Iran

Auf alles vorbereitet

Brennende Israel- und US-Flagge in Teheran Foto: imago images/ZUMA Press

In Israel ist man dieser Tage gespalten. In die Erleichterung über die Tötung des iranischen Generals Qassem Soleimani durch amerikanisches Militär mischt sich die Sorge vor Racheakten. Diese Ambivalenz zieht sich durch das Sicherheitsestablishment, politische Parteien aller Couleur bis in die Bevölkerung.

Froh ist man über das Ende des Mannes, der als das Gesicht der iranischen Expansionspolitik galt, der oft persönlich an den Fronten unterwegs war, ob in Syrien oder im Irak. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu dankte US-Präsident Donald Trump für sein entschlossenes und schnelles Vorgehen. »Soleimani ist für viele Terroranschläge im Nahen Osten und anderswo verantwortlich«, so Netanjahu. »Er hat sie angeregt, geplant und ausgeführt.«

Trump Selbst Kritiker von Trump bescheinigen ihm, dass der Angriff auf den Chef der Quds-Brigaden klug gewesen sei, da er einen weltweit bekannten Top-Militär mit engsten Verbindungen zum Regime ins Visier nahm, nicht auf iranischem Boden geschah und keine Zivilisten tötete. Außerdem, meinen viele, hatte Washington bereits lange genug im Angesicht der zahlreichen iranischen Provokationen stillgehalten.

Danny Orbach, Militärhistoriker an den Instituten für Geschichte und Asiatische Studien der Hebräischen Universität in Jerusalem, bestätigt: »Der Mainstream in Israel ist glücklich und stolz. Nur ganz wenige bezweifeln, dass die Tötung legitim und eine gute Tat war.«

ALARMBEREITSCHAFT Besorgt ist man beim engsten Verbündeten der USA im Nahen Osten jedoch, was die Töne aus Teheran betrifft. »Tod Israel – Tod den USA«, schreien die Demonstranten ohne Unterlass, während die beiden brennenden Flaggen im Hintergrund lodern. Mohsen Rezaei, ein früherer Kommandeur der Revolutionsgarden, drohte einen Angriff auf Haifa an. Dass irgendeine Revanche aus dem Iran kommen wird, darüber sind sich die meisten Experten einig. Ganz oben auf der Liste dafür dürften allerdings vorerst amerikanische Ziele stehen, wie der Abschuss von über einem Dutzend iranischer Raketen auf amerikanische Militärstützpunkte im Irak zeigt.

Gleichwohl erklärte das israelische Militär, in erhöhter Alarmbereitschaft zu sein. Zum einen kann der Iran durch seine Verbündeten, allen voran der schiitische Hisbollah-Anführer Hassan Nasrallah, Anschläge auf israelische Ziele ausführen, und auch die Hamas und der Islamische Dschihad in Gaza könnten motiviert werden. »Sie werden auf den richtigen Moment für eine Racheattacke warten«, meint Politik-Analyst Ron Ben-Yischai. »Vielleicht feuern sie aus dem Norden oder aus Gaza nach Israel.« Sowohl Nasrallah als auch die Hamas sandten Beileidsbekundungen gen Teheran. Die Anführer aus dem Gazastreifen reisten sogar extra zur Beerdigung Soleimanis in den Iran. Sehr zum Unmut des Nachbarn Ägypten übrigens, der als ausgesprochener Gegner des Regimes in Teheran gilt.

Das israelische Militär äußerte sich am Montag direkt: »Wir überwachen die Ereignisse vom Rande aus«, sagte der Leiter des südlichen Kommandos der IDF, Herzl Halevi, bei einer Konferenz in Jerusalem. »Wir müssen diese Art der Tötungen als Schlacht zwischen dem Iran und den USA über den Charakter des Irak ansehen.« Zwar ist er sicher, dass der Tod Soleimanis eine Auswirkung auf sein Land haben werde, »aber Israelis spielen nicht die Hauptrolle«.

