Israelische Studie

Armes Land

Jeder Vierte hat nicht genug zum Leben. Hilfsorganisationen steuern dagegen

von Sabine Brandes  14.12.2015 18:31 Uhr

22 Prozent der 8,4 Millionen Israelis leben unter der Armutsgrenze. Foto: Flash 90

Jeder Vierte hat nicht genug zum Leben. Hilfsorganisationen steuern dagegen

von Sabine Brandes  14.12.2015 18:31 Uhr

Fast jeder vierte Israeli ist arm und wird sogar immer ärmer. Der jüngste Bericht zur Armut, der in der vergangenen Woche vom Nationalen Versicherungsinstitut Bituach Leumi (NII) veröffentlicht wurde, offenbart eine traurige Realität: Mehr als 1,7 Millionen Einwohner Israels fallen unter die Armutsgrenze. Dazu zählt auch jedes dritte Kind. Von allen westlichen Ländern sind nur die Menschen in Mexiko noch ärmer als die im jüdischen Staat.

Jedes Jahr wird die Studie aus Angaben des zentralen Statistikbüros erstellt und anschließend mit denen aus dem Vorjahr verglichen. Die Bilanz ist erschreckend, sämtliche Werte sind angestiegen. Während 2013 rund 23 Prozent der Familien mit Kindern als arm galten, waren es 2014 schon 23,3 Prozent.

Auch die Zahl der älteren Armen stieg von 22,1 auf 22,3 Prozent. Die Anzahl der notleidenden Kinder liegt mittlerweile sogar bei 31 Prozent (vorher 30,8 Prozent). Vergleicht man die Angaben mit denen der OECD-Mitgliedstaaten, geht es nur Kindern in der Türkei noch schlechter.

Daniel Gottlieb, stellvertretender Generaldirektor des Bereiches Recherche beim NII, sieht den Grund für den Anstieg der Armut in erster Linie in der Kürzung des Kindergeldes im Jahr 2013 – eine Maßnahme des damaligen Finanzministers Yair Lapid (Jesch Atid). »2014 stiegen die Preise für Wohnraum stetig und mit ihnen die Armut. Denn die Kürzung des Kindergeldes beeinflusste das Einkommen der Familien das ganze Jahr über.«

Einkommen Als arm gelten alle Israelis, die unter dem Existenzminimum leben. Bei Einzelpersonen heißt das ab einem Einkommen von 3077 Schekel im Monat (umgerechnet etwa 732 Euro), bei Paaren ab 4923 Schekel (1172 Euro). Nicht genug zum Leben hatten nach dem Bericht des NII auch 13,1 Prozent aller arbeitenden Familien – im Vorjahr waren es 12,5 Prozent.

Auf die Gesamtbevölkerung von 8,4 Millionen berechnet, fallen insgesamt 22 Prozent der Israelis unter die Armutsgrenze. Viele der 776.000 betroffenen Kinder leiden vor allem an Hunger. »Latet«, der Dachverband der verschiedenen Hilfsorganisationen im Land, geht sogar davon aus, dass die reale Zahl der notleidenden Israelis eher bei 2,6 Millionen liegt. Das erklärte ein Sprecher des Verbands nach der Veröffentlichung des Berichts im Armeeradio.

Die meisten Hilfsinitiativen, wie Suppenküchen etwa, werden in Israel von privaten Sponsoren finanziert. Gidi Kroch, Chef der Hilfsorganisation »Leket«, richtet drastische Worte in Richtung Jerusalem: »Die Regierung versucht nicht einmal, die Armutskrise zu überwinden. Jahr für Jahr gibt die NII einen neuen Bericht heraus, und es geschieht nichts. Die Gräben innerhalb der Gesellschaft vergrößern sich stetig, und die Regierung kümmert sich nicht darum«.

kosten Die Einzigen, die an einer Lösung arbeiten, seien die Non-Profit-Organisationen im ganzen Land, die sogar ohne eine Leitstruktur der Regierung auskommen müssen. »Wenn der Status quo so bleibt, wie er ist, werden uns Armut und Hunger härter treffen als jeder Feind von außen«, hieß es.

Die Daten des NII-Reports zeigen deutlich die Unterschiede in den verschiedenen Gesellschaftsgruppen. 54,3 Prozent der ultraorthodoxen Familien zum Beispiel sind arm. Damit machen sie 17,5 Prozent der gesamten Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze aus. Auch bei den arabischen Israelis haben mehr als die Hälfte, nämlich 52,6 Prozent, nicht genug zum Leben.

Selbst wenn sich die Regierung des Problems bislang nicht effektiv angenommen hat, ist klar: Die Armut kostet den Staat immense Summen. Rund 50 Milliarden Schekel müssen jährlich durch Verlust der Arbeitsfähigkeit, durch direkte wie indirekte Kosten, die mit der Armut zu tun haben, abgeschrieben werden.

Frust Eine Summe, die nach Meinung des Knessetabgeordneten Eli Alalouf eingespart werden kann, wenn seine Verbesserungsvorschläge angenommen würden. Das Komitee für den Kampf gegen die Armut, dem er vorsitzt, hatte schon vor einer Weile Maßnahmen vorgetragen, die die Armutszahlen innerhalb von zehn Jahren um 40 Prozent reduzieren würden. Und das alles für sieben Milliarden Schekel. Doch, so ein frustrierter Alalouf, »es wurde nie genug Geld bereitgestellt«.

Goldie Sternbuch, Leiterin der Auslandsabteilung für die Hilfsorganisation Meir Panim, ist entsetzt: »Die Statistik dieses Jahres ist schockierend«. Meir Panim ist seit 15 Jahren eine stete Hilfe für die Armen. Die Institution gibt pro Jahr weit mehr als eine Million warmer Essen in ihren kostenlosen Restaurants aus, sie schnürt Feiertagspakete und hilft Holocaust-Überlebenden.

»Seit dem vorletzten Bericht wissen wir, dass immer mehr arbeitende Israelis von Armut bedroht sind. Das ist eine Tragödie«, meint Sternbuch. »Es war immer so leicht zu denken, dass die Armen eine Gruppe am Rande der Gesellschaft sind. Aber heute sehen wir, dass selbst die hart arbeitenden Leute nicht mehr über die Runden kommen.«

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