Teddy Kollek

Auf den Spuren des Löwen

Jeden Morgen wachte er mit der Sonne auf, spazierte durch seine Stadt. Ganz allein und ohne Leibwächter. Notierte fehlende Schilder, kaputte Abfalleimer, hörte sich die Sorgen der Straßenarbeiter und Gärtner vor ihren Einsätzen an, wünschte einen schönen Tag. Teddy Kollek, der legendäre Bürgermeister von Jerusalem, leitete die Geschicke der Stadt nicht vom Elfenbeinturm aus, sondern von der Straße, Hand in Hand mit den Menschen, die in ihr wohnen. Am 27. Mai feiert Jerusalem seinen 100. Geburtstag.

Kollek wurde 1911 in einem Örtchen an der Donau geboren und wuchs in Wien auf. 1934 zog die Familie nach Palästina, hier half er beim Aufbau des Kibbuzes Ein Gev. Nach der Unabhängigkeit holte ihn Premierminister David Ben Gurion in die Regierung und schlug ihm bald vor, sich um das Amt des ersten Bürgers von Jerusalem zu bewerben.

Er tat es, und war von da an Chef eines armen, wenig entwickelten und geteilten Ortes. Doch Abfinden war seine Sache nicht. Voller Leidenschaft arbeitete er unermüdlich daran, Jerusalem zu einer modernen, lebendigen Stadt zu machen. Und setzte sich genauso überzeugt für die Koexistenz ein. »Die Jerusalemer müssen einen anderen Weg finden zusammenzuleben, als eine Trennlinie in den Sand zu zeichnen«, war er überzeugt. Die Städter dankten es ihrem Teddy, wie ihn jeder nannte, indem sie ihn sechsmal wie-
derwählten.

Projekte In den fast drei Dekaden als Bürgermeister initiierte er mehr als 1.400 unterschiedliche Projekte im Rahmen der Jerusalem Foundation (JF), die Kollek 1966 gründete. Darunter Parks und Gemeindezentren, den Botanischen Garten und das Israel Museum. Er habe mehr für Jerusalem getan, als jeder andere vor und nach ihm, sind sich die Menschen einig. »Es ging Teddy vor allem um drei Dinge«, weiß Irene Pollack-Rein, Leiterin der Abteilung deutschsprachige Länder in der JF, »Kultur, Koexistenz und Gemeinschaft«.

Zuallererst müsse dabei der Zoo erwähnt werden. »Wie er damals diesen schrecklichen, alten Tierpark gesehen und ihn zu einem der schönsten überhaupt gemacht hat, das war genau seine Art«, entsinnt sie sich. Er habe Ultraorthodoxe und Säkulare nebeneinander spazieren sehen, arabische und jüdische Kinder über die Affen lachen, die Giraffen und Löwen bestaunen. »Genauso ist es heute«, freut sich Zoodirektor Shai Doron, »wir sind ein wahrer Treffpunkt für alle Menschen dieser Stadt geworden«. Wie sehr Teddy den Tierpark liebte, bewies er immer wieder. Hier feierte er seinen 90. Geburtstag, hierhin führte ihn einer seiner allerletzten Besuche.

Oft hatte man hinter vorgehaltener Hand gemunkelt, Kollek verstünde sich besser mit Künstlern als mit Politikern. »Die Kultur war ihm eindeutig besonders ans Herz gewachsen, das Israel Museum praktisch sein zweiter Hut«, weiß Pollak-Rein. In einer Biografie stand: »Oft wollten mir Freunde Bilder schenken. Doch es hat keinen Sinn, wenn ich keine Wände habe.«

Das war der Beginn des einzigartigen Museums. Im vergangenen Jahr wurde umgestaltet. Würde es ihm noch immer gefallen? »Ich glaube schon«, meint die Frau, die noch mit Kollek zusammengearbeitet hat, »denn das ursprüngliche Konzept der flachen Beduinenstadt ist beibehalten worden. Am wichtigsten aber ist, dass es dem Haus gutgetan hat. Und damit hätte es auch Teddy gutgetan.«

Das David-Turm-Museum in der Nähe des Jaffatores in der Altstadt habe er 1967 als Ruine vorgefunden. »In seiner Weitsicht hat er aber schon damals ein Museum dahinter gesehen. Und er sollte recht behalten, es ist hervorragend geworden«. Ein anderes wunderbares Beispiel für seinen Einsatz und Tatendrang sei die Cinematheque, die sich wachsender Beliebtheit im ganzen Land erfreut.

Koexistenz Besonders stolz sei er auf die Einrichtungen zur Koexistenz gewesen, darunter das arabische Gesundheits-Tageszentrum in Scheikh Jarrah. Die Jerusalem Foundation hat es nach Kolleks Motto bauen lassen, dass alle Menschen dieselben Dienstleistungen erhalten sollen. »Genauso wollte er gleiche Bildungschancen.« Heute steht dieses Bemühen im arabischen Bab el Zahra in Form der arabischen Zentralbibliothek. Einer der Schwerpunkte seiner Arbeit war auch der Bau von Gemeinschaftszentren. Pollack-Rein: »Noch heute erledigen diese Zentren, fast alle von der Foundation gebaut, ganz wichtige Arbeit im Jerusalemer Alltag.«

Doch es sind nicht nur die großen Häuser, die das Jerusalem des Teddy Kollek ausmachen. Es sind auch die kleinen Plätze, die ihm wichtig waren. So kümmerte er sich zeitlebens um den Bau von Spielplätzen für jüdische und arabische Kinder. Mindestens 120 sind zu seinen Lebzeiten eingerichtet worden und stehen noch im-
mer. Er erklärte einmal: »Die unterschiedlichen Gruppen wollen sich ja nicht treffen, wenn sie sich begegnen, dann geschieht es zufällig an bestimmten Plätzen, und daraus kann dann etwas erwachsen.«

Stiftung Mit der Jerusalem Foundation werde das Werk von Teddy Kollek auch heute noch tagtäglich fortgesetzt. »Und um das in Zukunft tun zu können, brauchen wir Freunde in aller Welt«, betont die Frau von der JF. Jüngstes Projekt, für das noch Geldgeber gesucht werden: ein Zentrum für gehörlose arabische und jüdische Kleinkinder in Abu Tor.

Mehr als einmal hat Teddy Kollek gesagt: »Ich durchquere die Stadt und das Herz geht mir auf.« Es ist nicht mehr alles so wie damals. Das Gebäude, in dem er einst mit Vorliebe seinen Kaffee trank, beherbergt ein Schnellrestaurant. Bei seinem Stammfriseur in der Ben-Yehuda-Straße werden schon lange nicht mehr nur Haare geschnitten, sondern stattdessen auch Schönheitsprodukte vom Toten Meer an Touristen verkauft.

Am 2. Januar 1997 starb Kollek mit 95 Jahren in seiner Stadt. Heute verläuft das Zusammenleben zwischen jüdischen und arabischen Einwohnern nicht so reibungslos, wie er es sich erhofft hatte. Immer wieder kommt es zu Spannungen. Ob ihm die neuen Hochhäuser, alle Schnellstraßen und politischen Entwicklungen gefallen würden, darüber kann man nur spekulieren.

Doch der »Löwe von Jerusalem«, der auf dem Herzl-Berg beigesetzt ist, hat seinen unverkennbaren Fingerabdruck hinterlassen. Es ist und bleibt seine Stadt. Könnte er, würde er sicherlich dieser Tage noch spazieren gehen und verkünden: »Ich gehe kreuz und quer durch Jerusalem – und meine Augen können sich nicht sattsehen.«

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