleine Gemeinde mit dem Bau des Gotteshauses übernommen. Aus Wut, dass die Schulden nicht beglichen wurden, brannten die Geldgeber 1720 die Synagoge nieder.

Über ein Jahrhundert lag der Platz brach, und das Gebäude ging als Ruine des Rabbi Jehuda HaJassid in die Geschichte ein. Im 19. Jahrhundert machten sich Hunderte von Schülern des Gaons von Wilna daran, ein neues Haus des Gebets an diesem Platz zu errichten. 1864 wurde es feierlich unter dem Namen Beit Jaakov eröffnet und stieg binnen kurzer Zeit zur wichtigsten Synagoge in der Stadt auf. 1948 jedoch legten arabische Legionen das Gebäude im Unabhängigkeitskrieg erneut in Schutt und Asche. Und wieder passte der Name Hurva.

Erst nachdem Israel im Sechstagekrieg von 1967 die Kontrolle über das jüdische Viertel in der Altstadt erlangt hatte, konnten die Restaurierungsarbeiten beginnen. Der große Bogen, der einst Eingang war, wurde wieder aufgebaut und stand seitdem als Mahnmal der Zerstörung. Es sollte jedoch fast 40 weitere Jahre dauern, bis die Entscheidung zum Neubau getroffen wurde. 2005 schließlich begannen die Bauarbeiten.

Muslime Der Wiederaufbau hatte die Kritik der Palästinenser heraufbeschworen, die Hamas rief sogar einen Tag des Zorns aus, weil die Arbeiten der Besatzer in Jerusalem die Al-Aksa-Moschee gefährdeten. Am Tag der Einweihung sicherten 3.000 Polizisten die Gegend. Die befürchteten Ausschreitungen blieben aber aus. Tatsächlich liegen Tempelberg und Moschee mehr als 300 Meter Luftlinie vom Platz der Hurva entfernt und haben nichts miteinander zu tun.

Das israelische Außenministerium sagte, dass, während sich Israel der Religionsfreiheit für alle Glaubensrichtungen verpflichtet fühle, muslimische Extremisten den Anlass für ihre politischen Zwecke missbrauchten. Vorwürfe, diese Arbeiten seien erst der Beginn für den Bau eines dritten Tempels an der Stelle, wo sich heute der Felsendom befindet, tat Israels aschkenasischer Oberrabbiner Yona Metzger als bösartige Verleumdung ab.

Rekonstruktion Bei der Rekonstruktion, die Teil der bereits vier Jahrzehnte andauernden Restaurierung des jüdischen Viertels ist, haben sich die Architekten genauestens an die Originalpläne des vorangegangenen Baus gehalten. Sie wahrt den Originalzustand und die ursprünglichen Dimensionen, wie sie damals von den osmanischen Herrschern genehmigt worden waren.

Das Innere der Synagoge ist freundlich, mit goldgelbem Stein und hellem Holz eingerichtet. Durch die bunten Glasfenster scheint die Jerusalemer Nachmittagssonne. In der Mitte des Saales steht die freistehende Bima, das Lesepult, verziert mit schwarzen und goldenen Ornamenten. Die zentrale Position ist klassisch für aschkenasische Synagogen.

Knessetsprecher Reuven Rivlin las bei der Einweihung eine Beschreibung des Gotteshauses vor, die sein Urgroßvater vor der letzten Zerstörung geschrieben hatte: »Von den Hügeln, die Jerusalem umgeben, erhebt sich die Hurva. Und wie sie sich erhebt, erinnert sie an einen Mond unter den Sternen am Himmel.«

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