Gaza Es sei gut, dass es so weit weg geschehen ist. Bislang habe die Armee keinerlei Aktivitäten des Islamischen Dschihad, der durch den Iran finanziert und aufgerüstet wird, als Reaktion auf den Tod des Generals feststellen können. Man habe dem Islamischen Dschihad einen kräftigen Schlag verpasst, fügte Halevi noch hinzu. Im Allgemeinen sei die Lage in Gaza instabil, allerdings hätten sich die Bedingungen für einen potenziellen langfristigen Waffenstillstand mit der Hamas verbessert. Zusammenfassend sagte er: »Wir sind auf jedes Szenario 2020 vorbereitet.«

Die Armee stellt sich auf jedes Szenario ein.

Wie das in Sachen Rache aussehen könnte, darüber herrsche in Sicherheitskreisen eine einhellige Meinung vor, weiß Orbach. »Allein die Logik sagt, dass sich Vergeltungen gegen die USA richten werden. Das Risiko, dass auch Israel Zielscheibe ist, wird derzeit als recht gering eingeschätzt. Vielleicht könnten jüdische Einrichtungen im Ausland angegriffen werden, aber auch da ist die Wahrscheinlichkeit nicht hoch.« Derzeit würde das Regime in Teheran Jerusalem nicht direkt beschuldigen. Dass es einen Folgeangriff geben werde, darüber sind sich die Fachleute ebenfalls einig.

»Ja, er wird kommen, denn es würde Washington zeigen, dass der Iran es ernst meint. Und das wird das Regime in jedem Fall hervorheben wollen.« Auch aus diesem Grund ergebe es zunächst wenig Sinn, wenn Teheran statt den USA Israel angriffe. Dies könne sich im Fall eines Krieges zwischen den USA und dem Iran allerdings ändern. »Denn militärische Auseinandersetzungen tendieren zur Eskalation«, so Orbach. »Und da Israel als sehr enger Verbündeter der USA in der Region angesehen wird, könnte es hineingezogen werden.«

Immerhin, gibt der Experte zu bedenken, hat der Iran bei der Hisbollah ein ganzes Arsenal von weit reichenden Raketen gebunkert, die im Kriegsfall auf Israel gefeuert werden könnten. Aber das, ist Orbach sicher, würden die Anführer in Teheran erst dann erlauben, »wenn die Lage für den Iran richtig schlecht aussieht«. Das strategische Ziel ist es, die USA komplett aus Nahost zu vertreiben. Ein Angriff auf Israel bringe dafür wenig.

KRIEG Die Chance, dass es zu einem Krieg kommt, hält Israels Sicherheits­establishment nach Aussagen von Orbach »für gering, aber real«. Trump wolle vor den nächsten Wahlen ganz sicher keinen Krieg, und das Teheraner Regime wisse, dass es für sein Land verheerende Folgen haben würde, die es kaum riskieren wolle. »Allerdings haben Kriege oft schon durch fälschliche Annahmen oder Missverständnisse begonnen.« Der US-Präsident sei dafür prädes­tiniert. »Denn seine Außenpolitik ist impulsiv und zusammenhanglos.«

Trumps Aussage, dass die USA im Extremfall kulturelle Stätten im Iran zerstören würden, hält Orbach für »totalen Wahnsinn«. »Netanjahu hat daran mit Sicherheit kein Interesse. Er will, dass die Sanktionen weitergehen. Doch selbst, wenn Trump so weit gehen würde, gäbe es kaum Kritik vonseiten unserer Regierung. Allein aus strategischer Sicht hält man zu Trump.«

»Alles in allem wird die Tötung von Soleimani in Israel als gutes Zeichen angesehen, dass die USA im Nahen Osten nach wie vor eine Rolle spielen. Vor allem nach ihrem Ad-hoc-Rückzug aus Syrien, bei dem die Kurden die Leidtragenden waren.« Außerdem sei damit den militärischen Kräften der Quds-Brigaden ein großer Schaden zugefügt worden, was definitiv in Jerusalems Sinne sei.

»Doch nicht nur in Israel ist man froh«, weiß Orbach. In den sozialen Netzwerken sah er überwiegend positive Kommentare zum Tod Soleimanis von Leuten aus arabischen Ländern, vor allem Saudi-Arabien und Syrien, wo er für Tod und Zerstörung verantwortlich war. »Es war überraschend«, sagt er, »aber es gab eine richtige Freudenfeier.«

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